Pflanze der Woche, 45. – 11. Januar 2026
Zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn das Jahr noch einmal innehält, waren Nixi und Heino nach München gefahren. Kein festes Ziel, nur dieses vage Bedürfnis, zwischen den Tagen etwas zu finden, das noch nicht benannt war. In der Gemäldegalerie schlichen sie durch die Abteilung Mittelalter und Frührenaissance, vorbei an Goldgründen, Madonnen, Engeln mit ernsten Gesichtern.
„Es riecht hier“, sagte Heino plötzlich.
„Nach Staub?“
„Nein. Nach Ölfarbe. Frischer Ölfarbe.“
Nixi blieb stehen, sog die Luft ein, runzelte die Stirn. „Und noch etwas anderes. Scharf. Beißend, Schwefelsäure“.
„Unsinn“, befand Heino. „Schwefelsäure riecht überhaupt nicht.“
„Mag sein“, sagte Nixi, „aber ich rieche sie trotzdem. Wie damals. 1988.“
Sie standen vor einem Altarbild. Oder vor dem, was man dafür hielt. Denn irgendetwas war anders. Nicht falsch – aber verschoben. Als hätte jemand die Zeit noch einmal angehalten und neu angesetzt.
„So sah das nie aus“, murmelte Heino. „Nicht auf den ganzen Kunstdruckkarten.“
„Vielleicht eine Umarbeitung“, überlegte er. „Nach dem irren Anschlag.“
Nixi schüttelte den Kopf. „Nein. Das hier ist neu. Absichtsvoll neu.“
Die Ankunft der drei Könige. Gold, Weihrauch, Myrrhe. Doch alle, nicht nur einer von ihnen, waren dunkelhäutig dargestellt, deutlich, fast demonstrativ. Und sogar Maria mit dem Kind. „Protest?“, fragte Heino. „Gegen Blackfacing?“
„Im Himmelreich gibt es keine Rassen. Sie auszutauschen ist auch nur eine andere Form von Rassismus.“
Heino zuckte mit den Schultern. „Kunst halt. Und die selbsternannten Verteidiger des christlichen Abendlands werden sich schwarz ärgern.“
Er grinste. „Das allein ist es wert.“
Doch dann deutete Nixi auf etwas anderes. Auf eine Blüte, mitten im Bild. Groß. Überdimensioniert. Fast unverschämt.
„Das da gab es früher nicht.“
„Kitschig“, meinte Heino. „Wie aus einem Blumenladen.“
„Nein“, sagte Nixi langsam. „Das ist Absicht. Schau dir die Form an. Wie eine Krone. Oder wie ein Kelch. Und diese Farbe …“
Rosa. Pink. Fast provokant. Auch die Kronen der Könige schimmerten in diesem Ton.
„Afrika“, sagte Nixi plötzlich. „Südafrika.“
„Die Könige aus Südafrika?“
„Nein. Die Blume.“
Er zog sein Handy hervor, suchte. Sein Gesicht hellte sich auf. „Ja. Genau. Hat mit Königen zu tun. Und mit Südafrika.“
Er lachte leise. „Und ich dachte die ganze Zeit, sie sieht aus wie dieses stachelige Gemüse …“
„Die Artischocke?“
„Ja. Aber es ist keine.“
Sie schwiegen einen Moment. Dann blickte Heino in den Hintergrund des Bildes.
„Diese Ruinen“, sagte er. „Das ist kein Stall.“
„Sieht eher aus wie ein zerstörtes Haus.“
„Anspielung auf Krieg?“
Nixi schüttelte den Kopf. „Nein. Etwas Älteres. Etwas, das schon vor der Geburt zerfallen war.“
Liebe Leserinnen und Leser, so viele Rätsel in einem einzigen Bild.
Und so fächert sich mal wieder, als Auftakt zum neuen Jahr ein bunter Strauß von Fragen auf:
- Welches berühmte Gemälde wurde hier sichtbar zitiert und überformt?
- Von wem stammt das Original, und wo befindet es sich heute?
- Warum ist der Geruch von Schwefelsäure mehr als nur Einbildung – und was geschah im Jahr 1988?
- Um welche auffällige, fast übergroße Blüte handelt es sich?
- Warum führt ihre Spur nach Südafrika?
- Welchem stacheligen Gemüse ähnelt sie – ohne mit ihm verwandt zu sein?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche: (Sterntaler, Glück und eine wilde Jagd zu Neujahr): Pilea peperomioides, Chinesischer Geldbaum
Nhu-Dheng hatte Zeit und Muße, und löste alle Frage professionell. Deshalb seien worte zur Auflösung – dem ist nichts hinzuzufügen:
NhuDeng: „Gesucht ist die Pflanze „Pilea peperomioides“, sie wird auch als Geldbaum bezeichnet. In Asien nutzt man sie als Glückssymbol,in Europa kennt man sie als Zimmerpflanze.“
Die Bezeichnung „Sterntaler“ wird meistens in Deutschland verwendet. Sie ist auf den Ordensstern der Rückseite bezogen, die den 1770 gestifteten Hausorden vom Goldenen Löwen zeigt.Der abgebildete Taler hat aber noch eine speziellere Bedeutung. Es handelt sich um den sogennanten Blutdollar oderSterntaler Talermünze der Landgrafschaft Hessen-Kassel, die 1776, 1778 und 1779 Landgraf Friedrich II. (1760–1785) prägen ließ. Der Taler erhielt in den britischen Kolonien an der Ostküste Nordamerikas den Namen Blood Dollar, weil man annahm, dass er zur Entlohnung der Soldaten diente, die der Landgraf an Großbritannien vermietet hatte. Die britische Krone setzte die Soldaten im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1785) gegen die Kolonisten ein. Eine weitere Deutung des Talernamens bezieht sich auf die Annahme, dass Friedrich für die Münzproduktion das „Blutgeld“ verwendete, das er von Großbritannien für seine hessischen Soldaten erhielt.
Die Wilde Jagd: „Die Wilde Jagd ist seit dem Mittelalter eine verbreiteteeuropäische Sage eines geisterhaften, oft nächtlichen Zuges von Toten, Dämonen und mythischen Wesen, der durch den Himmel rast, besonders in den Rauhnächten, angeführt von Figuren wie Odin, Perchta oder Wodans Jagd, und symbolisiert Ängste vor dem Winter, Tod, aber auch Hoffnung auf Fruchtbarkeit, mit regional stark variierenden Bedeutungen von unheimlich bis bis katastrophal. In den Rauhnächten 25. Dez. bis 6. Jan. sollen sie Ihr Unwesen treiben“.



Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
3 comments on “Blackfacing in Pink zum Dreikönigstag”
Das soll wohl den Mittelteil des Paumgartner-Altars darstellen, zumindest des Hintergrund passt. Der Flügelaltar wurde von Albrecht Dürer gemalt und befindet sich heute in der Alten Pinakothek in München. Im Jahr 1988 wurde dieser Altar und zwei weitere Dürerbilder durch den „Dürer-Attentäter“ Bohlmann mit Schwefelsäure übergossen und dadurch wurden ehebliche Teile zerstört. Die Wiederherstellung dauerte Jahrzehnte. Maria wurde in der Renaissance und auch späteren (klassischen) Zeiten nie mit nackter Brust gemalt, es sei den beim Stillen (Maria lactans). Weitere KOmmenatre zu dieser „Schöpfung“ verkneife ich mir.
Midas schrieb: „Maria wurde in der Renaissance und auch späteren (klassischen) Zeiten nie mit nackter Brust gemalt, es sei den beim Stillen (Maria lactans). „
Das stimmt, soweit ich das so beurteilen kann. Und übrigens nie ohne Kopftuch (sehr seltene Ausnahmen bestätigen die Regl, z.B. Lochner et al)
@Midas : Deine Ansicht über weibliche Brüste in der religiösen Kunst erinnert irgendwie an das hier:
https://hallespektrum.de/aktuelles/chatgpt-und-die-internationale-sexualmoral-ein-exklusives-interview-mit-bizarrem-ausgang/470323/