Pflanze der Woche, 19.-24.Mai 2026
Auch in Halle herrschte wieder einmal Ausnahmezustand. Am sogenannten „Männertag“. Der eigentlich einmal Christi Himmelfahrt hieß und bis heute als gesetzlicher Feiertag unter diesem Namen geführt wird.
Auf der Peißnitz zogen seit dem Vormittag Männergruppen umher, ausgerüstet mit Bollerwagen, Wanderstöcken, Fahrradklingeln und Schnapsflaschen. Alte Männer mit roten Gesichtern. Junge Männer mit alten Liedern.
Heino war mittendrin.
Eigentlich arbeitete er als Redakteur der Pflanzenrubrik von Hallespektrum. Doch an diesem Tag hielt er einen klingelnden Wanderstock offenbar für wichtiger als jede Botanik.
Mit ihm unterwegs war Jakob, den er noch aus Schulzeiten kannte.
Und vor allem: keine Frauen.
Heino vermisste weder seine Exfreundin Nixi noch Anna Blume. Im Gegenteil. Gröhlend vor Lachen torkelten sie über die Peißnitzbrücke am Gut Gimritz entlang. Irgendwer sang schief. Irgendwer klingelte ohne Unterlass.
An mehr erinnerte sich Heino später kaum noch.
Wohl am nächsten Morgen. Oder vielleicht auch erst gegen Abend. Er wusste es nicht. Irgendwann musste er sich auf das Gras der Ziegelwiese geworfen haben.
Als er wieder zu sich kam, hörte er Schritte.
„Naa, Bruder Jakob, schläfst du noch?“
Heino öffnete mühsam die Augen.
Der Himmel über ihm war milchig und hell. Neben ihm standen blaublühende Pflanzen im Gras. Ihre Blätter waren fein gegliedert, regelmäßig angeordnet, fast wie kleine Sprossen.
Heino setzte sich langsam auf.
Der Traum hing ihm noch nach.
Esau. Natürlich Esau.
Er hatte von Jakob geträumt, vom Betrug am Bruder, vom erschlichenen Segen und von schlechtem Gewissen. Und wie Träume nun einmal arbeiten, hatte sich alles vermischt. Jakob war plötzlich Heino gewesen. Der Betrüger. Derjenige, der Nixi hintergangen hatte.
Und dann diese Leiter.
Eine riesige Leiter, die bis in den Himmel reichte.
Im Traum waren seine Kumpels hinaufgestiegen. Und wieder herunter. Laut lachend, mit ihren Klingelstöcken und Schnapsflaschen, als wäre selbst der Himmel noch Teil ihres Ausflugs.
Heino rieb sich das Gesicht.
„Nie wieder“, murmelte er.
Neben ihm summte eine Hummel in den blauen Blüten. Sein Klingelstock lag im Gras dazwischen.
Au weia.
Was war das für ein Bild gewesen?
Er meinte, so etwas schon einmal gesehen zu haben. Typisch Barock, dieser offene Himmel. Wie im Treppenhaus der Würzburger Residenz. Dieses riesige Deckengemälde von dem Italiener.
Ja.
Und diese Leiter …
Wo kam sie her? Und was hatte das alles mit den blauen Blumen zu tun, die um ihn herum wuchsen?
Im Hintergrund seines Traums stritten sich noch immer zwei Männer darüber, wer die Pflanze zuerst entdeckt habe. Ein richtiger Krieg beinahe. Vollkommen absurd.
Fragen über Fragen.
Und jetzt sind unsere Leser dran:
- Was ist das für eine Pflanze mit den blauen Blüten?
- Was hat es mit der Leiter auf sich – und was mit Jakob?
- Der Streit zwischen den beiden Männergestalten soll sogar im Gattungsnamen der Pflanze stecken. Warum?
- Welcher Maler schuf jene berühmten barocken Deckengemälde, an die Heino sich erinnert – und wo wirkte er? Er hat übrigens auch so ein Leiterbild geschaffen mit so einem Schlafenden davor. Das hier:

Auflösung der letzten Pflanze der Woche: (Die Schleifen der Anna Blume) Iberis sempervirens, die Immergrüne Schleifenblume.
Da lag Gork vom Ork ziemlich richtig, als er schrieb:
„Um welche Pflanze geht es diesmal? Immergrüne Schleifenblume – Iberis sempervirens



Und was mit dem Land? Im lateinischen Beinamen fällt der Begriff Iberis. Der Name „Iberis“ leitet sich von der antiken Bezeichnung der Iberischen Halbinsel ab, was auf ihre Verbreitung in mediterranen Gebieten hinweist. Daraus folgt spanischer Maler.
– Welcher spanische Maler könnte hier als Vorbild für das Bild gedient haben? Francisco José de Goya y Lucientes (hat sich aufs Bilde gemogelt). Es ähnelt auch dem Bild ‚Mädchen mit Blumenstrauß‘ von Jules-Cyrille Cave
Da hat Gork doppelt recht. In der Tat. Das von ihm angesprochene Bild würde auch zu Jules-Cyrille Cave passen. Besser vielleicht. Aber der war kein Spanier.
Die Bildgestaltung sollte sich am Stil des spanischen Malers Francisco Goya. Das war jedenfalls die Aufgabe, die unserer KI gestellt wurde (Modell Flux2). Goya war Hofmaler des spanischen Königshauses und zählt zu den bedeutendsten Künstlern an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert. Sein Werk reicht von heiteren höfischen Darstellungen bis zu düsteren, verstörenden Bildwelten. Besonders bekannt wurden seine Gemälde zur Gewalt der napoleonischen Kriege sowie die sogenannten „Schwarzen Bilde
Und warum passen die vielen Schleifen erstaunlich gut zum deutschen Namen der Art? „Wegen SCHLEIFENblume vielleicht?“, meinte Gork.
Genau.
Die Art gehört zur Familie der Kreuzblütengewächse (Brassicaceae). Sie bildet niedrige, teppichartige Bestände mit schmalen, immergrünen Blättern und zahlreichen weißen Blütenständen. Besonders auffällig ist die asymmetrische Gestalt der Einzelblüten: Die äußeren Kronblätter sind deutlich größer als die inneren, wodurch die Blütenstände wie kleine Schleifen oder Bänder wirken. Daher stammt der deutsche Name „Schleifenblume“.
Der wissenschaftliche Gattungsname Iberis verweist auf die Iberische Halbinsel. Bereits antike Autoren verwendeten ähnliche Bezeichnungen für kresseartige Pflanzen aus Spanien. Wahrscheinlich geht der Name auf den griechischen Arzt Galen zurück, der eine Heilpflanze aus „Iberien“ erwähnte.
Jetzt aber zu den Kaninchen. Klar, Kaninchen fressen sicher auch Schleifenblumen, @Gork. (Nachbars Kaninchen fressen zum Beispiel gerne im Frühjahr unsere Krokusse.). Aber die Spur sollte eher dahin führen:
Der Name Spaniens selbst besitzt eine bemerkenswerte Geschichte. Das Wort Hispania leitet sich möglicherweise vom phönizischen Ausdruck I-Shapan-im ab, was etwa „Land der Schliefer“ bedeutet. Die Phönizier hielten die dort zahlreich vorkommenden Kaninchen vermutlich für mit den ihnen bekannten Schliefern verwandte Tiere. Tatsächlich leben Schliefer jedoch nicht in Europa. Die Kaninchen im Bild spielen auf diese alte etymologische Deutung an.
Und, HeiWu sagte es bereits: das, was in unserer Natur heute und auch im Züchterverein so selbstverständlich zu unserer Fauna und in den Karnickelstall gehört, ist ein: Ha ! Neozoon. Die Römer brachten die Karnickel aus Spanien mit. Und im Mittelalter erst hoppelten die ersten „Hasis“ (nein Kaninchen sind keine Hasen) bei uns herum.
Vielleicht haben die letzten Iberer ihrer Zeit den entführten Kaninchen noch hinterhergerufen: „Hase, du bleibst hier“. Wohl vergebens.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.