Skip to content
HalleSpektrum.de – Onlinemagazin aus Halle (Saale) Logo

Die Dame mit Hut und den schwarzen Augen

Pflanze der Woche, 24.-30. August 2026

Es roch wieder nach Terpentin. Und nach jenem eigentümlichen Geruch halbtrocknender Ölfarbe, der den einen an große Kunst erinnert, den anderen an Kopfschmerzen und den Maler selbst gewöhnlich an beides.

Heino öffnete vorsichtig die Tür zu Annas Atelier.

Anna stand vor der Staffelei und machte mit dem Pinsel noch jene letzten, kleinen Bewegungen, die ein Bild entweder vollenden oder, wie Heino aus Erfahrung wusste, für weitere drei Wochen unvollendet machen konnten.

„Seit wann malst du eigentlich impressionistisch?“, fragte er.

Anna hielt inne.

„Seit Dalarna.“

„Ach.“

„Weißt du doch noch. Als wir in Mora waren.“

Heino wusste es natürlich noch. Aber Männer sind gelegentlich der Ansicht, eine Erinnerung gewinne dadurch an Wert, dass man sich ein wenig bitten lässt.

„In dieser Ferienwohnung“, fuhr Anna fort, „bei diesem alten Rudbeck.“

„Rudbeck?“ war doch nicht alt. Der war doch noch ziemlich jung?

„Ja. Und gleich daneben stand doch das Haus von diesem zornigen Maler.“

Heino runzelte die Stirn.

„Der hieß aber nicht Rudbeck.“

„Nein. Irgendwie anders.“

Heino betrachtete das Bild.

Eine junge Frau stand darin vor einem Meer gelber Blumen. Sie trug einen gewaltigen Strohhut, und hinter ihr leuchteten Blüten, gelb wie ein schwedischer Julimittag.

„Selbstporträt?“, fragte Heino.

„Nicht ganz.“

Anna trat einen Schritt zurück.

„Weißt du noch, wie heiß es damals war? Und diese Farben! Dieses Gelb überall. Das hat mich nie wieder losgelassen.“

Heino schwieg.

„Und das Mädchen?“, fragte er schließlich.

„Welche?“

„Die mit dem Hut.“

Anna lächelte.

„Ach, die.“

„War das nicht die Tochter von diesem Rudbeck?“

„Hirta hieß sie.“

„Ja“, sagte Heino. „Irgendwie so.“

Er sagte es mit jener übertriebenen Gleichgültigkeit, die Anna sofort durchschaute.

„Du hattest dich damals ziemlich in sie verguckt.“

„Unsinn.“

„Diese schwarzen Augen.“

„Sie hatte wirklich schöne Augen.“

„Aha.“

Heino trat näher an das Bild.

Überall diese gelben Blumen. Und jede von ihnen hatte, mitten in ihrem leuchtenden Kranz, ein dunkles, beinahe schwarzes Auge.

Und was bedeutet der Korb?

„Ist eine rein familiäre Angelegenheit.

Anna legte den Pinsel beiseite.

„Das“, sagte sie, „müssen unsere Leser herausfinden.“

Sie betrachtete ihr Bild noch einmal, nickte und sagte:

„Fertig.“


Unsere Fragen

1. Welche Pflanze ist hier dargestellt?
Eine gelb blühende Schönheit mit dunklem Auge, die im Garten aussieht, als stünden dort Hunderte kleiner Sonnen, jede mit einem schwarzen Geheimnis in ihrer Mitte.

2. Wer war der geheimnisvolle Herr Rudbeck?
Und hieß dieser schwedische Gelehrte tatsächlich „Olaf“ – oder hat Anna, wie so oft, nur ungefähr zugehört? Und war der nun eher älter oder jünger?

3. Was bedeutet „hirta“?
Der Name des Mädchens ist natürlich kein Zufall. Er verrät etwas über die Pflanze – und zwar etwas, das man sehen oder zumindest fühlen kann.

4. Und schließlich der Korb:
Warum hat Anna ausgerechnet eine Hummel hineingesetzt? Sie soll nicht einfach niedlich aussehen. Sie ist ein Hinweis auf die große botanische Familie, zu der die gesuchte Pflanze gehört.

Wer die Antworten findet, weiß nicht nur, welche Dame mit dem Sonnenhut Anna gemalt hat, sondern auch, warum sie so heißt.

Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Das Schnurtelefon nach Japan) : Japanischer Schnurbaum

Tanc hatte die Lösung gleich: „Japanische Schnurbaum (Styphnolobium japonicum)[ auch Perlenschurbaumund andere Bezeichnungen, Früchte sind sog. Gliederhülsen, dienen der Weitervergreitung der Samen, heimisch in Fernost, also auch Japan, Früchte enthalten (Iso)-Flavone, die zusammen mit anderen Pflanzeninhaltsstoffen giftig sind, Robert Hooke, nein

Aber der Reihe nach: Die gesuchte Pflanze ist der Japanische Schnurbaum, wissenschaftlich Styphnolobium japonicum. Ältere botanische Literatur und auch der Gartenhandel führen ihn häufig noch unter seinem früheren Namen Sophora japonica. Botanisch gehört er zur Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). (Plants of the World Online)

Der Baum kann ein stattlicher, weit ausladender Baum werden. Im Hochsommer erscheinen seine zahlreichen kleinen, cremeweiß bis gelblich-weißen Schmetterlingsblüten in großen Rispen. Sie duften und werden gern von Bienen besucht. Die Blütezeit fällt damit in eine Jahreszeit, in der viele andere große Blütenbäume bereits verblüht sind.

Nach der Blüte entstehen die charakteristischen Hülsenfrüchte. Sie sind zwischen den einzelnen Samen deutlich eingeschnürt und erinnern dadurch an eine Schnur mit aufgereihten Perlen. Im Englischen wird der Baum deshalb unter anderem als „string tree“ bezeichnet. Auch der deutsche Name Schnurbaum geht auf dieses auffällige Aussehen der Früchte zurück.

Mit dem Telefon aus zwei Konservendosen hat das natürlich nichts zu tun. Aber Heinos Traum lag botanisch gar nicht so falsch: Wenn eine Frucht aussieht wie eine Schnur, ist es nicht weit bis zum Schnurtelefon.

Aber warum „Japanischer“ Schnurbaum?

Hier wird es interessanter.

Der Japanische Schnurbaum stammt nicht aus Japan, sondern aus China; sein natürliches Verbreitungsgebiet liegt vor allem in Zentral- und Südchina. Nach Japan wurde er schon früh eingeführt und dort unter anderem häufig in der Nähe buddhistischer Tempel gepflanzt. Von dort gelangte er weiter in die europäischen Gärten. (Plants of the World Online)

Der Artname japonicum bedeutet schlicht „japanisch“ beziehungsweise „aus Japan stammend“. Er entstand, weil Linné die Pflanze anhand von kultiviertem Material aus Japan beschrieb. So kann es geschehen, dass ein Baum einen geografischen Namen trägt, obwohl seine eigentliche Heimat ein anderes Land ist. (Plants of the World Online)

Auch der Gattungsname erzählt eine kleine Geschichte. Styphnolobium setzt sich aus griechischen Wortbestandteilen zusammen: styphno- bedeutet etwa „herb“, „herb-säuerlich“ oder „zusammenziehend“, lobion bezeichnet eine Hülse oder Schote. Der Name spielt damit auf den Geschmack der frischen Früchte an – auf jenes säuerlich-herbe Erlebnis, das Heino beim vorsichtigen Hineinbeißen hatte. (Wikipedia)

Und nun kommt der weniger appetitliche Teil der Geschichte:

Die Früchte und Samen sind giftig und sollten nicht gegessen werden. In ihnen kommen verschiedene Alkaloide vor, darunter Cytisin und weitere stickstoffhaltige Verbindungen. Deshalb ist die schöne grüne „Perlenschnur“ zwar botanisch höchst reizvoll, aber kulinarisch eine ausgesprochen schlechte Idee. (Pflanzen Toolbox)

Und was war nun Heinos Schnurtelefon?

Das sogenannte Schnurtelefon, im Englischen tin-can telephone oder auch lover’s telephone, ist eine denkbar einfache Form der Nachrichtenübermittlung: Zwei Konservendosen oder Becher werden mit einer straff gespannten Schnur verbunden. Spricht man in eine Dose, versetzt die Stimme deren Boden in Schwingung. Diese Schwingungen wandern über die gespannte Schnur zur anderen Dose und werden dort wieder als Schall hörbar.

Ganz so kindlich, wie es heute klingt, ist die Idee allerdings nicht. Der englische Naturforscher und Universalgelehrte Robert Hooke (1635–1703) experimentierte bereits in den 1660er Jahren mit der Übertragung von Schall durch einen gespannten Draht. Ein akustisches Schnurtelefon wird ihm für das Jahr 1667 zugeschrieben. Hooke war also, lange bevor Alexander Graham Bell das elektrische Telefon berühmt machte, einem Gedanken auf der Spur, der heute auf jedem Kindergeburtstag mit zwei Joghurtbechern und einem Stück Schnur wiederkehrt.

Allerdings darf man Hooke nicht ohne weiteres zum Erfinder des Prinzips erklären: Ähnliche mechanische Schallübertragungen waren schon früher bekannt; aus Südamerika sind sogar noch ältere Schnurtelefone überliefert. Hookes Verdienst liegt vor allem in seinen frühen wissenschaftlichen Experimenten mit der Schallübertragung über gespannte Drähte.

Heinos Plan, mit einem solchen Telefon von Halle nach Japan zu sprechen, wäre allerdings aus einem ganz anderen Grund gescheitert: Die Schnur muss gespannt sein – und sie kann nicht einfach durch die Erde laufen. Man hätte sich also zunächst auf eine wesentlich bescheidenere Entfernung einigen müssen. Etwa von einem Zimmer ins nächste. Oder, wenn die japanische Freundin wirklich weit weg war, doch besser auf ein richtiges Telefon.



Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.

One comment on “Die Dame mit Hut und den schwarzen Augen”

  1. Vater Olof Rudbeck der Ältere und Sohn Olof Rudbeck der Jüngere, beides bedeutende schwedische Wissenschaftler aus dem 17.Jh.
    Nach ihm und nach seinem Vater,ist die Pflanzengattung Rudbeckia aus der Familie der Korbblütler benannt. Eine Tochter „ Hirta „ ist nicht bekannt.
    Die Bezeichnung „hirta“bedeutet rau behaart, es wird in der Botanik für Pflanzen wie den Rauhen Sonnenhut (Rudbeckia hirta), unsere gesuchte Pflanze verwendet .

Schreibe einen Kommentar