Skip to content
HalleSpektrum.de – Onlinemagazin aus Halle (Saale) Logo

Der dicke kleine Japaner

Pflanze der Woche, Ostermontag, 6. April – 12. April

Nixi war sehr traurig.
Es regnete. Gleichmäßig, ohne Eile.
Der Park war fast leer.

Sie ging den Weg entlang, den sie kannte. Die dicke grüne Jacke hatte sie zu früh im Jahr wieder hervorgeholt, aber sie ließ sie an.
Sie setzte sich auf eine Bank.
Dann weinte sie.

Nicht laut.
Eher, als sei etwas verrutscht, das lange an seinem Platz gewesen war.

Es war nicht nur der Betrug.

Es war, dass es Anna Blume gewesen war, die ihren Heino verführt hatte.
Genommen hatte.
Und er hatte es sich gefallen lassen. Das Schwein.
Seinen kleinen dicken Mann hatte er wohl – mal wieder – nicht im Griff gehabt.

Und dass es, wenn sie ehrlich war, nicht das erste Mal gewesen war.
Nicht einmal das erste Mal, dass er sich an etwas hielt, das nicht ganz stimmte.

Nicht nur im Bett.

Beim Scrabble zum Beispiel.
Da hatte er sie auch betrogen.
Wörter mit Y. Erfunden.
Und sie hatte sie gelten lassen.

Ein sehr dicker Mann setzte sich neben sie.
Sie hatte ihn nicht kommen sehen.

Er war klein, vielleicht sechzig. Sein Gesicht war ruhig.
Ein Japaner, dachte sie.

„Man sollte im Regen nicht allein weinen“, sagte er.

Nixi nickte.
„Er hat mich betrogen.“

Der Mann nickte.
„Das kommt vor.“

„Nicht so“, sagte Nixi.
„Nicht mit Anna Blume.“

Sie sagte den Namen langsam.

„Und nicht zum ersten Mal“, fügte sie hinzu.
„Nur das erste Mal, dass ich es nicht mehr übersehen konnte.“

Der Mann wartete.

„Sogar beim Scrabble“, schluchzte sie.
„Mit diesem Y.“

Der Mann lächelte schwach.

„Das Y“, sagte er. „Ein schwieriger Buchstabe.“

Er sah auf seine Hände.

„Eigentlich gehört er oft gar nicht an den Anfang“, sagte er leise.
„Er rutscht dorthin.“

Nixi sah ihn an.

„Wie meinen Sie das?“

Der Mann zuckte mit den Schultern.

„Man nimmt etwas, das irgendwo hingehört“, sagte er,
„und setzt es an eine andere Stelle.“

Er sah sie an.

„Dann wirkt es plötzlich besonders. Selten. Wichtig.“

Nixi schwieg.

„Ich bin ein dicker Mann“, sagte er dann. „Das sieht man.“

Eine kurze Pause.

„Aber man nennt mich das Y-Männchen.“

Er lächelte schief.

„Nicht Mann. Männchen.“

Jetzt begann er zu weinen. Leise.

Nixi sah ihn an.
Und dann veränderte sich das Bild.

Das Grün um sie herum wurde dichter.
Dicke, glänzende Blätter. Ruhig. Schwer.

Dazwischen kleine weiße Blüten, beinahe nebensächlich.

Und zwischen den Pflanzen bewegte sich etwas.

Kleine Gestalten. Rundlich.
Viele.

Sie tauchten auf und verschwanden wieder, als gehörten sie nicht ganz dazu.

„Was sind das für … Männchen?“ fragte Nixi.

Der Mann nickte.
„Kleine dicke Männer. Japanische. Die kriechen hier gern herum.“

Er sagte das, als sei es nichts Besonderes.

Dann, nach einer Weile:

„Vielleicht“, sagte er, „hat er dich gar nicht betrogen.“

Nixi drehte sich zu ihm.
„Wie bitte?“

„Vielleicht“, sagte er ruhig, „ist das alles nur erzählt.“

Er machte eine kleine Bewegung mit der Hand.

„So wie wir.“

Nixi schwieg.

„Gemacht?“, fragte sie.

„Gemalt“, sagte er. „Von einem Freund.“

Er suchte nach dem Namen.

„Der mit der Welle. Und dem Berg.“

„Fuji“, sagte Nixi.

„Ja“, sagte er.

Eine Pause.

„Und die Surfer“, sagte sie.

Der Mann schüttelte den Kopf.

„Keine Surfer“, sagte er.
„Fischer.“


Fragen an unsere Leser

  • Um welche Pflanze handelt es sich hier?
  • Was hat es mit dem „Y“ auf sich?
  • Wer ist der erwähnte Maler?
  • Und: Sind da wirklich Surfer auf der Welle?

Auflösung der letzten Pflanze der Woche: („Verpatzter Frühling“): Frühlings-Hungerblümchen (Erophila verna)

Die gesuchte Pflanze ist das Frühlings-Hungerblümchen (Erophila verna), ein unscheinbarer, aber ökologisch hochinteressanter Frühblüher aus der Familie der Kreuzblütengewächse (Brassicaceae).

Wie Heino richtig erkannt hat, sind die Blüten vierzählig aufgebaut – ein typisches Merkmal dieser Familie. Die Pflanze bleibt sehr klein und wird leicht übersehen: Oft erreicht sie nur wenige Zentimeter Höhe, ihre weißen Blüten wirken zart und beinahe beiläufig. Gerade diese Unauffälligkeit gehört zu ihrer Überlebensstrategie.

Das Frühlings-Hungerblümchen wächst bevorzugt auf extrem nährstoffarmen, offenen Standorten: auf Sand, Kies, Wegrändern oder in Pflasterritzen. Dort, wo andere Pflanzen kaum bestehen können, nutzt es seine Chance.

Sein Name verweist genau darauf: den „Hungerboden“, also Standorte mit minimaler Nährstoffversorgung.

Biologisch handelt es sich um einen Therophyten, also eine einjährige Pflanze mit sehr kurzem Lebenszyklus. Sie keimt früh im Jahr, blüht oft schon im März und bildet rasch Samen aus. Noch bevor Konkurrenzpflanzen richtig wachsen, hat sie ihren Lebenszyklus bereits abgeschlossen.

Diese Strategie erlaubt es ihr, Lücken im Ökosystem zu nutzen – gewissermaßen die flüchtigen Momente zwischen Winter und voller Vegetation.

Das Frühlings-Hungerblümchen ist zudem erstaunlich variabel und tritt in zahlreichen Kleinformen auf, die sich teils nur schwer unterscheiden lassen. In der Botanik gilt es daher als sogenannter Aggregatkomplex, also eine Gruppe sehr nah verwandter Formen.



Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.


5 comments on “Der dicke kleine Japaner”

  1. Das Y-Chromosom,oft umgangssprachlich mit dem männlichen Geschlecht assoziiert, hier als „Y-Männchen“ bezeichnet, ist eines der beiden Geschlechtschromosomen (Gonosomen) beim Menschen und vielen anderen Säugetieren.

    Es handelt sich um das berühmte Kunstwerk im Ukiyo-e Stil
    „Die große Welle vor Kanagawa“ des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai.

  2. Soll die Pflanze eine Stevia sein, oder eine Gardenie? Die “ Fischer“ sehen aus wie Japaner bei ihrer Morgengymnastik.

  3. Bei dem Begriff „Stevia“ ( ob es bei der Gesuchten darum handelt, weiß ich nicht) klappt mir aber das Messer in der Tasche auf: Novel-Food- Verordnung: https://de.wikipedia.org/wiki/Stevia

    Hier verbietet man Europäern den Gebrauch einer Pflanze, die gefahrlos seit Jahrhunderten von den Ureinwohnern In Lateinamerika genutzt wird. Es sei denn, ein US-Amerikanisches Unternehmen kauft die Prüfung, und darf es in Europa nur für sich nutzen ( Stevia-Cola).
    Man stelle sich vor, Südamerika würde Weizenmehl, Rind- und Schweinefleisch verbieten, erlaubt wäre nur Lama.

  4. Japanischer Ysander (Pachysandra terminalis), häufig auch Dickmännchen, Dickanthere, Schattengrün oder nach der Gattung einfach Ysander oder Pachysandra genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Buchsbaumgewächse (Buxaceae). Sie stammt aus den Wäldern Japans und Chinas.

Schreibe einen Kommentar