Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt richtet sein Augenmerk auf eine zunehmende Zahl von Anhängern gewaltbereiter rechtsextremistischer Jugendgruppen im Land. Ziel der Beobachtung ist es, die zugehörigen Personen und ihr Gewaltpotenzial zu erfassen sowie deren Mobilisierungs- und Rekrutierungsstrategien zu analysieren. Darüber hinaus werden die Verbindungen der Gruppen zu anderen Akteuren der rechtsextremistischen Szene untersucht.
Zu den bundesweit organisierten Gruppierungen, die in Sachsen-Anhalt aktiv sind, zählen „Jung & Stark“ (JS), „Deutsche Jugend Voran“ (DJV), „Der Störtrupp“ (DST) und „Deutsche Jugend Zuerst“ (DJZ). Im parteigebundenen Bereich tritt insbesondere die Jugendorganisation „Jungen Nationalisten“ (JN) der Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD) verstärkt in Erscheinung.
Innenministerin Dr. Tamara Zieschang betont, dass die Entwicklung im neonazistischen Milieu an die 1990er und frühen 2000er Jahre erinnere. Viele Mitglieder rechtsextremistischer Jugendgruppen orientieren sich äußerlich an der Skinheadszene jener Zeit – etwa durch kahlrasierte Köpfe, Bomberjacken und Springerstiefel – und zeigen weiterhin extreme Gewaltbereitschaft.
Der Leiter des Verfassungsschutzes Sachsen-Anhalt, Jochen Hollmann, verweist auf das bestehende Präventionsangebot der Behörde. Rechtsextremismus sei seit Jahren ein Schwerpunkt der Präventionsarbeit, und Multiplikatorinnen und Multiplikatoren können sich über die Internetpräsenz und Publikationen des Verfassungsschutzes informieren.
Aktionsorientierte Gruppen wie „Jung & Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“ gehören überwiegend zum unstrukturierten rechtsextremistischen Personenpotenzial. Ihre Mitglieder sind informell organisiert, größtenteils virtuell vernetzt und veröffentlichen auf Social-Media-Plattformen Gewaltaufrufe. Einige Mitglieder haben bereits politisch motivierte Gewalttaten begangen.
Beispiele für Gewaltakte in Verbindung mit diesen Gruppen:
- Am 14. Dezember 2024 beteiligten sich Mitglieder der „Deutsche Jugend Zuerst“ Halle (Saale) an einem Angriff auf SPD-Mitglieder in Berlin. Vier Tatverdächtige wurden zu mehrjährigen Jugendstrafen verurteilt.
- Am 20. Dezember 2025 stürmten mutmaßliche Mitglieder der gleichen Gruppierung eine Bar in Halle, beschädigten das Inventar und griffen einen Mitarbeiter körperlich an.
Die Gruppen definieren sich über gemeinsame Feindbilder, darunter Migranten, politisch links orientierte Personen und die LGBTQ+-Community. Einige Gruppierungen bezeichnen sich selbst als „Pedo Hunters“ und richten ihre Aktionen gegen Personen, die sie als pädophil einstufen. In Sachsen-Anhalt waren diese Gruppen bislang vor allem im Zusammenhang mit Veranstaltungen des Christopher Street Day öffentlich aktiv.
Der Verfassungsschutz beziffert das Personenpotenzial der rechtsextremistischen Jugendgruppen in Sachsen-Anhalt auf etwa 300 Personen.
Weitere Informationen zur Arbeit des Verfassungsschutzes, zu Prävention und Beobachtung der rechtsextremistischen Szene in Sachsen-Anhalt sind unter mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz verfügbar.
Bild: Verbotene Kennzeichen des Rechtsextremismus vom Titel einer Aufklärungsbroschüre des Verfassungsschutzes
30. Januar 2020