Pflanze der Woche, 31. August bis 6. September 2026
„Ziemlich frauenfeindlich“, sagte Anna Blume.
Heino sah noch einmal auf das Bild.
„Ach was.“
„Ach was?“
„Man muss das historisch sehen.“
Anna drehte sich langsam zu ihm um.
„Du kannst nicht alles mit historischen Zusammenhängen entschuldigen.“
Das Bild, über das sie stritten, hing seit einigen Tagen in einer Ausstellung. Anna hatte es mitgebracht, genauer gesagt eine Postkarte davon. Eine junge Frau war darauf, wohl eine Köchin, die in einer grünen Suppe rührte. Offenbar eine Bohnensuppe. Sie halb entkleidet, während sich hinter ihr ein behaarter, gehörnt dargestellter Mann mit ausgesprochen unerquicklich lüsternem Gesichtsausdruck näherte.
„Der alte Sack geht ihr an die Wäsche“, sagte Anna. „Und Tausende von Museumsbesuchern schauen zu und greifen nicht ein.“
„Wie sollen die denn eingreifen? Das Bild ist mehrere hundert Jahre alt.“
„Das macht es nicht besser.“
„Außerdem“, sagte Heino, der nun schon ahnte, dass dies kein leicht zu gewinnendes Gespräch werden würde, „war das eben der Stil der Zeit. Mythologische Darstellungen. Faune, Dämonen, Silene, Nymphen. Solche Sachen.“
„Ja. Wo immer irgendwelche Frauen von irgendwelchen dicken, behaarten Kerlen verfolgt werden.“
„Quatsch.“
„Quatsch?“
„Ich glaube, das ist gar kein MeToo-Bild.“
Anna sah ihn an.
„Ach nein?“
„Also erst einmal: Das ist kein irgendwie alter Sack, der der Köchin an die Wäsche geht.“
„Sehe ich. Der Teufel.“
„Nein. Sein Vorgänger.“
Anna betrachtete die Gestalt noch einmal.
„Mit Eselsohren und Bockshörnern?“
„Ja“, bestätigte Heino.
„Das Bild ist gewissermaßen Satyre, und Satyre darf alles.“
„Schreibt man das nicht mit i? Satire?“
„Ist doch egal.“
„Nein“, sagte Anna. „Ist es nicht.“
Aber Heino war inzwischen in Fahrt gekommen.
„Jedenfalls will der da der Dame gar nicht an die Wäsche. Der zeigt ihr ein Kraut, das ihm wichtig ist. Und er wirft es ihr, von hinten kommend, in die Suppe.“
Anna betrachtete das Bild genauer.
„Stimmt.“
„Lecker“, fand Anna. „ Ich mag
Bohnensuppe. Besonders so gewürzt“
„Und jetzt, wo es auf den Winter zugeht …“
Sie bildete sioch ein, wie ein würziger, warmer Geruch von dem
Kraut aufstieg, das der Typ mit den Eselsohren in den Topf geworfen
hatte.“
„Im Winter.“
Anna sah ihn an.
„Und das Zeug ist dem alten Bock da heilig?“
„So ungefähr.“
Anna stellte die Postkarte auf den Tisch und verschränkte die Arme.
„Die Satire hat übrigens nichts mit deinem Bockshorntypen und seinem komischen Kraut zu tun“, dozierte sie. „Eher mit dieser vollen Schüssel, in der die Dame da rührt.“
Heino sagte zunächst nichts.
Dann betrachtete Anna die junge Frau auf dem Bild noch einmal.
Sie trat näher.
„Die sieht übrigens ziemlich nach Nixi aus.“
„Ach.“
„Wieso eigentlich?“
Heino spielte den Ahnungslosen.
„Hast du mit der immer noch was?“
„Nein.“
„Nein?“
„Nein.“
Anna nahm die Postkarte in die Hand.
„Das Bild ist ein Fake.“
Heino grinste.
„Ach.“
„Du hast hier alles arrangiert. Das Bild von diesem barocken Maler. Die Bohnensuppe. Das Winterkraut. Die ganze Szene.“
Heino grinste nun noch breiter.
„Klar doch.“
„Warum?“
„Ist doch wieder Zeit für Pflanze der Woche.“
Anna seufzte.
„Und was ist das nun für ein Teufelskraut?“
„Das“, sagte Heino, „müssen die Leser herausfinden.“
Unsere Fragen
1. Was für ein Kraut wirft
der gehörnte Herr der Köchin in die Bohnensuppe?
Es wächst gern dort, wo die Sonne scheint und der Boden steinig
ist. Während andere Kräuter den ersten Frost mit Bestürzung zur
Kenntnis nehmen, bleibt es erstaunlich standhaft.
2. Wer ist dieser merkwürdige
Typ eigentlich?
Ein Teufel ist er nicht – jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne.
Aber mit seinen Hörnern und seinem Tiergesicht gehört er zu den
Gestalten der antiken Mythologie. Haben Sie ihn vielleicht schon
einmal auf einem berühmten Gemälde gesehen?
3. Und wer ist der
Maler?
Ein Mann, dessen Name bis heute für üppige Körperfülle steht und
der Damen von durchaus kräftiger Erscheinung mit großer Hingabe auf
die Leinwand brachte.
4. Was bedeutet eigentlich
„Satire“?
Hat das Wort tatsächlich etwas mit dem Satyr hinter der Köchin zu
tun?
5. Oder hatte Anna am Ende
recht?
Führt die Spur vielmehr zu einer vollen Schüssel – zu einer
lanx satura, einer reichlich gefüllten Platte oder
Schale?
Und schließlich:6. Was hat der Neme des Dämons mit dem Namen der gesuchten Pflanze zu tun?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche „Die Dame mit Hut und den schwarzen Augen„): Schwarzäugige Rudbeckie (Rudbeckia hirta)
NhuDeng lag richtig, er schrieb: „Vater Olof Rudbeck der Ältere
und Sohn Olof Rudbeck der Jüngere, beides bedeutende schwedische
Wissenschaftler aus dem 17.Jh.
Nach ihm und nach seinem Vater,ist die Pflanzengattung Rudbeckia
aus der Familie der Korbblütler benannt. Eine Tochter „ Hirta „ ist
nicht bekannt.
Die Bezeichnung „hirta“bedeutet rau behaart, es wird in der Botanik
für Pflanzen wie den Rauhen Sonnenhut (Rudbeckia hirta), unsere
gesuchte Pflanze verwendet .“
Die gesuchte Pflanze ist die Schwarzäugige Rudbeckie (Rudbeckia hirta), im Englischen auch Black-eyed Susan genannt.
Sie gehört zur großen Familie der Korbblütler (Asteraceae) – und damit ist auch die Hummel im Korb erklärt. Die Asteraceae sind eine der größten Pflanzenfamilien überhaupt und umfassen neben Rudbeckien unter anderem Sonnenblumen, Margeriten, Astern, Löwenzahn und viele andere bekannte Garten- und Wildpflanzen.
Was wir bei der Schwarzäugigen
Rudbeckie für eine einzelne Blüte halten, ist botanisch gesehen ein
ganzer Blütenkorb. Im Zentrum sitzen zahlreiche
kleine, dunkle Röhrenblüten dicht nebeneinander. Sie bilden das
berühmte „schwarze Auge“. Die auffälligen gelben Zungenblüten am
Rand dienen vor allem dazu, Bestäuber anzulocken. Hummeln, Bienen
und andere Insekten finden dort Nahrung – weshalb Anna der jungen
Dame auf ihrem Bild ganz zu Recht eine Hummel in den Korb gesetzt
hat.
Die Heimat von Rudbeckia hirta liegt in Nordamerika. Dort wächst die Art in Prärien, auf Wiesen, an Waldrändern und auf offenen, gestörten Flächen. In Europa wird sie seit langem als Zierpflanze kultiviert und hat zahlreiche Sorten hervorgebracht. Je nach Standort und Varietät kann sie einjährig, zweijährig oder kurzlebig ausdauernd sein.
Wer war nun Herr Rudbeck?
Hier hatte Heino recht, Anna aber fast.
Der Name Rudbeckia erinnert an den schwedischen Gelehrten Olof Rudbeck den Älteren (1630–1702) und zugleich an dessen Sohn Olof Rudbeck den Jüngeren (1660–1740). Beide waren Professoren an der Universität Uppsala und bedeutende Naturforscher ihrer Zeit. Der jüngere Rudbeck beschäftigte sich besonders mit Botanik und Naturgeschichte; beide standen damit gewissermaßen in jener gelehrten Reihe, aus der später auch Carl von Linné hervorging.
Linné benannte die Gattung Rudbeckia zu Ehren von Vater und Sohn. Anna hatte also mit ihrem „Olaf“ nicht völlig danebengelegen – im Schwedischen heißt der Mann tatsächlich Olof. Und aus einem Olof wird bei einer etwas unaufmerksamen Pflanzenpraktikantin bekanntlich rasch ein Olaf.
Und was bedeutet hirta?
Der Artname hirta kommt aus dem Lateinischen und bedeutet behaart oder rauhaarig.
Die Schwarzäugige Rudbeckie trägt also ihren Namen nicht etwa wegen eines Mädchens namens Hirta, in das sich Heino während eines schwedischen Sommers verliebt hätte. Ihre Stängel und Blätter sind vielmehr deutlich behaart und fühlen sich rau an.
Rudbeckia hirta
bedeutet somit ungefähr:
„Die behaarte Rudbeckie.“
Und was hatte Dalarna damit zu tun?
Streng botanisch: nichts.
Aber die Erinnerung an Mora war
keineswegs zufällig gewählt. Anders Zorn
(1860–1920), der berühmte schwedische Maler, wurde in Mora
geboren und ist besonders für seine Darstellungen von Menschen,
Landschaften und dem ländlichen Leben seiner Heimat Dalarna
bekannt. Seine ehemalige Wohnstätte und das Zorn-Museum liegen noch
heute in Mora. Die grellen Sommerfarben und die junge Frau mit dem
großen Hut durften deshalb ruhig ein wenig an jene Welt
erinnern.

Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr
in unserem Archiv – alle, seit 2016.
One comment on “Der Suppendämon”
Bei der Pflanze handelt es sich um Bohnenkraut, hier, wegen des Bezuges auf Winter, um Winter-Bohnenkraut.
Auch als Satureja montana bekannt. Aus diesem leite ich den Namen der gehörnten Figur ab, es handelt sich um einen Satyr bzw. Faun.
Das Bild könnte, wenn es „echt“ und nicht KI wäre, ist im Stil des akademischen Realismus, der Salonmalerei oder der mythologischen Romantik empfunden. Bekannte Maler wären Bouguereau, Alma-Tadema oder Arnold Böcklin.
Das Wort Satire entstammt aus dem lateinischen satira, das wiederum aus satura lanx hervorging und ‚mit Früchten gefüllte Schale‘ bedeutet. In früherer Zeit wurde Satire fälschlicherweise auf Satyr zurückgeführt, daher die ältere Schreibweise Satyra.
Bohnenkraut war als „Kraut des Satyrs“ bekannt, in Bezug auf die mythologische Figur, halb Mensch und halb Ziege, mit einem unersättlichen sexuellen Appetit.