Pflanze der Woche, 11.-17. Mai 2026
Eigentlich wäre Heino dran gewesen.
Die Pflanze der Woche lag seit Tagen nicht in der Redaktion vor, und jeder wusste auch warum. Heino hatte offenbar wieder Wichtigeres zu tun gehabt. Oder jedenfalls etwas, das er für wichtiger hielt. Anna Blume vermutlich.
Nixi sprach seitdem nur noch von „dieser Anna“. Meist mit einem Wort davor, das Leonhard ihr jedes Mal auszureden versuchte. Ein N-Wort.
„Lass das doch“, sagte er noch, als sie den großen braunen Umschlag aus dem Redaktionsbriefkasten zog. „Man muss nicht alles eskalieren.“
„Ach was.“
Zu Hause legte sie den Umschlag auf den Küchentisch, riss ihn auf und zog ein Bild hervor.
Dann wurde es still.
„Leonhard“, sagte sie schließlich. „Sieh dir das an.“
Er trat näher.
Das Bild zeigte eine junge Frau in einem grellgrünen Kleid. Überall Schleifen. An der Bluse, an den Ärmeln, an der Taille. Fast wirkte es, als sei die Kleidung selbst aus zusammengebundenen Bändern gemacht. Um sie herum weiße Blütenbüschel. Und auf dem Kopf – Hasenohren.
„Jetzt lässt die sich schon als Playboy-Girl malen“, schimpfte Nixi. „Diese… Nu**“
„Nicht wieder dieses N-Wort“, sagte Leonhard müde.
„Aber schau sie dir doch an.“
Leonhard nahm das Bild vorsichtig in die Hand.
„Hm“, machte er.
„Hm?“ fragte Nixi scharf.
„Das kommt mir spanisch vor.“
„Mir auch. Wie alles hier in letzter Zeit.“
Leonhard kniff die Augen zusammen.
„Das ist doch dieser Stil. Dieser spanische Maler. Hofmaler. Späte Aufklärung, düstere Bilder, Erschießungen, Wahnsinn, Hexen und so weiter.“
„Du meinst den mit den finsteren Gemälden. Erschießung der Aufständischen?“
„Genau der. Ich komm bloß nicht auf den Namen.“
Nixi fasste sich an den Kopf.
„Und dieses Kleid! Anna trägt immer Grün. Schon früher.“
„Immer grün also“, murmelte Leonhard.
„Wie bitte?“
„Nichts.“
Er betrachtete die weißen Blüten.
„Und diese Schleifen überall.“
„Ordinär“, sagte Nixi.
„Oder ein Hinweis.“
„Worauf?“
Leonhard zeigte auf die Hasenohren.
„Vielleicht darauf.“
„Hasen?“
„Eher Kaninchen.“
„Schleifen – Schliefer -Kaninchen…“.. kommt mir eben sehr spanisch vor, das alles hier…. Leonhard runzelte die Stirn.
„Und was soll das nun wieder bedeuten?“, fragte Nixi.
Leonhard zuckte die Schultern.
„Vielleicht gar nichts. Vielleicht Spanien. Vielleicht Iberien. Vielleicht irgendeine alte Geschichte mit falschen Tieren.“
„Du redest Unsinn.“
„Durchaus möglich.“
Er legte das Bild zurück auf den Tisch.
„Jedenfalls glaube ich nicht, dass das wirklich Anna ist.“
Nixi verschränkte die Arme.
„Und wer dann?“
„Keine Ahnung“, sagte Leonhard. „Aber ich fürchte, die Leser müssen uns mal wieder helfen.“
Fragen an die Leserinnen und Leser
– Um welche Pflanze geht es diesmal?
– Was haben die Kaninchen – oder vielleicht doch keine Kaninchen – mit dem Namen der Pflanze zu tun? Und was mit dem Land?
– Welcher spanische Maler könnte hier als Vorbild für das Bild gedient haben?
– Und warum passen die vielen Schleifen erstaunlich gut zum deutschen Namen der Art?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche:„Frühstück bei Tiffani“: Iris graminacea, Grasblättrige Schwertlilie.
Meister Nhu-Deng – großes Lob ! schrob: „Weil ihre Blüten einen intensiven Duft verströmen, der stark an reife Pflaumen erinnert, bezeichnet man die Iris graminea als Pflaumeniris .
Tiffany-Stil Tiffany-Lampe
Diese kunstvollen Glaslampen sind benannt nach Louis Comfort Tiffany, dem bekanntesten Designereiner Ikonen des Jugendstils .
Bei der Tiffany-Technik werden die Glaskanten mit selbstklebender Kupferfolie umwickelt und anschließend miteinander verlötet. Dies ermöglicht sehr feine Linien und das Zusammenfügen von kleineren, komplex geformten Glasteilen.
Die Technik bei Mittelalterliche Fenstern ist eine ganz andere. Die Glasstücke werden in H-förmige Bleiruten gesteckt, deren Schnittstellen verlötet werden. Die Bleiruten sind deutlich breiter und sichtbarer als Kupferfolie“
Also: in der Tat: bei der Pflanze in der Vase handelt es sich um die Iris graminea, die Grasblättrige Schwertlilie.
Sie gehört zur artenreichen Gattung der Schwertlilien (Iris), die seit dem 19. Jahrhundert ein bevorzugtes Motiv der dekorativen Kunst war – insbesondere im Jugendstil. Ihre klaren Linien, die elegante Gliederung der Blüten und die schwertförmigen Blätter entsprachen genau jenem Formideal, das nicht mehr naturalistisch abbilden, sondern stilisieren wollte.
Duft und Wahrnehmung
Ein auffälliges Merkmal von Iris graminea ist ihr Duft. Anders als viele andere Schwertlilien verströmt sie ein deutlich fruchtiges Aroma, das häufig mit Pflaumen oder Zwetschgen verglichen wird. Dieser Geruch ist kein Zufall, sondern Ergebnis spezifischer Duftstoffe, die vermutlich Bestäuber anlocken. Für den Menschen wirkt er ungewöhnlich, weil man eine solche Note bei Blüten nicht erwartet.



Erscheinungsbild
Die Art unterscheidet sich deutlich von den bekannten Garten-Iris mit großen, auffälligen Blüten. Ihre Blätter sind schmal, grasartig und oft länger als der Blütenstängel. Die violetten Blüten erscheinen vergleichsweise niedrig und zurückhaltend, oft gut im Laub verborgen. Erst beim Näherkommen entfalten sie ihre Wirkung – sowohl optisch als auch olfaktorisch.
Standort und Verbreitung
Iris graminea ist in Mittel- und Südeuropa heimisch. Sie wächst bevorzugt an warmen, lichten Standorten, etwa in Trockenwäldern, an Waldrändern oder in buschigen Hängen. In Mitteleuropa gilt sie als regional selten und ist vielerorts geschützt.
Kulturgeschichtlicher Zusammenhang
Die Verbindung zum Jugendstil ergibt sich weniger aus der konkreten Art als aus der Gattung insgesamt. Schwertlilien wurden um 1900 vielfach als Ornament verwendet – in Wandgestaltungen, Textilien und besonders in der Glaskunst.
Die im Text angedeuteten Lampen gehören zu den sogenannten Tiffany-Lampen, benannt nach dem amerikanischen Künstler Louis Comfort Tiffany. Charakteristisch ist ihr Schirm aus farbigem Glas, das in aufwendiger Technik zusammengesetzt wird. Florale Motive – darunter häufig Iris – waren ein zentrales Gestaltungselement. Im Unterschied zu mittelalterlichen Buntglasfenstern werden die Gläser nicht mit Bleiruten zusammengefass, sondern an die Rändern mit dünner, flexibler Kupferfiolie eingeschlagen. Diese werden dann anschließend mit Lötzinn verbunden. So sind viel komplexere Formen möglich.
Synästhesie: Wenn Zahlen eine Farbe haben oder Gerüche Jugendstil sind.
Viele Menschen neigen zu dem Phänomen der Snästhesie. Dabei sind Sinneswahrnehmungen miteinander gekoppelt, die normalerweise getrennt arbeiten. Ein Reiz in einem Sinn löst automatisch eine zusätzliche Wahrnehmung in einem anderen aus.
Typische Beispiele sind:
– Farben hören (Töne haben für jemanden bestimmte Farben)
– Klänge schmecken
– Zahlen oder Buchstaben mit festen Farben verbinden
– Gerüche mit Formen oder Farben wahrnehmen
Wichtig ist: Das ist keine Einbildung im alltäglichen Sinn, sondern eine stabile, oft lebenslange Wahrnehmungsform. Wer etwa die Zahl Acht einmal als „lila“ erlebt, wird sie fast immer so empfinden.
Synästhesie tritt bei einem kleinen Teil der Menschen auf und wird in der Neurowissenschaft als besondere Form der Verarbeitung im Gehirn verstanden – vermutlich durch stärkere oder zusätzliche Verknüpfungen zwischen Sinnesarealen.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
2 comments on “Die Schleifen der Anna Blume”
– Um welche Pflanze geht es diesmal? Immergrüne Schleifenblume – Iberis sempervirens
– Was haben die Kaninchen – oder vielleicht doch keine Kaninchen – mit dem Namen der Pflanze zu tun? Und was mit dem Land? Im lateinischen Beinamen fällt der Begriff Iberis. Der Name „Iberis“ leitet sich von der antiken Bezeichnung der Iberischen Halbinsel ab, was auf ihre Verbreitung in mediterranen Gebieten hinweist. Daraus folgt spanischer Maler.
Bzgl. der Kaninchen würde ich sagen, dass es evtl. eine Futterpflanze sein könnte.
– Welcher spanische Maler könnte hier als Vorbild für das Bild gedient haben? Francisco José de Goya y Lucientes (hat sich aufs Bilde gemogelt). Es ähnelt auch dem Bild ‚Mädchen mit Blumenstrauß‘ von Jules-Cyrille Cave
– Und warum passen die vielen Schleifen erstaunlich gut zum deutschen Namen der Art? Wegen SCHLEIFENblume vielleicht?
Die schlaue Wikipedia schreibt: „Das Land Spanien verdankt seinen Namen den Kaninchen. Diese erinnerten die Phönizier auf ihren Seefahrten an die – nicht verwandten – Schliefer (phönizisch schapan) in ihrer Heimat. Daher nannten sie das Land Ishapan, was die Römer in Hispania umwandelten.
“
Dabei hält man gemeinhin Kaninchenzüchtervereine für ziemlich deutsch. Aber Kaninchen gibt es bei uns erst seit dem Mittelalter. Germanen kannten die putzigen Hasis noch gar nicht.
P.S. Unser lokaler Aldi hat gerade ganze küchenfertige Kaninchen im Kühlregal im Angebot. Habe gerade zugegriffen.