Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat in ihrem aktuellen „Schwarzbuch“ erneut auf den dramatischen Verlust historisch bedeutsamer Gebäude in Sachsen-Anhalt und bundesweit hingewiesen. Nach Angaben der Stiftung wurden allein in den Jahren 2023 und 2024 mindestens 900 Baudenkmale in Deutschland abgerissen – trotz ursprünglich bestehendem Denkmalschutz.
Radegast verliert traditionsreiches Gasthaus
Als besonders schmerzliches Beispiel nennt die Stiftung den Abriss des Gasthauses „Prinz von Anhalt“ in Radegast, einem Ortsteil der Stadt Südliches Anhalt. Das Gebäude mit markanter Fachwerkfassade war seit 1834 eine feste Größe im Ortszentrum, wurde jedoch nach der Schließung 2004 dem Verfall preisgegeben. Acht Eigentümerwechsel, Hausschwammbefall und gescheiterte Sanierungsversuche führten schließlich zur Abrissverfügung des Landkreises wegen akuter Einsturzgefahr. Heute klafft an der Stelle eine Freifläche.
Quedlinburg: Siedlung Möhrenstieg verschwunden
Auch die Siedlung Möhrenstieg in Quedlinburg aus dem Jahr 1927 taucht im Schwarzbuch auf. Die Wohnanlage für einkommensschwache Familien mit Selbstversorgergärten galt einst als architektonisch wie sozial vorbildlich. 2023 wurde sie trotz Ablehnung der Denkmalschutzbehörde abgerissen, nachdem die städtische Wohnungsbaugesellschaft vor Gericht Recht erhalten hatte. Die Sanierungskosten seien zu hoch gewesen.
Zahlen und Ursachen
Bundesweit reicht die Spanne der Verluste laut Stiftung vom Generalshotel in Brandenburg über die Radrennbahn Reichelsdorfer Keller in Bayern bis hin zu Tankstellen, Hangars oder Industrieanlagen. Hauptgründe seien zu hohe kalkulierte Sanierungskosten, zu niedrige Ansätze bei Ersatzbauten sowie der Umstand, dass manche Denkmale als „unbequeme Orte“ gelten, etwa das Bogensee-Areal mit der Goebbels-Villa in Brandenburg.
Gefahr auch in Gommern
Der Blick nach vorn stimmt die Stiftung nicht optimistisch: In Gommern (Jerichower Land) ist eine Fabrikantenvilla aus dem Jahr 1899 mit reicher Fachwerkarchitektur bedroht. An ihrer Stelle soll ein Mehrfamilienhaus entstehen. Im Schwarzbuch wird kritisiert, dass der Denkmalschutzstatus der Villa kurzerhand bestritten und das Haus als „Gebäuderest“ eingestuft worden sei. Bürgerinitiativen versuchen, den Abriss noch zu verhindern.
Stiftung fordert mehr Unterstützung
„Jedes Jahr gehen viele Objekte unwiederbringlich verloren – und jedes verlorene Denkmal ist auch ein Stück verlorene Erinnerung, Identität und Kultur“, mahnt die Stiftung. Sie fordert daher, Denkmalbehörden besser auszustatten, damit diese Eigentümer beraten und stärker zur Erhaltung auffordern können.
Quelle: mehrere auch überregionale Medien