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Die sündige Anna und die Perlenblume

Pflanze der Woche, 13.–19. April 2026

Anna Blume stieg die knarzenden Treppen hinauf.
Das Treppenhaus war von jener üppigen, beinahe erstickenden Ornamentik, wie sie die letzten Jahre des Jahrhunderts hervorgebracht hatten – Stuck, Girlanden, ein wenig zu viel Gold.

Schon vor der Tür lag der Geruch von Terpentin in der Luft.

Sie läutete.

Der Maler öffnete.
Er trat beiseite, als habe er sie erwartet.

Das Atelier war hoch, halbdunkel, von schweren Stoffen gedämpft. Auf der Staffelei ein halbfertiges Bild: Fleisch im Schatten, Licht auf Haut, eine Frau, die mehr versprach, als sie zeigte.

Anna hatte eine Blume mitgebracht.

Sie ließ sich vor der Staffelei auf einen Hocker fallen – und zugleich glitt ihr Mantel, dieser schwarze, flauschige, undurchdringliche Mantel, von ihren Schultern.

Der Maler Franz war solche Anblicke gewohnt.
Er lebte davon.
Er liebte es, seine Kritiker mit Bildern zu reizen, die immer einen Schritt zu weit gingen.

„Deshalb bin ich hier“, platzte sie heraus.

„Ich weiß, meine Süße“, sagte er träge. „Also – wen willst du diesmal herumkriegen, du Früchtchen …?“

„Heino.“

Er zog die Brauen hoch.
„Wer ist denn das?“

„Geht dich nichts an. Du sollst malen.“

Und sie begann, ihm Anweisungen zu geben – kühl, präzise, als ginge es um ein Experiment.

Sie beschrieb ihm ihren Traum.
Wie sie Heino – den sie ja schon einmal beinahe, vielleicht auch ganz, in der Hand gehabt hatte – diesmal ganz zu sich ziehen wollte.

Franz sah sie an.
Den Körper. Den Blick. Diese Mischung aus Unschuld und Berechnung.
Auch ihn ließ das nicht kalt.

„Ich geh nur mal ins Bad, den Pinsel auswaschen, der ist doch ziemlich hart geworden“, sagte er und verschwand.

Als er zurückkam, hatte sie sich verändert.

Eine schwere Perlenkette lag um ihren Hals, schmiegte sich an die Haut wie etwas Lebendiges.
In der Hand hielt sie die Blume.

Langsam zupfte sie ein Blütenblatt nach dem anderen.

„Er liebt mich … liebt mich nicht …“

Sie lächelte dabei nicht.

„Die kommt mit aufs Bild“, sagte sie. „Unbedingt.“

„Du siehst verboten sündig aus“, murmelte Franz. „Huiuiui …“

„Du sollst eine Geschichte erzählen“, unterbrach sie ihn. „Wie ich ihn herumkriege.“

„Und dann?“

„Dann mache ich ein Repro. Und lasse es ihm zukommen.“

Franz lachte leise.
„Das sind noch gut hundertvierzig Jahre, meine Liebe.“

„Bis dahin werden die Farben wohl trocken sein“, sagte sie – und in ihrem Lachen lag etwas, das nicht ganz dieser Zeit angehörte.

„Also“, fuhr sie fort. „In der Mitte ich. Mit der Blume. Und die Perlenkette – die ist mir wichtig.“

„Wieso?“

„Du hast mich sonst immer mit dieser Schlange gemalt. Die fand ich scheiße. Perle passt besser.“

„Wieso Perlen?“

Sie sah ihn an, spöttisch.

„Na – bist du der große Symbolist oder ich?“

Franz grinste.

„Mehr noch“, sagte er, „ein Münchner Obsessionist.“

Sie winkte ab.

„Also hör zu. Erst verführe ich ihn in einem feinen Restaurant. Bei einer Pizza.“

Franz hob den Kopf.
„Pizza?“

„Ja. Und ich lasse dabei etwas tief blicken.“

„Das kann ich mir vorstellen“, murmelte er.

„Welche?“

„Die einfachste“, sagte sie. „Tomate, Mozzarella, Basilikum. Soll doch zur Blume passen.“

Franz nickte langsam.

„Und dann?“

„Dann führe ich ihn weiter. In meinen Garten.“

Sie beugte sich vor.

„Diese Blume hier“, sagte sie und hob sie leicht an, „die sollst du groß machen. Üppig. Vielleicht sogar hochstämmig.“

„Hochstämmig?“ fragte er.

„Aufrecht“, sagte sie. „Fest. Stramm.“

Ein kurzes Schweigen.

„Oder als Büsche“, fügte sie hinzu.

Franz lächelte jetzt offen.

„Und der Mann?“

„Der wird gefangen“, sagte sie ruhig. „In einem goldenen Käfig.“

Franz nickte.

„Das gefällt mir“, sagte er. „Die Frau als gefährliche Verführerin“

Er trat zurück, sah sie an, die Blume, die Perlen.

„Also gut“, murmelte er. „Ans Werk.“

„Und male die Blume richtig“, sagte sie.

„Gewiss, Fräulein Blume.“


Wir wollen an dieser Stelle nicht weiter zusehen, liebe Leser.
Bleiben wir bei dem, was sich erkennen lässt.


Fragen an unsere Leser

  • Um welche Pflanze handelt es sich?
  • Was hat es mit der Perlenkette auf sich?
  • Welche Rolle spielt die Pizza?
  • Und: Wer ist der Maler – und welches seiner berühmten Bilder wird hier zitiert?
  • War er ein Münchner Obsessionist?

Auflösung der letzten Pflanze der Woche: „Der kleine dicke Japaner“: Japanischer Ysander (Pachysandra terminalis).

Nhu Deng schrieb: „Japanischer Ysander (Pachysandra terminalis), häufig auch Dickmännchen, Dickanthere, Schattengrün oder nach der Gattung einfach Ysander oder Pachysandra genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Buchsbaumgewächse (Buxaceae). Sie stammt aus den Wäldern Japans und Chinas.“
Damit landete er richtig. Zuvor hätte er beinahe den falschen Flieger nach Südamerika bestiegen. Gut dass er schnell die Stevia-Cola stehen gelassen hat und nach einem „Last Call“ das richtige Gate nach Ostasien erreicht hat.

Der Japanische Ysander (Pachysandra terminalis) ist ein immergrünen Bodendecker aus Ostasien, der vor allem in schattigen Gärten verwendet wird. Seine dicken, lederartigen Blätter bilden dichte Teppiche; die kleinen weißen Blüten erscheinen im Frühjahr eher unauffällig.

Der Name der Pflanze führt direkt zum Kern des Rätsels:

Pachysandra setzt sich aus zwei griechischen Wortbestandteilen zusammen:
pachys („dick“) und andros / andras („Mann“).

Das „Y“ ist dabei kein ursprünglicher Anfangsbuchstabe eines eigenständigen Wortes, sondern gehört zum ersten Bestandteil pachys.

Im Deutschen wurde daraus der Name „Ysander“ gebildet – mit einem Y am Anfang, das sprachgeschichtlich gewissermaßen an die falsche Stelle gerückt ist.

Diese Verschiebung spiegelt das Motiv der Geschichte:
Etwas wird genommen, verlagert – und erscheint plötzlich bedeutender, als es ursprünglich war.

Der erwähnte Künstler ist Katsushika Hokusai. Katsushika Hokusai, geb. vermutlich am 31. Oktober 1760 in Warigesui, Honjo, östliches Edo/Kreis Katsushika, Provinz Musashi (heute Sumida, Tokio); † 10. Mai 1849 in Henjōin, Shōten-chō, Asakusa) war ein japanischer Maler und einer der wichtigsten Vertreter des Ukiyo-e-Genres. (Genau, Nhu Deng). Da sein berühmter Holzschnitt „Die große Welle vor Kanagawa“ derart berühmt ist, kennt man in Europa auch praktisch nur dieses. Das Motiv kam aber in unserem Bild nicht vor. Die Figuren auf den Booten sind dort keine Surfer, sondern Fischer, die in schmalen Booten gegen die Gewalt der Wellen anrudern.

Das Beitragsbild haben wir im Stile der vielen anderen Hokosai-Bilder malen lassen. Die kleinen Männlein sind ein Hinweis auf die „japanischen Dickmännchen“, also die Pflanze.

Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.

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