Pflanze der Woche, 27. Juli – 2. August 2026
Anna Blume hatte schon viele merkwürdige Aufgaben für die Pflanzenredaktion von Hallespektrum übernommen. Seit sie dort als Praktikantin arbeitete, lernte sie vor allem eines: Pflanzen begegnet man nicht nur im Gewächshaus, im Herbarium oder zwischen den Seiten alter Bücher. Manchmal stehen sie plötzlich mitten im Leben – und manchmal sogar mitten im Wald.
Um ein wenig Geld dazuzuverdienen, hatte Anna einen kleinen Auftrag für eine Boulevardzeitung angenommen. Ein Interview mit einem bekannten Unternehmer und Fernsehgesicht sollte es werden. Ein Mann, der den großen Auftritt liebte, der Luxus und Reisen nicht nur kannte, sondern gern darüber sprach: Roberto („Rooobert!).
Warum man sich ausgerechnet im Wald treffen sollte, blieb Anna zunächst ein Rätsel. Vielleicht wollte man eine neue Seite des Jetset-Lebens zeigen. Vielleicht sollte zwischen hohen Bäumen und grünen Blättern ein wenig Naturverbundenheit entstehen. Wer weiß, und Anna hatte ein mulmiges Gefühl.
So stand Anna schließlich zwischen Farnen, Moosen und alten Baumstämmen: die junge Pflanzenpraktikantin mit ihrem Notizbuch in der Hand und ihr gegenüber ein wirklicher Waldschrat, der mit diesem Typen aus dem Fernsehn und Glanz-Glamour-und Trashseiten für ältere Damen nun ja – ähnlich sah.
Anna hatte sich viele Fragen zurechtgelegt – doch als sie vor ihm stand, war sie plötzlich irritiert.
„Sie tragen ja einen Bart“, sagte sie schließlich etwas unbeholfen. „Roberto“ grinste, zeigte seine strahlend weißen Zähne in breitem Lachen, was mehr etwas von Flöetschen hatte, und deutete auf eine Pflanze am Wegesrand.
„Dat hät jet mit dä Blöömscher he ze donn“, erklärte er in seinem unverkennbaren Singsang. Anna blickte auf die Pflanze. Sie wuchs dort, als hätte sie schon immer zu diesem Wald gehört. Aus dem grünen Blätterwerk erhoben sich hohe, elegante Blütenstände. Viele kleine, helle Blüten saßen dicht gedrängt zusammen und bildeten eine große, lockere Wolke. Fast erinnerte die Pflanze an einen weißen Bart, der sich über das Grün gelegt hatte.
„Wie meinen Sie das?“, fragte Anna.
Roberto zeigte erneut auf die Pflanze.
„Die sieht doch aus wie ein Bart.“
Anna musste lachen. Doch dann fiel ihr Blick auf das T-Shirt des Unternehmers. Darauf war ein Totenschädel abgebildet. trash-design, dachte sie sich. Wie kann man mit so einem müll reich werden? Doch das fragte sie besser nicht.
„Isch han auch zwei Häuser“ prahlte er. „Sang Tropeez und Monacko. Ävver hat die ja ooch, isch meine zwei Häuser“.
„Und hat der Totenschädel da auch etwas mit der Pflanze zu tun?“, überhörte Anna die Prahlerei und die Andeutung.
„Roh dät isch die nit essen. Jiftisch.“
Anna erschrak.
„Giftig?“
„Aber jekoch escht lecker“, erklärte er. „In Sang Tropeez dun mir dat manchmal wie Spargel essen.“
Anna war nun völlig verwirrt. Ein Waldspaziergang, ein bärtiger Unternehmer mit merkwürdiger Aussprache, eine Pflanze mit seltsamem Namen und eine Geschichte über Gemüsegerichte im Süden Frankreichs – das war mehr, als sie erwartet hatte.
Nun lassen wir das. Es interessiert unds nicht was der Waldschrat und Anna jetzt weiter im Wald treiben werden, ob er sie in seine zwei Häuser einlädt, ob sie ihm daraufhin eine knallt oder was sonst im Walde geschieht.
Und deshalb fragen wir unsere Leserinnen und Leser:
Welche Pflanze kann das sein?
- Welche Pflanze trägt einen Namen, der an einen Bart erinnert und im Wald mit ihren weißen Blütenständen auffällt?
- Warum sollte man diese Pflanze nicht roh essen?
- Roberto Geiss besitzt zwei Häuser – eines in St. Tropez und eines in Monaco. Auch im Namen der gesuchten Pflanze findet sich ein Hinweis darauf, dass sie „zwei Häuser“ besitzt. Was bedeutet das?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Anna Blume in Weimar): Weidenblättriger Spierstrauch
Gesucht war der Weidenblättrige Spierstrauch (Spiraea salicifolia L.). Die Art gehört zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Sie ist ein sommergrüner Strauch, der Wuchshöhen von etwa ein bis zwei Metern erreicht. Kennzeichnend sind die schmal lanzettlichen, gesägten Blätter, die an Weidenblätter erinnern und der Art ihren deutschen Namen gegeben haben. Die zahlreichen kleinen rosafarbenen Blüten stehen in aufrechten, dichten Rispen und erscheinen von Juni bis August.
Das natürliche Verbreitungsgebiet reicht von Osteuropa über Sibirien bis nach Ostasien. In Mitteleuropa wurde der Weidenblättrige Spierstrauch bereits im 16. und 17. Jahrhundert als Ziergehölz eingeführt. Er verwildert gelegentlich und wächst bevorzugt an feuchten Standorten wie Flussufern, Gräben, Auen, Mooren und nassen Wiesen.
Die im Rätsel gezeigte Herbariumseite stammt aus dem Herbarium Johann Wolfgang von Goethes. Goethe begann um 1770 mit dem Anlegen seiner Pflanzensammlung. Ein Teil der Belege wurde von ihm selbst gesammelt, zahlreiche weitere erhielt er von Botanikern und Sammlern seiner Zeit. Das Herbarium diente ihm sowohl naturwissenschaftlichen Studien als auch seinen Untersuchungen zur Pflanzenmorphologie.



Die gezeigte Herbariumseite trägt die Beschriftung „Spierpflanze mit dem Weidenblatte“ (Spiraea salicifolia L.). Das Original befindet sich heute in den Sammlungen der Klassik Stiftung Weimar. Es ist digitalisiert und über die Digitalen Sammlungen der Klassik Stiftung Weimar frei zugänglich. Dort trägt der Beleg die Inventarnummer GNH 0206.
Goethes Herbarium gehört zu den bedeutendsten erhaltenen historischen Pflanzensammlungen Deutschlands. Es dokumentiert nicht nur den Kenntnisstand der Botanik um 1800, sondern gibt zugleich Einblick in Goethes lebenslanges Interesse an der Naturwissenschaft und an der Gestalt der Pflanzen.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
One comment on “Der bärtige Waldschrat: eine Begegnung zwischen Botanik und Jetset”
Gesucht wird der Wald-Geißbart (Aruncus dioicus),
Der Wald-Geißbart enthält wenige Blausäure-Glykoside und sollte deshalb nur gekocht genossen werden.
Der Wald-Geißbart ist zweihäusig getrenntgeschlechtig (diözisch), also befinden sich männliche und weibliche Blüten auf verschiedenen Pflanzenexemplaren.