Halle (Saale). – Das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) zeigt vom 27. März bis 1. November 2026 die Sonderausstellung „Die Schamanin“. Im Mittelpunkt steht die rund 9000 Jahre alte Bestattung der sogenannten Schamanin von Bad Dürrenberg. Neue wissenschaftliche Untersuchungen liefern dabei zusätzliche Erkenntnisse zu Leben, Umfeld und Bestattung der Frau.
Archäologischer Fund von 1934
Das Grab wurde im Mai 1934 bei Bauarbeiten im Kurpark von Bad Dürrenberg entdeckt. Es datiert in die Mittelsteinzeit um etwa 7000 v. Chr. Die Bestattung zählt zu den ältesten bekannten Gräbern in Sachsen-Anhalt und weist eine für die Zeit ungewöhnlich reiche Ausstattung auf.
Beigesetzt wurden eine etwa 30- bis 40-jährige Frau sowie ein männlicher Säugling im Alter von sechs bis acht Monaten. Die Grabgrube war mit Flechtwerk ausgekleidet, mit Kalk verputzt und mit rotem Ocker bestreut. Zahlreiche Beigaben begleiteten die Toten.
Hinweise auf eine besondere gesellschaftliche Rolle
Die Ausstattung des Grabes und bestimmte Befunde deuten darauf hin, dass die Frau eine herausgehobene Stellung innerhalb ihrer Gemeinschaft innehatte. Archäologen interpretieren sie aufgrund verschiedener Indizien als mögliche Schamanin, also als religiöse Spezialistin.
Zu den Funden gehören Werkzeuge aus Knochen, Geweih und Stein sowie ein Set zum Verarbeiten von Ocker. Auffällig ist die große Vielfalt an Tierresten im Grab. Diese reichen von kleineren Tieren wie Igel oder Schildkröte bis zu größeren Arten wie Hirsch, Wildschwein oder Wisent. Teilweise wurden nur einzelne Knochen beigelegt, die symbolisch für das gesamte Tier stehen könnten.
Zudem wurde eine anatomische Besonderheit festgestellt, die bei der Frau vermutlich zu unwillkürlichen Augenbewegungen führte. Solche Merkmale könnten in vorgeschichtlichen Gemeinschaften als außergewöhnlich wahrgenommen worden sein.
Neue Erkenntnisse durch moderne Analysen
Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass sich im Grab insgesamt vier Individuen befanden. Neben der Frau und dem Säugling wurden zwei weitere Kinder identifiziert, die jeweils nur durch einzelne Wirbelknochen nachgewiesen sind.
Genetische Analysen zeigen, dass alle Individuen miteinander verwandt waren. Der Säugling war jedoch nicht direkt mit der Frau verwandt, sondern stand in einem entfernten Verwandtschaftsverhältnis. Die beiden weiteren Kinder konnten als Brüder identifiziert werden. Einer von ihnen war ein Zwilling des Säuglings, lebte jedoch mindestens zwei Jahre länger.
Die Befunde lassen verschiedene Interpretationen zum Ablauf der Bestattung zu. Möglich ist eine gleichzeitige Niederlegung aller Individuen oder eine mehrphasige Nutzung des Grabes mit späteren Nachbestattungen.
Hinweise auf Bestattungsrituale
Weitere naturwissenschaftliche Untersuchungen liefern Hinweise auf die Umstände der Bestattung. Pollenfunde deuten auf eine Niederlegung im Sommer, wahrscheinlich im Juli. Spuren von Feuer könnten auf rituelle Handlungen hinweisen.
Zusätzlich wurden im Sediment Tierhaare und genetische Spuren von Rinderartigen nachgewiesen. Diese konzentrieren sich im Kopfbereich der Frau und des Säuglings. Dies könnte darauf hindeuten, dass Tierhäute als Kleidung oder Einhüllung verwendet wurden.
Umfangreiche Ausstellung mit internationaler Beteiligung
Die Ausstellung umfasst rund 192 Exponate auf etwa 900 Quadratmetern Fläche. Leihgaben stammen von 39 Institutionen aus 14 Ländern. Ziel ist es, sowohl den Fund aus Bad Dürrenberg als auch den aktuellen Forschungsstand zu Schamanismus und mittelsteinzeitlichen Lebenswelten darzustellen.
Ein zentraler Bestandteil ist eine Installation mit einer Schamanentrommel und historischen Gewändern. Dazu gehört unter anderem ein Schamanengewand aus dem 18. Jahrhundert aus Sibirien.
Einordnung in die Mittelsteinzeit
Ein weiterer Teil der Ausstellung widmet sich der Mittelsteinzeit (ca. 9600–5500 v. Chr.). Thematisiert werden Umweltveränderungen nach der letzten Eiszeit sowie Anpassungen der damaligen Jäger- und Sammlergruppen.
Dazu gehören veränderte Jagdstrategien, eine stärkere Nutzung von Gewässern sowie eine teilweise geringere Mobilität. Auch Kunst und symbolische Objekte dieser Zeit werden gezeigt, darunter seltene Figuren und verzierte Werkzeuge.
Übergang zur Jungsteinzeit
Ab etwa 5500 v. Chr. erreichten erste bäuerliche Kulturen Mitteleuropa. Die Ausstellung thematisiert auch die Kontakte zwischen einheimischen Jäger- und Sammlergruppen und den zugewanderten Bauern. Funde aus Sachsen-Anhalt liefern hierzu wichtige Hinweise.
Begleitprogramm und Publikation
Die Ausstellung wird durch ein Veranstaltungsprogramm ergänzt. Zudem ist ein wissenschaftlicher Begleitband erschienen, der die Forschungsergebnisse vertieft darstellt.
Das Landesmuseum ist während der Ausstellung dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sowie an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Montags ist ein Besuch nur nach Voranmeldung möglich.