Bruder Wassilios hatte es immer schon geahnt: Apicio, diesen
Novizen, der aus dem italienischen Neapel zu ihnen gekommen war, um
die Riten der griechischen Orthodoxie kennenzulernen, hätte man
nicht im Kloster aufnehmen sollen. Zwar machte er sich als Hilfe in
der Küche ganz gut, aber einige Dinge, die er aus der
neapolitanischen Küche mitgebracht hatte, erschienen den
rechtgläubigen Klosterbrüdern gefährlich, bedenklich oder gar
giftig. Die roten Früchte, die er im Ofen auf die Pita gegeben
hatte, galten doch bislang als schädlich. Doch das Schlimmste, ein
wirkliches Sakrileg war, die Kräuter aus den Töpfen, die sie vor
ihrer Basilika aufgestellt und geweiht hatten, damit man sich
während der Liturgie damit besprenge, abzuschneiden und als Krönung
darauf zu tun. Den Rest der Pflanze hatte er auch noch mit Käse und
Öl zerstampft und die giftgrüne Paste „Mörsergericht“ genannt. Man
erinnerte sich noch mit Schrecken, als zu Mitternacht aus dem
derart verstümmelten Pflanztopf plötzlich unheimliche Würmer
hervortraten, Skorpione hervorschossen, bis endlich jene
hahnenkrallige, unheilvolle Drachenschlange erschien. Ihr
stinkender Atem war unerträglich und sie hatten sie nur unschädlich
machen können, indem sie der Bestie einen Metallspiegel vorhielten:
so kehrte sich der tödliche Blick gegen sie selbst. Dabei hatten
doch schon die alten Gelehrten gewusst, dass dieses Gewächs den
Menschen in der Nahrung schade, dass es den Augen, dem Magen, sogar
dem Urin schade. Und wenn man das Kraut unter einen Stein lege,
entstünden dort giftige Skorpione: das konnte man alles nachlesen.
Segensreich wird das Kraut nur in der Hand des Priesters, um damit
die Gläubigen zu segnen – es ist ein mächtiges Zauberkraut, das
aber keinesfalls ins Essen gehört. Ein wahres Pharmakon, ein
Königskraut. Und richtig: in dem Buch des antiken griechischen
Kochs, der bei Kaiser Nero im Dienste war, kam das Kraut nicht ins
Essen. Warum nur hielt man sich heute nicht mehr an die Regeln der
Alten?
Eine merkwürdige Geschichte mal wieder. Aber tatsächlich reden wir
von einer Pflanze, die aus der italienischen Küche nicht
wegzudenken ist. Es ist ein Gewächs, an dessen Gebrauch die
römische Reichsteilung noch nachvollziehbar ist: im oströmischen
Reich kommt sie nicht ans Essen, nicht in Athen, in Istanbul und
Palmyra allenfalls gelegentlich.
• Um welche Pflanze geht es hier?
• Was ist dieser Apicio für ein Koch?
• Was ist das für eine „Mörserspeise“?
• Mehrfach taucht im Text ein König auf. Wo?
• Am 11. Juni 1889 fand ein Ereignis statt, bei dem unsere Pflanze
eine entscheidende Rolle spielte. Welches?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Blüchensex im Regen aus heiterem Himmel): Wetteranzeigendes Drehmoos, Funaria hygrometrica.
User Agricola hat mit seinen Bemerkungen vorsichtig angedeutet:
wir suchten das Wetteranzeigende Drehmoos. Es ist ein sehr kleines,
unscheinbares Pflänzchen, kaum mehr als 2 cm hoch. Die Moosart ist
besonders erkennbar an ihren langen, gedrehten Sporenkapseln
(Sporophyten), die an dünnen Stielen (Setae) hängen. Diese Kapseln
vollführen eine hygroskopische Bewegung, was bedeutet, dass sie
sich bei Feuchtigkeitsänderungen verdrehen.
Wie bei allen Moosen ist das, was wir sehen, der „haploide
Gametophyt“. Der Körper der Pflanze trägt also nur den halben
Chromosomensatz. Anders als bei Blütenpflanzen, wo die Pflanze
einen doppelten Chromosomensatz trägt, und nur der Pollen und die
Eizellen haploid sind. Diese bringen dann Eizellen und Spermazellen
hervor. Und die sind auf Nässe angewiesen: nur so können sie
losschwimmen und die Eizellen befruchten. Daraus entsteht auf der
Moospflanze ein diploider Körperteil, die Sporenkapsel. Dort
wiederum entstehen haploide Sporen, die durch die ruckartigen
Bewegungen bei Feuchtewechsel verbreitet werden. Das unscheinbare
Drehmoos ist eine typische Pionierpflanze, die schnell auf
gestörten Böden und Flächen wächst, oft bevor andere Pflanzen sich
ansiedeln können. Weil sie sich gerne auf Brandstellen ansiedelt,
heißt sie im Englischen auch „Bonfire Moss“, „Lagerfeuermoos“.
Was hatte es mit dem merkwürdigen Regen auf sich? Nein, der Regen stammt nicht von Blattläusen, sondern von der Weidenschaumzikade (Aphrophora salicina). Das Insekt ist etwa 10-12 mm lang, braun bis grau gefärbt und hat eine charakteristische Sprungkraft. Es bevorzugt Weiden als Wirtspflanzen. Die Weibchen legen ihre Eier in die Rinde oder die Blätter von Weiden. Nach dem Schlüpfen leben die Larven in selbst erzeugtem Schaum, der sie vor Austrocknung und Feinden schützt. Der scheinbare „Regen“ aus Weiden entsteht durch die Ausscheidungen der Weidenschaumzikadenlarven. Die Larven saugen Pflanzensaft aus den Weiden und scheiden überschüssige Flüssigkeit aus. Diese Ausscheidungen, zusammen mit dem schützenden Schaum, tropfen von den Bäumen herab. Bei starkem Befall kann es zu einer so großen Menge an Ausscheidungen kommen, dass sich richtige Pfützen bilden.
Alle seit 2016 vergangenen Wochenpflanzen findet Ihr hier im Archiv.
One comment on “Das Kraut des Wassilis”
– Basilikum (Ocimum basilicum)
– nach Marcus Gavius Apicius benannnt?
– Pesto
– Basilikum wird auch Königskraut genannt
– Pizza Magherita erfunden, angeblich