Pflanze der Woche, 16.–22. März 2026
Die zunehmenden Beschwerden hatten sie schließlich doch zu Dr. Netzblatt, dem Augenarzt, geführt.
„Was führt Sie zu mir?“, fragte er und blickte in ihre auffallend blauen Augen.
Einen Moment lang vergaß er beinahe seine professionelle Haltung. Solch ein tiefes Blau sah selbst ein erfahrener Ophthalmologe nicht alle Tage. Es schimmerte klar und kühl – wie ein Frühlingstag nach dem letzten Schnee.
„Es ist wegen der nächsten Pflanze der Woche“, erklärte sie.
„Ich soll einen Frühblüher beschreiben. Aber wenn ich mir die Blüten genauer ansehe, verschwimmt alles. Und die Augen brennen.“
„Soso. Pflanzenredaktion“, murmelte Dr. Netzblatt.
Er beugte sich näher heran.
„Dann schauen wir uns das einmal genauer an. Ich muss zunächst Ihre Reticula sehen.“
Er richtete die Lampe seines Untersuchungsgeräts auf ihre Augen. Das Licht blendete.
„Hm“, sagte er nachdenklich. „Die Reticula scheint in Ordnung zu sein.“
„Die was?“
„Die Netzhaut“, erklärte er. „Sozusagen der Bildsensor Ihres Auges.“
Sie blinzelte noch ein wenig benommen vom Licht.
„Aber es gibt viele mögliche Ursachen. Das müssen wir genauer prüfen.“
Plötzlich runzelte er die Stirn.
„Sagen Sie mal – dieses Haarnetz auf Ihrem Kopf. Ist das Mode?“
„Das Netz?“ Sie zögerte. „Ähm … nein. Das hat mit der Pflanze zu tun.“
„Aha“, sagte er und tat so, als habe er das verstanden.
Er betrachtete erneut ihre Pupillen.
Im Licht der Lampe begann eine von ihnen seltsam zu schimmern.
Das Licht brach sich darin – ein feines Farbspiel, fast wie ein kleiner Regenbogen.
„Das irisiert aber ganz schön“, murmelte der Arzt.
„Irisieren?“
„So nennen wir das, wenn Licht in vielen Farben schillert.“
Nach einer Weile fragte er beiläufig:
„Und sagen Sie mal – seit wann tragen Sie diese?“
„Diese was?“
„Ihre gefärbten Kontaktlinsen.“
Sie errötete.
„Öhm … die Männer stehen halt auf blau.“
Dr. Netzblatt nickte ernst.
„Ihre Augen sind gereizt. Solche Linsen können Entzündungen verursachen. Das sollten Sie besser lassen.“
Er lehnte sich zurück.
„Und was Ihre Pflanze betrifft – da schauen wir doch einfach einmal im Netz nach. Dann finden wir sicher heraus, wie alles zusammenhängt: der Regenbogen, das Netz – und die Zwiebel Ihrer hübschen blauen Blume.“
Er lächelte.
„Kommen Sie in einer Woche zur Nachbesprechung wieder. Dann wissen auch Ihre Leser Bescheid.“
Genau, liebe Leser:
Welche Pflanze, die wir jetzt im März in vielen Gärten und Parks als Frühblüher bewundern können, könnte hier gemeint sein?
Und was hat sie mit
- dem Regenbogen,
- einem Netz,
- und der Iris im Auge zu tun?
Wäre ihr Name nicht auch ein schöner Vorname?
– Wenn jemand etwas in schillernden Farben schildert, wie hängt ds etymologich zusammen? Und das verkehrsschild?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche („Feuchtgebiete: mit Anna Blume ins Blumentopfmoor“): Sumpf-Torfmoos – Sphagnum palustre
Gesuchte Pflanze: Sumpf-Torfmoos – Sphagnum palustre
Familie: Sphagnaceae
Klasse: Sphagnopsida
Merkmale von Sphagnum palustre
- Stämmchen mit dicht stehenden Seitenästen, sternförmige Astbüschel
- Hohe Wasserspeicherfähigkeit dank spezieller Hyalinzellen
- Farbton gelblich-grün bis bräunlich
- Bildet dichte Moosfilze, die Böden schützen und Feuchtigkeit speichern





Weitere verbreitete Torfmoosarten Mitteleuropas:
- Sphagnum magellanicum
- Sphagnum fallax
- Sphagnum capillifolium
- Sphagnum cuspidatum
Ökologische Bedeutung
Torfmoose sind Schlüsselarten in Moorökosystemen:
- Speichern Wasser bis zum 20–30-fachen ihres Trockengewichts
- Obere Pflanzenteile wachsen weiter, untere sterben langsam ab → Bildung von Torfschichten
- Unter geeigneten Bedingungen entstehen Hochmoore
Standortfaktoren:
- Hoher Niederschlag
- Geringe Verdunstung
- Saure, nährstoffarme Böden
- Meist in Mittelgebirgen und Alpenvorland
Antibakterielle Eigenschaften
Torfmoose hemmen Mikrobenwachstum durch:
- Sauren pH-Wert
- Phenolische Substanzen wie Sphagnol
- Hohe Wasseraufnahmefähigkeit
Historisch nutzte man Torfmoos als Wundverband, etwa im Ersten Weltkrieg, da es Infektionen verhinderte.
Bedeutung für die Pflanzenanzucht
Torfmoos als Substrat bietet:
- Hohe Wasserhaltefähigkeit → konstante Feuchtigkeit für Keimlinge
- Gute Belüftung der Wurzeln
- Natürliche Hemmung von Pilz- und Bakterienkrankheiten
Kokossubstrate besitzen diese Eigenschaften in geringerem Maße, weshalb Tomaten in Kokos häufiger anfälliger für Krankheiten sind.
„Schlangenmoos“
Manchmal wird Torfmoos im Englischen als „snake moss“ bezeichnet. Der Name bezieht sich auf die schlangenartig verzweigten Triebe der Pflanze – die Inspiration für die schlangenartigen Bewegungen im Text.
Herkunft des Ortsnamens und Landschaft



Drei Annen Hohne geht auf den frühen Bergbau im Harz zurück:
- 1770 wurden drei Bergwerksanteile (Kuxe) an den Grafen, seine Tochter Anna und eine Nichte Anna vergeben → „Drei Annen“
- „Hohne“ verweist auf die nahegelegenen Hohneklippen, markante Granitfelsen
Das Blumentopf-Moor bei Drei Annen Hohne:
Strenger Naturschutz – Entnahme von Moos oder Torf für Töpfe ist nicht erlaubt
Am Rande des Nationalparks Harz gelegen
Seit 2005 durch Wiedervernässung vor Austrocknung geschützt
Torfmoose und Wollgras kehren zurück
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
2 comments on “Deine blauen Augen”
Pflanze: Schwertlilie (Iris x germanica)
Zusammenhang Regenbogen: Die Gattung wurde von Carl von Linné nach der griechischen Göttin des Regenbogens (griechisch ‚Iris‘, deutsch ‚Regenbogen‘) benannt. Es gibt eben auch die Regenbogen-Schwertlilie. Iris blühen zudem in fast allen Farben des Regenbogens.
Zusammenhang Netz: Vielleicht wegen der netzartigen Zwiebelhaut?
Zusammenhang Auge: Vielleicht weil die Iris im Auge genauso eine Farbenvielfalt wie ein Regenbogen haben kann?
Nein, Iris germanica ist kein Frühblüher, blüht im Sommer. (Von wegen, #deutsch denken und so)
Das Netz ist ein wichtiger Hinweis.