Wahrgenommene „Krise“ der deutschen Wissenschaft
Die AfD Sachsen-Anhalt erzeugte jüngst einigen Aufruhr aufgrund ihres Entwurfs eines Regierungsprogramms. Auch den Bereich Wissenschaft wollen sie vollends umkrempeln.
Die deutsche Wissenschaft befände sich in einer „tiefen Krise“ (S. 68, Z. 2232), da es keine international geltenden Erfindungen mehr gäbe und „wahre Exzellenz kaum mehr vorhanden ist“ (S. 68, Z. 2235). Die Ursache dieser Notlage sieht die AfD in der 68er-Revolution. Dort wären Ärgernisse wie die Politisierung der Universitäten und die Frauenquote entstanden. Die Umstellung von Magister und Diplom auf Bachelor und Master habe „Zwang und Oberflächlichkeit“ (S.68, Z. 2249) herbeigeführt. Insgesamt sei die deutsche Wissenschaft nur noch ein „Abklatsch“ (S.68, Z. 2252) der englischsprachigen. Ideologiefreie Wissenschaft sei nichtexistent, was zum Beispiel die Klima- und Corona-Politik beweise. Die Geisteswissenschaften wiederum „stecken bis zum Hals in einem Sumpf aus Genderismus, Postkolonialismus und sonstiger poststrukturalistischer Phrasendrescherei“ (S. 68, Z. 2259).
Forderung nach Trennung von Politik und Wissenschaft
Um dem entgegenzuwirken will die AfD Sachsen-Anhalt Politik und Wissenschaft trennen, Frauen- und sämtliche Quoten abschaffen, die „deutschen Studiengänge“ (S. 68, Z. 2266) Magister und Diplom einführen – erst in Sachsen-Anhalt und dann durch eine Bundesratsinitiative deutschlandweit – und dem Gendern entgegenwirken.
Die AfD sieht die Gleichstellungspolitik als „systematische Privilegierung von Frauen“ und als Diskriminierung von Männern (S. 69, Z. 2275). Das Geschlecht (der Frau) würde demnach über beruflichen Erfolg entscheiden, weswegen die AfD sich allein auf fachliche Fähigkeiten konzentrieren möchte. Infolgedessen sollen Förderprojekte für Frauen eingestellt und Gleichstellungsbeauftragte entlassen werden.
Reformpläne für Finanzierung und Studienzulassung
Das BAföG-System soll durch eine „Landesförderung“ ersetzt werden, welche „elternunabhängig“ (S. 70, Z. 2314) und allein nach fachlicher Leistung vergeben wird. Auch das Numerus-clausus-System soll ausgetauscht werden. Stattdessen sollen bei Überbelegung Aufnahmeprüfungen durchgeführt werden, um das Leistungsniveau in allen Studienfächern zu steigern.
Einerseits würde akademisches Personal zu wenig bezahlt werden, andererseits würde diesen Beruf eher die „Mittelmäßigen“ anstreben, die „in der Wirtschaft keine Perspektive finden“ (S. 70, Z. 2337) und deren Leistung keine höhere Bezahlung rechtfertige. Dagegen schlägt die AfD vor, die Anforderungen und die Bezahlung zu erhöhen.
Zudem sollen die Universitäten nicht wie eine Räterepublik aufgebaut sein. Es sollen nicht alle Gruppen mitentscheiden dürfen, da laut der AfD Universitäten „nicht demokratisch verhandelt werden“ können (S. 71, Z. 2354) Der „Niedergang unseres Bildungswesens“ (S 71, Z. 2356) gehe unter anderem darauf zurück, dass die Studentenräte, geführt von einer „Schicht von hyperaktiven und zumeist linksextremen Studenten“ (S. 71, Z. 2362), die Lehre durch ihre „wissenschaftsferne“ Bürokratie belasten (S. 71, Z. 2359). Diese Form studentischer Mitbestimmung will die AfD beenden.
Ablehnung von Gender Studies und Postkolonialismus
Außerdem seien Genderstudien keine Wissenschaft, sondern eine Ideologie, die das „Zwangssystem“ Geschlechtsidentitäten ausrotten möchte (S. 71, Z. 2372) und daher keine Finanzierung verdiene. Genauso sei auch der Postkolonialismus „destruktiv“ (S. 71, Z. 2386). Die AfD kritisiert dabei, dass europäische Denker nicht mehr als wahr gelten würden und man sie nicht bejahen dürfe, ohne den Hintergrund kolonialer Unterdrückung einzubeziehen. Dadurch würde das Studium „verarmen“ (S. 71, Z. 2392) und nur noch der Zerstörung der „Europäischen Identität“ dienen (S. 72, Z. 2395).
Bevölkerungswissenschaft und kritische Islamforschung
Große Fragen stellt sich die AfD auch zum demographischen Wandel, welchen sie als das „Absterben unseres Volkes“ bezeichnet (S. 72, Z. 2406). Während die Altparteien dieses Phänomen mit „Ersetzungsmigration“ (S. 72, Z. 2407) ausgleichen wollen, plane die AfD einen Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft an der Universität Halle einzurichten. Dieser sei notwendig, um unerforschte Fragen zu beantworten, etwa warum die Geburtenrate bei steigendem Wohlstand sinkt und wie der Staat steuernd in die Familiengründung eingreifen kann. Aufgrund der „Präsenz von Millionen Muslimen“ (S. 72, Z. 2424) braucht es darüber hinaus erneut ein Institut für kritische Islamforschung.
„Mainstream-Wissenschaft“
Durch die Finanzierung der Wissenschaft über Drittmittel würden an jede Projektförderung politische Ansprüche geknüpft. Das führe dazu, das alles, was nicht dem „politischen Mainstream“ (S. 73, Z. 2440) entspreche, nicht erforscht werde. Dazu zählten beispielsweise Formen der Klimaforschung, die den menschengemachten Klimawandel ablehnen, oder die „Corona-Forschung“, die das Virus als harmlos einstuft. Aus diesem Grund will die AfD Sachsen-Anhalt die Drittmittel abschaffen.
Zuletzt sollen Hoch- bzw. Fachhochschulen und Universitäten stärker voneinander getrennt werden, da dies eine „Besonderheit des deutschen Wissenschaftsbetriebs“ darstelle (S. 73, Z. 2456). Alle Promotionen, die nicht an oder in Kooperation mit einer Universität stattfinden, sollen durch den Doktortitelzusatz F.H. gekennzeichnet werden.
Zeilenangaben beziehen sich auf den Entwurf des Regierungsprogramms der AfD, den die Partei im April beschließen will. Das Programm findet man beispielsweise hier: https://table.media/assets/berlin/26-01-23_entwurf_afd-regierungsprogramm-2026-sachsen-anhalt.pdf
5 comments on “Zurück ins Gestern? Wie die AfD Sachsen-Anhalt die Wissenschaft umbauen will”
Ein immer weiter so kann es auch nicht sein.
Die Zeiten, in denen höhere Kosten mit besseren Produkten ausgeglichen wurden, sind vorbei. Wir müssen mit Innovationen wieder besser werden. Wissenschaft muss dazu einen Beitrag leisten.
Ausgerechnet AfD. Ich lach mich schlapp. Eine Partei, die sich in der letzen Zeit nicht gerade als Freund der Wissenschaft zu erkennen gegeben hat (Stichwort Corona).
Und dann das hier: Durch die Finanzierung der Wissenschaft über Drittmittel würden an jede Projektförderung politische Ansprüche geknüpft. Das führe dazu, das alles, was nicht dem „politischen Mainstream“ (S. 73, Z. 2440) entspreche, nicht erforscht werde.
In den Naturwissenschaften kommt ein erheblicher Teil der Drittmittel aus der Industrie. meine Fresse. Haben diese Schwachköpfe eigentlich schon mal eine Uni von innen gesehen?
Pauschalisiert auf alle Lehrstühle ist diese Aussage falsch. Der größte Anteil der Drittmittel kommen von der DFG, Förderprogrammen der EU, Ministerien, etc. In der Liste mit hohem Anteil an Drittmitteln aus der Industrie sind Magdeburg und Halle nicht dabei.
Ist wohl sehr lange her, das mit dem Schwachkopf an der Uni.
Jaja. Die AfD will die Uni unabhängig von Drittmitteln machen. Pruust. Keine DFG-Anträge werden verboten, weil das alles politisch ist.
Das erinnert doch sehr an Trumps paranoiden Kampf gegen Universitäten und Wissenschaft.