Pflanze der Woche, 23.–29. März 2026
Anna Blume lud ihn zu sich nach Hause ein; sie wolle ihm etwas zeigen.
Einen Kunstkatalog, sagte sie, mit Pflanzendarstellungen aus vielen vergangenen Jahrhunderten.
Heino dachte bei sich: Vielleicht erzähle ich Nixi lieber nichts davon. Die wird nur wieder eifersüchtig. Und dabei bin ich ja doch bloß neugierig …
Nun ja. Nicht nur das.
Denn, so ehrlich musste er sich sein: Anna Blume hatte etwas Aufreizendes an sich. Etwas, das man besser nicht allzu genau bedenkt, wenn man noch Herr seiner Entschlüsse bleiben will.
Das prachtvolle Buch lag bereits auf dem Tisch, aufgeschlagen bei einer Zeichnung.
Und der Tisch stand gefährlich nahe an einem Sofa, das unter einer Last Blau geblümter Kissen beinahe zusammenzubrechen schien.
Darin lag sie, halb versunken, halb ausgestellt, und räkelte sich – nicht ohne Absicht.
„Komm, setz dich zu mir“, sagte sie.
Heino zögerte. Dann setzte er sich.
Und wie es kommen musste, schmiegte sie sich sogleich an ihn.
„Hast du eine Decke?“ fragte er hastig, da er eine gewisse Regung verspürte, die er unter keinen Umständen sichtbar werden lassen wollte.
So lagen sie denn bald nebeneinander, halb verborgen unter einer Decke, zwischen den weichen, blauen Kissen.
Es roch nach Frühling. Nach März.
„Ein französischer Maler“, sagte sie und ließ die Finger langsam über das Blatt gleiten – und über die Formen der dargestellten Frau.
„Siebzehntes Jahrhundert. Magst du?“
„Äh … die Frau … ja, hübsch“, sagte Heino. „Vielleicht aber ein wenig … unbeholfen gemalt.“
„Der Künstler war mehr für seine Pflanzenbilder bekannt“, entgegnete sie.
„Die scheinen gelungen“, sagte Heino rasch und beugte sich vor. „Ich glaube, die Pflanze kenne ich.“
Er begann zu zählen.
„Vier Blütenblätter. Nun gut – gelegentlich scheint ihm auch eine fünfzählige Blüte unterlaufen zu sein. Aber im Prinzip eindeutig: Kreuzblütler. Immer vier Petalen.“
„Was du alles weißt …“ hauchte Anna Blume ihm ins Ohr.
Heino wurde rot. Und war dankbar für die Decke – aus mehr als einem Grunde.
Er suchte Ablenkung.
„Die Landschaft da …“
„Griechenland“, sagte sie.
„Klar, die Fahne“, erwiderte Heino.
„Und diese herrlichen blau-weißen Häuser …“
„Ach“, flötete Anna, „da würde ich gerne mal wieder hin.“
Unter der Decke suchte sie nach seinen Beinen – und fand sie. Nicht nur die. Da wuchs etwas, keimte, richtete sich auf. Frühlingsklima.
„Würdest du mitkommen?“ fragte sie.
Heino presste die Lippen zusammen.
„Ich weiß nicht“, brachte er hervor. „Du weißt doch … Nixi. Das würde sie nicht dulden.“
Er versuchte, sich zu sammeln, und deutete hastig auf das Bild.
„Schau mal“, sagte er, „da stimmt doch etwas nicht. Die Fahne – und überhaupt: 17. Jahrhundert kann das so nicht sein.“
„Künstlerische Freiheit“, grinste sie.
Ziemlich blau – an die Wäsche gegangen
„Nein, nicht nur das“, erklärte Heino, während sie ihm unter der Decke mit einer Unverfrorenheit zu schaffen machte, die ihn zugleich erschreckte und entzückte.
Er redete weiter, als geschehe nichts.
Und der Wein, den sie immer wieder nachschenkte, tat das Übrige – sie waren beide, im doppelten Sinne, recht bald blau. Blauer noch als die Kissen, in denen sie sich vergnügten.
„Diese Häuser“, sagte er nun etwas unsicherer, „so blau – das kann es damals nicht gegeben haben. Viel zu teuer. Ultramarin … unbezahlbar.“
„Quatsch“, erwiderte sie leichthin. „Damit hat man doch Wäsche gewaschen. Damit sie schön weiß wird.“
Heino blinzelte.
„Mit blau … an die Wäsche?“ murmelte er.
Ein gefährlicher Gedanke.
Denn Anna hatte inzwischen eine Stelle erreicht, an der botanische Argumente nur noch eingeschränkte Überzeugungskraft besaßen.
„Das kam alles erst später“, fuhr er fort, bemüht sachlich. „Mit der Chemie. Vorher hätte sich das niemand leisten können.“
Sie zog ihn näher zu sich.
Heino hätte jetzt aufstehen können.
Wirklich.
Er tat es nicht.
Er gab sich ihr hin.
Was will man da machen.
Wir müssen an dieser Stelle abbrechen, liebe Leser.
Wir werden nicht erfahren, was Anna und Heino dort in der Kissenlandschaft weiter treiben – und ob es dabei nur um Blümchen geht.
Und wir vertrauen darauf, dass Sie, verehrte Leserschaft, diese pikante Geschichte nicht an Nixi weitererzählen.
Fragen an unsere Leser
Um welche Pflanze handelt es sich?
Wer ist der erwähnte Maler?
Und:
Seit wann sind die Häuser in Griechenland so schön blau –
und welche deutsche Chemiefabrik hatte dabei ihre Finger im Spiel?
Und überhaupt:
Was hatte es auf sich mit dem „blauen Waschen“ – in Griechenland und darüber hinaus?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche („Deine blauen Augen“): Iris reticulata – Netzblatt-Iris
Unser Leser Gork v. Ork war nahe dran – „Pflanze: Schwertlilie (Iris x germanica)
Zusammenhang Regenbogen: Die Gattung wurde von Carl von Linné nach der griechischen Göttin des Regenbogens (griechisch ‚Iris‘, deutsch ‚Regenbogen‘) benannt. Es gibt eben auch die Regenbogen-Schwertlilie. Iris blühen zudem in fast allen Farben des Regenbogens.“
OK, fast. Denn nix deutsch: Die gesuchte Pflanze ist Iris reticulata, die Netzblatt-Iris. Sie gehört zur Familie der Schwertliliengewächse (Iridaceae) und ist ein kleiner, sehr früher Frühblüher. Oft erscheinen ihre Blüten bereits im Februar oder März, manchmal sogar durch den letzten Schnee hindurch. (Daher auch die Anspielungen auf Reticula (Netzhaut, Netzwerke usw. ) Iris reticulata ist ein Frühblüher, die Blüten erscheinen bei uns schon Ende März.
Die Pflanze wird nur etwa 10–15 cm hoch. Ihre auffälligen Blüten sind meist leuchtend blau oder violett, häufig mit gelb-weißen Zeichnungen auf den äußeren Blütenblättern.
Die Art stammt ursprünglich aus Gebirgsregionen Westasiens, vor allem aus
- der Türkei,
- dem Kaukasus,
- dem Iran
- und angrenzenden Regionen.
Heute wird sie weltweit als Zierpflanze kultiviert und gehört zu den beliebtesten Frühjahrsgeophyten in Gärten und Parks.

London,Groombridge and Sons,1858-1880.
http://biodiversitylibrary.org/page/6090962

Warum heißt sie „Iris“?
Der Name Iris stammt aus dem Altgriechischen.
In der griechischen Mythologie war Iris die Göttin des Regenbogens. Sie galt als Botin zwischen Himmel und Erde und erschien den Menschen als farbiger Bogen am Himmel.
Carl von Linné übernahm diesen Namen für die Pflanzengattung Iris, weil viele Arten durch besonders farbintensive und schillernde Blüten auffallen.
Das Wort „irisieren“, das auch der Augenarzt im Rätsel erwähnt, bedeutet deshalb:
in Regenbogenfarben schillern.
Die Iris im Auge
Auch ein Teil unseres Auges trägt diesen Namen.
Die Iris ist der farbige Ring um die Pupille.
Sie funktioniert ähnlich wie die Blende einer Kamera:
- Bei starkem Licht zieht sie sich zusammen.
- Bei Dunkelheit erweitert sie sich.
So reguliert sie die Menge des Lichts, das ins Auge gelangt.
Die Farbe der Iris – blau, braun, grün oder grau – entsteht durch Pigmente und durch die Struktur des Gewebes.
Das „Netz“ im Auge: die Retina
Der Arzt im Rätsel erwähnt außerdem die Reticula.
Damit spielt er auf die Retina, also die Netzhaut, an.
Der Name stammt vom lateinischen Wort rete – „Netz“.
Die Netzhaut ist eine komplexe Schicht aus Nervenzellen im hinteren Teil des Auges. Dort wird das einfallende Licht in elektrische Signale umgewandelt, die über den Sehnerv zum Gehirn gelangen.
Das „Netz“ der Pflanze
Auch der zweite Teil des Pflanzennamens erklärt sich durch ein Netz.
Das lateinische reticulata bedeutet „netzartig“.
Bei Iris reticulata bezieht sich das auf die Zwiebel der Pflanze.
Ihre äußere Hülle besteht aus feinen, netzartig verflochtenen Fasern, die wie ein kleines Gewebe aussehen.
Dieses netzartige Zwiebelhäutchen ist das wichtigste botanische Merkmal, das der Art ihren Namen gegeben hat.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.