Pflanze der Woche, 20.-26. April 2026
Nixi war wütend, traurig, enttäuscht. Heinos Betrug würde sie nicht überwinden können, auch nicht wollen. Es war aus.
Zur Ablenkung ging sie zum Baumarkt, etwas ziellos stöbernd, keinen klaren Gedanken fassen könnend. Ihr Blick fiel am Eingang auf hübsche Pflanzen. Rote Blüten hingen daran wie kleine Tropfen, darüber ein dunkler violetter Kelch, als trüge jede Blüte ihren eigenen Schatten mit sich.
Doch eigentlich war ihr nicht nach Zierpflanzen. Sie überlegte, vielleicht eine davon zu kaufen – oder zwei. Aber irgendwie: nein. Keine Lust, keine Stimmung. Oder vielleicht doch? Schön waren sie ja.
Eigentlich wollte sie nach Kräutern sehen. Und nach einem Kräuterbuch, vielleicht mit der einen oder anderen Anregung für die Pflanze der Woche. Irgendetwas in dieser Art.
Lustlos stand sie vor dem Regal mit Pflanzenliteratur, das sich eher an schlichte Gemüter zu richten schien. Sie suchte etwas Intellektuelleres, Wissenschaftlicheres.
„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“
Der Mann war plötzlich da. Klein, würdig, mit eigentümlicher Selbstverständlichkeit. Baskenmütze, Pelz, ein Anflug von Gelehrsamkeit.
„Was mit Kräutern vielleicht“, sagte sie. „Aber nicht so einen Hausfrauenmist.“
„Dann sind Sie hier am falschen Ort“, erwiderte er ruhig. „Ich kann Ihnen aber gerne meine Bibliothek zeigen. Ich habe eine ganze Sammlung.“
Sie war empört über die plumpe Anmache – das Schicksal, das nun einmal schönen Frauen immanent ist.
„Ach, die Nummer mit der Briefmarkensammlung?“, fragte sie spöttisch.
Er versuchte zu erklären, dass er tatsächlich Spezialist sei, vermutlich sogar eine der größten Sammlungen besitze, die sie je gesehen habe. Und dass er selbst Kräuterbücher verfasst habe.
„Soso“, lachte sie, doch irgendwie fand sie den Typen interessant. Er wirkte klug. Und nicht so ein Dummkopf wie Heino.
Kurzum: Leonhard, so nannte er sich, hatte sie überzeugt.
Leichtsinnig ging sie mit. Sie stieg zu ihm in den Wagen. Ein alter Manta.
„Ob der wohl noch einen Fuchsschwanz dran hat?“, dachte sie.
Sie fuhren durch die regennasse Nacht. Der Regen peitschte, es wurde dunkel.
„Die Magellansche Wolke“, murmelte Leonhard, „da müssen wir durch.“
Im Radio sangen The Sweet.
„Fox on the Run“.
Er sang mit.
„Ist eher deine Zeit“, sagte Nixi.
„Zeit ist eine bewegliche Sache“, antwortete er.
„Ich schätze mal, du bist Mitte vierzig?“, fragte sie.
Er lachte kurz und sah sie an.
„Ich war zweiundvierzig. Damals, Fünfzehnhunderteinundvierzig.“
Nixi erschrak. Hatte Anna Blume wieder ihre Finger im Spiel? Doch es war ihr gleichgültig. Sie ließ sich treiben, in diese seltsame Mischung aus Traum und Gegenwart, und in den merkwürdigen Mann, der ihr plötzlich als aus besseren Zeiten gefallen erschien.
Das Haus lag still. Innen war es voller Bücher – keine Zier, sondern Arbeit.
„Setzen Sie sich“, sagte Leonhard.
Er legte ihr den Pelz um die Schultern. Eine Geste, die nichts verlangte und doch Nähe schuf.
„Wein?“, fragte er und schenkte Weißwein ein. Aus einem kleinen Fläschchen rieselte feines, schimmerndes Pulver in die Flüssigkeit, das sie tief purpurn färbte.
„Alter Trick“, lachte er. „Magenta nennt man das wohl.“
„Ich würde Weinrot sagen“, meinte sie. „Magenta ist doch etwas anderes.“
„Heißt aber so“, beharrte Leonhard. „Hat übrigens auch mit mir zu tun. Indirekt.“
Sie schlug das Buch auf.
„Mein Kräuterbuch“, sagte er. „Mein neuestes.“
Die Zeichnungen waren präzise, streng, fast holzschnittartig.
Im Raum standen wieder jene Pflanzen mit den roten Blüten. Leonhard bemerkte ihren Blick.
„Diese Pflanze werden Sie in meinem neuen Kräuterbuch nicht finden.“
„Und warum nicht?“
„Die wurde erst später entdeckt. Und dann –“ seine Brust hob sich leicht – „nach mir benannt.“
Verrückt, dachte sie.
Die Müdigkeit kam leise. Sie ließ sich fallen in Pelz, Kissen und Wärme und schmiegte sich an Leonhard.
Wenn es heute geschähe – warum nicht, dachte sie.
Beim Einschlafen fragte sie sich, ob man etwas aus Träumen mitnehmen könne. Und klammerte sich für einen Moment an ihn, als könne man Menschen aus der Nacht in den Morgen retten.
Ob sie ihn in Halle wiedersehen würde?
Liebe Leser, dann lassen wir sie schlafen. Wenn das kein böses Erwachen gibt.
Fragen an unsere Leser
Um welche Pflanze handelt es sich?
Woher stammen Gattungs- und Artname?
Wer ist dieser Leonhard?
Welches Werk hat er geschaffen?
Und was hat Magenta mit ihm zu tun?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche ( “ Die sündige Anna und die Perlenblume“):
Die gesuchte Pflanze ist die Strauchmargerite (Argyranthemum frutescens).
Ähnlich wie die gewöhnliche Wiesen-Margerite (Leucanthemum vulgare) gehört sie zur Familie der Korbblütler (Asteraceae). Die Strauchmargerite stammt ursprünglich von den Kanarischen Inseln. Als Zierpflanze wird sie in Mitteleuropa häufig in Kübeln, auf Balkonen oder als Sommerflor kultiviert. Charakteristisch sind ihre weißen oder farbigen (gelb, magenta, rosa) Zungenblüten um ein gelbes Zentrum sowie ihr buschiger, teils auch hochstämmig gezogener Wuchs.



Die Margerite ist seit der frühen Neuzeit eine klassische Symbolpflanze. Das Abzupfen der Blütenblätter („Er liebt mich – er liebt mich nicht“) steht für die Unsicherheit und das Schwanken der Gefühle.
Der Name „Margerite“ geht zurück auf das lateinische margarita, „Perle“, und letztlich auf das griechische μαργαρίτης (margarítēs). Die Verbindung von Blume und Perle ist also sprachgeschichtlich tief verankert.
Auch der Frauenname Margarete leitet sich hiervon ab.
Die im Text erwähnte Pizza ist die Pizza Margherita, benannt nach Königin Margherita von Savoyen. Ihre Zutaten – Tomate, Mozzarella und Basilikum – entsprechen den italienischen Nationalfarben.
So verbindet sich auch hier der Name „Margherita“ erneut mit der Pflanze – über die sprachliche Wurzel der „Perle“.
Der Maler, auf den angespielt wird, ist Franz von Stuck, und das Gemälde die „Sünde“, die seit 1893 in mehreren Varianten entstand.


Das zitierte Bildmotiv verweist auf seine berühmten Darstellungen weiblicher Verführung und Bedrohung, insbesondere auf Werke wie Die Sünde, in denen Frauenfiguren mit symbolischen Attributen – etwa einer Schlange – dargestellt werden.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
4 comments on “Der bezaubernde Leonhard und die Magenta-Blume”
Es geht um Fuchsien, eine Pflanzengattung, die nach Leonhart Fuchs, einem der Väter der Botanik, benannt wurtde. Sein Hauptwerk war „De Historia Stirpium“. Magenta:
Leonhart Fuchs war der Namensgeber für die Pflanzengattung der Fuchsien. Der französische Botaniker Plumier benannte sie um 1703 zu Ehren von Fuchs, da dieser ein Jahrhundert zuvor bahnbrechende Arbeit in der Pflanzenkunde geleistet hatte. Als im Jahr 1859 ein neuer synthetischer Farbstoff (Anilinrot) erfunden wurde, nannte man ihn zunächst Fuchsine, da sein leuchtendes Pink-Violett an die Blüten der Fuchsie erinnerte. Im selben Jahr fand die blutige Schlacht von Magenta in Italien statt. Zu Ehren des französischen Sieges wurde der Farbstoff kurz darauf in „Magenta“ umbenannt. Im RGB-Farbraum sind Magenta und Fuchsia absolut identisch. Beide teilen sich denselben Hex-Code #FF00FF.
Das ist eigentlich pervers, eine so schöne und wichtige Farbe (Grundfarbe im 4-Farbdruck) nach so einem furchtbaren Gemetzel zu benennen. Man stelle sich vor: Butscha-Blau oder Gaza-Grün.
Als Folge dieser Schlachten (Magenta 4. Juni, Solferino 24. Juni) wurde übrigens das Rote Kreuz gegründet.
Glückwunsch Rati! Leonard Fuchs zu kennen war vielleicht nicht so schwer, aber die Geschichte um die Farbe Magenta hat mich schon begeistert.
Hier gibt es noch etwas mehr zur Geschichte ders Farbtons Magenta: https://www.pixartprinting.co.uk/blog/magenta-colour/?srsltid=AfmBOorDHiTvJu67iZOW4UhrEEh6ps1REek2_e2Dd2rstYgXUsXYvmn6
Kurios ist, dass die telekom versucht hat, die grundfarbe Magenta als Marke für sich zu reklamieren, wozu es etliche Gerichtsauseinandersetzungen gab. Einige hat der „rosa Riese“ offenbar verloren, aber das Risiko, eine klage gen die Telekom zu gewinnen ist hoch: https://www.legalsmart.de/blog/versuche-gegen-das-magenta-monopol/
Ist schon ziemlich irre, dass der BGH der Telekom gestattet, die Anwendung einer Grundfarbe zu monopolisieren.