Pflanze der Woche, 25. -31. August 2025
Heino war müde gewesen. Vom Redaktionsalltag, Müde auch vom Sommer, der so kein richtiger war. So lag er nun da, auf der Parkbank auf der Peißnitzinsel. Der Kopf schwer, die Schultern schräg. Über ihm rauschte ein Baum, wie geschaffen für die Melancholie.
Neben ihm stand ein Baum. Breit, ausladend, die Krone ein flatterndes Dach aus gefiedertem Licht. Die Bohnen hingen in schweren Schoten. Heino blinzelte. „Götterbaum?“, murmelte er. „Schon wieder?“
Doch der Baum schüttelte sich, als hätte er ihn gehört. Er ließ seine Blätterhüllen fallen – langsam, fast feierlich. Nackt stand er nun da. Und seine bizarren, knorrigen Äste reckten sich wie die Geweihe brunftender Hirsche in den kalten Herbsthimmel.
Heino fröstelte. „Ich bin kein Götterbaum“, sagte da der Baum mit tiefer Stimme. „Aber du bist ein fucking Europäer.“
Heino richtete sich halb auf. „Cool, Trump ist einen Baum verwandelt worden, kein Bullsht mehr aus Amerika.“ Der Baum wiegte sich. „Ich kann mich wieder zurück verwandeln“
„Fuck you, America“, murmelte Heino.
„Soso.“ Der Baum grinste. „Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?
Braune Plörre aus dem Haus Musk? Danke. Kaffee habe ich zuhause selbst.
„Amerikanischen Kaffee haben Sie nicht.“
Da schüttelte sich der Baum ein zweites Mal – und ließ eine Handvoll riesiger brauner Bohnen herabregnen. Sie trafen Heino am Kopf, dumpf, fast feierlich.
Er fasste nach.
Etwas Hartes. Etwas Fremdes.
Er fühlte eine Art Astansatz über seiner Stirn. Es spannte. Noch einmal tastete er. Und nun war da kein Zweifel mehr: Ihm wuchs ein Geweih.
Panisch sprang Heino auf. Der Himmel war grau, das Licht zuckend.
Er rannte.
Aber wohin?
Der Park löste sich auf. Heino stolperte durch eine Tür – und stand in einem amerikanischen Diner. Es roch nach Frittiertem und Bohnen.
„Welcome to the Kentucky Coffee House“, säuselte eine Frau mit leuchtend rotem Kopftuch. Ihre Haut war dunkel, ihr Blick scharf.
„Ich… ich glaube, ich brauche Kaffee.“
„Haben wir. Spezialität des Hauses.“
Sie legte ihm die Bohnen auf den Tisch. Sie waren riesig, fleckig, fast schwarz.
„Das ist kein Kaffee“, sagte Heino.
„Sagen Sie das mal den Indianern. Die nannten es Kentucky Mahagony.“
Er sah auf. „Ist das da draußen der Baum…?“
„Natürlich. Ihr geweihter Baum.“
„Geweiht…?“
„Sie sehen’s doch: Ein Geweih ziert jetzt Ihr Haupt.“
Heino taumelte zurück, versuchte zu gehen – doch an der Tür blieb er hängen. Sein Geweih hatte sich im Türrahmen verhakt.
„Nixi!“, rief er. „Ich bin in amerikanischer Gefangenschaft!“
Ein leiser Schlag.
„Aua!“, sagte eine andere Stimme. „Du hast mich mit deinem Geweih gehauen.“
Heino schlug die Augen auf. Nixi saß neben ihm. Er lag auf dem Sofa. Ein zerknülltes Manuskript auf der Brust.
„Scheiß Alptraum“, murmelte er.
Nixi hob eine Augenbraue. „Und das nächste Pflanzenrätsel träumst du dir einfach zusammen, oder wie?“
Heino grinste schief. „Man wird ja wohl noch träumen dürfen…“
Fragen an unsere Leserinnen und Leser
– Was für ein merkwürdiger amerikanischer Kaffeebaum war das eigentlich?
– Hat er wirklich etwas mit Kaffee zu tun – oder mit Bohnen?
– Warum sieht er im Winter so bizarr aus?
– Inwiefern ist sein Geweih-Charakter namensgebend?
– Und wie erklärt sich die Verwechslung mit dem Götterbaum?
Auflösung der Pflanze der Woche: (Wallende Hormone, Blackfacing, das Z-Wort und der böse Wolf) : Lycopus europaeus – Gemeiner Wolfstrapp
Der Gemeine Wolfstrapp (Lycopus europaeus) ist eine in Europa weitverbreitete Lippenblütler-Art, die bevorzugt an feuchten Standorten wächst: an Gräben, Teichufern, in Auenlandschaften. Botanisch ist er nahe verwandt mit den Minzen, was sich an der Blattform und dem ätherischen Duft zeigt – und in der Praxis leicht zu Verwechslungen führt.
Im Gegensatz zur Wasserminze enthält Lycopus europaeus jedoch kaum Menthol, dafür aber eine komplexe Mischung von Inhaltsstoffen: Gerbstoffe, Flavonoide und vor allem sogenannte Labiatengerbstoffe, darunter Rosmarinsäure und Lithospermsäure. In der Phytotherapie wurde die Pflanze zur Regulation der Schilddrüsenfunktion verwendet – wegen ihrer hemmenden Wirkung auf die Jodaufnahme. Auch eine Wirkung auf hormonelle Prozesse im Körper, etwa über den Prolaktinspiegel, wird beschrieben. In der Volksmedizin galten Extrakte aus der Pflanze daher als Mittel gegen Nervosität, Herzklopfen und klimakterische Beschwerden.




Färberpflanze – und ein Experiment
Schon im 19. Jahrhundert war bekannt, dass sich mit der Pflanze färben lässt – vor allem in Kombination mit Eisen. In einem kleinen Experiment haben wir in der Redaktionsküche eine Abkochung der Pflanze (ohne Zusätze) auf ein Küchenpapier getropft. Der Fleck war kaum sichtbar, von hellbräunlicher Farbe – wie schwacher Tee. Erst durch die Zugabe einer Lösung von Eisensulfat entstand an der Schnittstelle beider Tropfen ein tiefschwarzer Fleck, fast wie Tinte. Dieser Effekt beruht auf der Komplexbildung von Gerbstoffen mit Eisenionen – eine bekannte Methode zur Textil- oder Lederfärbung.
Wichtig: Diese Reaktion ergibt ein kaltes, blauschwarzes Farbspektrum – sie kann nicht zur Erzeugung eines menschlichen Hauttons dienen. Zudem wirkt der Farbstoff nicht dauerhaft auf der Haut. Damit sind historische Behauptungen, man habe mit dem „Zigeunerkraut“ (so eine frühere Bezeichnung) die Haut von Kindern gefärbt, um sie als Roma erscheinen zu lassen, nachweislich falsch.

Rassismusgeschichte in der Botanik
Solche Geschichten wurden über Jahrhunderte tradiert. Bereits der Botaniker Rembert Dodoens berichtete im 16. Jahrhundert, dass sogenannte „Egyptenaers“ (als Roma verkleidete Nicht-Roma) sich mit dieser Pflanze schwarz gefärbt hätten. Im deutschen Sprachraum war noch bis ins 20. Jahrhundert der Name „Zigeunerkraut“ gebräuchlich – oft verbunden mit antiziganistischen Stereotypen, etwa dem Kinderdiebstahl und dem Versuch, durch Färbung Herkunft zu verschleiern.
Tatsächlich handelt es sich dabei um rassistische Projektionen – wie bereits der Botaniker Willdenow im Jahr 1822 kritisch anmerkte. Auch die chemischen Fakten widerlegen solche Mythen eindeutig.
Botanik und Blüte
Die Pflanze ist mehrjährig, etwa 30–80 cm hoch, mit gegenständigen, tief gebuchteten Blättern. Die kleinen weißen Blüten sitzen quirlig in den Blattachseln, oft mit rötlicher Zeichnung. Die Blütezeit reicht von Juli bis September.
Früher wurde Lycopus europaeus auch als „Wasser-Andorn“ oder „Tertianaria“ (gegen Wechselfieber) genutzt. Die heute gebräuchliche Gattungsbezeichnung Lycopus (griech. λύκος – „Wolf“ und πούς – „Fuß“) bezieht sich auf die vermeintliche Form der Blätter – ist aber ebenso ein historisches Missverständnis wie viele volkstümliche Namen.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
2 comments on “American Alpdream: Auf einen Covfefe nach Kentucky”
– Kentucky-Kaffeebaum (Gymnocladus dioicus)
– Die Samen des Baumes wurden früher von Siedlern in Kentucky als Kaffee-Ersatz verwendet, daher der Name „Kaffeebaum“. Die rohen Samen sind giftig und müssen vor dem Verzehr geröstet werden.
– Der Kentucky-Kaffeebaum keine feinen, zarten Zweige aus. Seine Äste sind dick, kräftig und enden relativ abrupt. Die wenigen, dicken Äste teilen sich in große, weit ausladende Gabeln. Diese Struktur erinnert entfernt an ein Hirschgeweih, was dem Baum seinen Namen „Geweihbaum“ eingebracht hat. Außerdem hängen oft den ganzen Winter über an den kahlen Ästen große, braune Hülsenfrüchte, die bis zu 25 cm lang werden können.
– Neben anderen ähnlichen Merkmalen sind es vor allem die große, unpaarig gefiederte Blätter bei beiden Baumarten.
Und hier gibt es ausführliche Rezepte zu Entgiftung und Zubereitung der Kentucky-Kaffee-Bohnen: https://foragerchef.com/kentucky-coffee-beans/
Im Gimritzer Gutspark steht ein großer Baum mit dicken Schoten. Man kommt nur schlecht dran, die hängen ziemlich hoch.