Heino wusste nicht, ob er sich das trauen sollte. Doch dann ließ er sich von einer plötzlich erwachten künstlerischen Ader leiten, obwohl seine Fertigkeit im Malen eher bescheiden war. Bei Aldi fand er ein billiges Acryl-Set und eine vorpräparierte Leinwand – ein Zeichen, dachte er – er könnte für Nixi ein Bild malen. Immerhin waren sie seit ungefähr einem Jahr zusammen, seit Anfang März.
Doch als er zwischen Farben auch eine Topfpflanze entdeckte, hielt sein Herz inne: ein Gewächs mit einem geheimnisvollen, unaussprechlichen Namen, gleich zwei Z darin. Lange Zeit hatte er solche Pflanzen für Langweiler gehalten, doch nun nahm er sie mit. Zuhause begann das Googeln. Alles fügte sich zusammen: Die Pflanze war ein Überlebenskünstler, der in trockenen Savannen Ostafrikas gedieh. Und sie war eng verwandt mit dem Aronstab, der Nixi einst den Mund verbrannte. Die ähnliche Giftwirkung gab ihm den entscheidenden Funken: ein Bild, das Nixis Schrei widerspiegelte.
Er malte los: „Der Schrei II“ – die Pflanze im Vordergrund, Nixis verzerrtes Gesicht in der Mitte, im Hintergrund weite Savannenlandschaften.
Als Nixi das Bild sah, runzelte sie die Stirn: misslungen, zu bemüht, Heinos Versuch, den berühmten Künstler nachzuahmen, gescheitert. Auf die Pflanze achtete sie erst später.
„Sieht aus wie ein Maiskolben“, sagte sie.
„Ist es nicht“, entgegnete Heino. „Aber Kolben bildet sie auch – und diese Schärfe darin, wie beim Aronstab damals. Man streitet darüber, ob sie wirklich giftig ist“
„Abgründig hässlich“, befand Nixi.
„Das Bild?“
„Nein, die Pflanze. Mindestens so doof wie die Zonengabi-Pflanze.“
„Ja, aber mit zwei Z“, korrigierte Heino.
Fragen an unsere lieben Leser:
- Wie heißt das Topfgewächs mit den zwei Z?
- Zu welcher Familie gehört es?
- Ist die Pflanze wirklich giftig oder „ätzend“?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche: (Die langweiligste Topfpflanze der Welt oder ein verkanntes Mauerblümchen ?)
Gork vom Ork gab der unbekannten den Namen und schrieb: „Bogenhanf aus der Gattung der Sansevieria. Im Übrigen gut für das Schlafzimmer, da es eine der wenigen Pflanzen ist, die nachts Sauerstoff produzieren. Und ja, Bodenhanf kann blühen, wenngleich diese kleinen weißen Blüten auch bei älteren Pflanzen recht unscheinbar an einem langen Stengel blühen.“
In der Tat: bei Gabis „langweiligster Topfpflanze“ handelt es sich um Sansevieria trifasciata – im Deutschen seit Generationen als Bogenhanf bekannt (spöttisch auch Metzgerblume genannt). Die besonders verbreitete Zimmerpflanzenform mit gelben Blatträndern trägt den Sortennamen ‚Laurentii‘. Kaum eine Pflanze ist so vertraut in unseren Fenstern – und doch so selten wirklich verstanden.
Herkunft und Botanik
Sansevierien stammen aus den trockenen Landschaften Afrikas und Südasiens. Dort wachsen sie zwischen Steinen, in lichten Wäldern und auf Savannenböden. Ihre festen, schwertartigen Blätter speichern Wasser und lassen die Pflanze lange Dürrezeiten überstehen. Diese alte Kunst des Überlebens macht sie zur genügsamen Hausgenossin in unseren Wohnungen.
In ihrer Heimat aber zeigt sie eine verborgene Pracht: Aus dem Blattfächer erhebt sich ein schlanker Blütenstand mit vielen weißlich-grünen, stark duftenden Einzelblüten, die sich abends öffnen und süßen Geruch in die warme Nacht senden (so unscheinbar sind sie gar nicht mal, @Gork). In mitteleuropäischen Wohnstuben geschieht dies nur selten – zu wenig Licht, zu gleichmäßige Wärme, zu reichliche Pflege. Darum erleben viele Besitzer nie, dass ihre Pflanze überhaupt blühen kann. Genau wie Gabi.


Der Name und die historischen Figuren
Der Name Sansevieria erinnert an Pietro Antonio Sanseverino, Fürst von Bisignano bei Neapel. In seinem Garten sah der Botaniker Vincenzo Petagna im 18. Jahrhundert diese Pflanze erstmals in Blüte und Frucht. Aus Dank benannte er die neue Gattung Sanseverinia nach seinem Gastgeber.



Einige Jahre später beschrieb Carl Peter Thunberg dieselbe Pflanze erneut – diesmal unter der leicht veränderten Schreibweise Sansevieria. Es folgten Jahrzehnte botanischer Verwirrung, konkurrierender Gattungsnamen und gelehrter Streitigkeiten. Erst 1905 wurde der Name Sansevieria auf einem internationalen Kongress offiziell bewahrt. So blieb der Name des neapolitanischen Fürsten im Gedächtnis der Wissenschaft erhalten.
Die Bedeutung der Drachen
In Gabis Traum traten Drachen auf, die den Namen des Fürsten rauben wollten. Das ist kein Zufall, sondern ein Bild für eine jüngere Wendung der Geschichte:
Nach modernen genetischen Untersuchungen werden Sansevierien heute von vielen Botanikern nicht mehr als eigene Gattung geführt, sondern in die Gattung Dracaena eingegliedert – die Drachenbäume. Aus Sansevieria trifasciata wird so mancherorts Dracaena trifasciata.
Damit haben die Drachen, die einst im Traum den Namen bedrohten, in gewisser Weise doch gesiegt. Der alte Name des Fürsten ist in der neuen Ordnung verblasst. Und doch halten viele Pflanzenfreunde, Gärtner und Liebhaber weiterhin an der vertrauten Sansevieria fest – aus Achtung vor der Tradition und aus Liebe zu den alten Geschichten, die stärker sind als jede neue Systematik.
Deutung des Traums Der italienische Edelmann ist Pietro Antonio Sanseverino.
Der Gelehrte an seiner Seite: Vincenzo Petagna.
Der Garten: Sanseverinos Besitz bei Neapel.
In Gabis Traum traten Drachen auf, die den Namen des Fürsten rauben wollten. Das ist kein Zufall, sondern ein Bild für zwei verschiedene Fäden der Geschichte.
Zum einen stehen die Drachen für die jüngere Wendung der botanischen Ordnung: Nach modernen genetischen Untersuchungen werden Sansevierien heute von vielen Botanikern nicht mehr als eigene Gattung geführt, sondern in die Gattung Dracaena – die Drachenbäume – eingegliedert. Aus Sansevieria trifasciata wird mancherorts Dracaena trifasciata. So haben die Drachen in gewisser Weise doch den alten Namen verschlungen.
Zum anderen tragen die Drachen im Traum noch eine zweite, sehr irdische Wahrheit:
Aus den festen Blättern dieser Pflanze gewann man in ihrer Heimat seit alters her zähe Fasern, die zur Herstellung von Schnüren und Bogensehnen dienten. Die Amoren, die im Traum Sehnen aus den Blättern ziehen und in ihre Bögen spannen, erinnern also an eine echte Nutzung der Pflanze – eine alte Handwerkskunst, längst fast vergessen.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
One comment on “Ätzend oder der letzte Schrei? Eine ZZimmerpflanze mit zwei ZZ”
Glücksfeder Zamioculcas zamiifolia
Aaronstabgewächse
Enthält Calciumoxalat