Uns erreichte ein offener Brief von Dr. Sven Seeger, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara, zu Fragen in der aktuellen COVID-19-Krise betreffend Schwangerschaften:
Das Coronavirus scheint zwar
derzeit fast alles zu dominieren – aber eines darf und wird es
nicht: Die Freude über Ihre Schwangerschaft und die Vorfreude auf
das erwartete Kind mindern. Geben Sie dem Virus dazu keine Chance!
Auch wenn die derzeitige Situation – die Sorgen und Ängste, die
Einschnitte im gesellschaftlichen Leben – sicher auch Sie belasten
und sich die Mehrzahl Ihrer Gespräche nicht um das Baby, sondern um
COVID-19 drehen, Sie wahrscheinlich auf Kontakte zu den Ihnen
nahestehenden Menschen verzichten müssen und Ihnen diese fehlen,
Sie manche Besorgung für das Baby jetzt in Hektik, statt in
liebevoller Vorfreude tätigen müssen, so
gibt es für Sie als
Schwangere oder deren Angehörige dennoch eine gute Nachricht.
Man weiß über die
neuartige Corona-Infektion noch nicht allzu viel, doch eines
zeichnet sich recht sicher ab: Schwangere sind wie auch Kinder
wahrscheinlich von einer Infektion geringer betroffen und weisen
mehrheitlich keine oder nur leichte bis mäßige Krankheitssymptome
auf. Dieser Kenntnisstand gibt auch mir persönlich in dieser Zeit
Kraft und Halt und macht mir Mut – sowohl im Berufsleben als auch
im Privaten, da ich mir absolut keine Gedanken um die Gesundheit
meiner beiden Kinder mache.
Sicher gibt es viele Fragen,
die Sie zur Schwangerschaft in Corona -Zeiten haben. Führende
nationale und internationale Fachgesellschaften geben erste
Antworten auf die wichtigsten Themen. Weil die Fragen nach der
Sicherheit von Mutter und Kind sicherlich die wichtigsten sind und
die Antworten aus meiner Sicht Mut machen, möchte ich diese gerne
noch einmal für Sie zusammenfassen. Ich zitiere dabei teilweise das
German Board and College of Obstetrics and Gynecology (2020):
Bin ich als
Schwangere durch das Corona virus gefährdeter als andere
Frauen?
„Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt
es international keinen Hinweis, dass Schwangere durch das
neuartige Coronavirus (Covid-19) gefährdeter sind als die
allgemeine Bevölkerung. Es wird erwartet, dass die große Mehrheit
der schwangeren Frauen nur leichte oder mittelschwere Symptome,
ähnlich einer Erkältung beziehungsweise Grippe aufweist.
Schwerwiegendere Symptome wie Lungenentzündung scheinen bei älteren
Menschen, Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder
Langzeiterkrankungen häufiger zu sein.Wenn eine bereits vor der
Schwangerschaft bestehende Herz- oder Lungenerkrankung vorliegt,
könnten eher Komplikationen bei Atemwegsinfektion wie bei der
Coronavirusinfektion eintreten.“
Welche
Auswirkungen hat das Coronavirus auf mein Baby, wenn bei mir eine
Infektion diagnostiziert wird?
„Es gibt keine Hinweise
auf ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten. Es gibt auch keine
Hinweise darauf, dass das Virus während der Schwangerschaft auf das
Baby übertragen werden kann. Es wird daher als unwahrscheinlich
angesehen, dass das Virus beim Fetus zu Fehlbildungen oder
Fehlentwicklungen führt. Bislang wurde international nur über 20
Schwangerschaften berichtet, alle fanden in China statt. In keinem
Fall war ein Neugeborenes infiziert. Es wurden keine
Auffälligkeiten bei Mutter und Kind berichtet.“
Damit ist das
Coronavirus für die Schwangere und das Ungeborene weit weniger
gefährlich als andere Infektionen, mit denen wir schon immer zu tun
haben und wegen denen ich auch in meinem fast 30-jährigen
Berufsleben immer wieder mit schicksalshaften Komplikationen
konfrontiert werde. Die in unserer Gesellschaft akzeptierte und als
„normal“ bezeichnete saisonale Virusgrippe dagegen führt bei
Schwangeren zu besonders schweren bis lebensbedrohlichen
Komplikationen. Daher gilt auch weiterhin der Aufruf an Schwangere,
sich gegen die Virusgrippe impfen zu lassen. Die nächste
Grippesaison kommt mit Sicherheit und COVID-19 wird vermutlich bis
dahin leider noch nicht der Vergangenheit angehören.
Was kann ich tun, um
mein Risiko, am Coronavirus zu erkranken, zu senken?
Es gelten die gleichen
Hygieneempfehlungen und aktuellen Begrenzungen von Sozialkontakten
wie sie derzeit für die Gesamtheit der Bevölkerung dringend
angemahnt werden.
Kann ich im
Falle einer Infektion oder eines Verdachtes auf COVID-19 weiter in
der Praxis meiner Frauenärztin / meines Frauenarztes und meiner
Hebamme zur Mutterschaftsvorsorge verbleiben?
Ganz wichtig! Wie in
jeder anderen Arztpraxis sollten Sie bei Verdacht auf eine
Infektion oder gar bei Symptomen wie Husten und Fieber vor dem
Aufsuchen der Praxisräume den Arzt oder das Praxispersonal
telefonisch kontaktieren. Es ist derzeit davon auszugehen, dass bei
symptomloser oder symptomarmer Coronavirus-Infektion eine normale
Mutterschaftsvorsorge vollkommen ausreichend ist. Sicher fällt es
nicht jeder Arztpraxis leicht, die notwendigen
Infektionsschutzmaßnahmen umzusetzen. Derzeit laufen Bemühungen,
regionale Frauenarztpraxen zu gewinnen, die diese Schutzmaßnahmen
besonders gut realisieren können. Aber nochmals: Sie brauchen
keinen Corona-Spezialisten, sondern eine berufserfahrene
Frauenärztin und Hebammen!
Kann ich in der
Geburtsklinik meine r Wahl entbinden?
Klare Antwort: Ja! Jede
Geburtsklinik stellt sich aktuell auf bevorstehende Entbindungen
von positiv auf COVID-19 getesteten oder erkrankten Schwangeren
ein. Zu erwarten seltene, schwer erkrankte Schwangere, solche mit
Vorerkrankungen, Schwangerschaftskomplikationen sowie Frühgeburt
oder Coronavirus-unabhängigen
Problemen des
ungeborenen Kindes, müssen in sogenannten Perinatalzentren
entbunden werden. Als ein solches „Perinatalzentrum höchster
Versorgungsstufe“ ist das Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara
seit fast 20 Jahren aufgestellt und zertifiziert. Aber auch in
unserem Perinatalzentrum wird es glücklicherweise auch in Zukunft
die Hauptaufgabe sein, gesunde Mütter – egal ob mit oder ohne
Corona-Infektion – von gesunden Kindern zu entbinden. Da bin ich
mir ganz sicher! Die Hebammen, Ärzte und Schwestern unsers Hauses
freuenuns also weiter über jede Schwangere, die sich uns zu Ihrer
Entbindung anvertraut.
Wie melde ich
mich zur Entbindung an?
Um während der Corona-Krise die
Personenkontakte im Krankenhaus auf das unbedingt erforderliche Maß
zu begrenzen, finden aktuell in vielen Geburtskliniken persönliche
ambulante Vorstellungen zur Geburtsanmeldung nur bei Bedarf statt.
Wir führen in unserer Klinik ab nächster Woche eine Anmeldung über
einen
Selbstauskunftsbogen
und eine Kopie des Mutterpasses durch. Anhand des Fragebogens und
des Mutterpasses entscheiden unsere Hebammen und Ärzte , ob eine
persönliche Vorstellung erforderlich ist. Wenn das nicht der Fall
ist, legen wir eine Geburtsakte an und bitten die Schwangeren ,
sich bei weiter problemlos verlaufender Schwangerschaft erst mit
Wehen, Fruchtwasserabgang oder anderen Besonderheiten im Kreißsaal
vorzustellen.
Ist bei
Coronovirus-Infektion ein Kaiserschnitt
erforderlich?
Klare Antwort: Nein! Es
gibt derzeit keine Erkenntnisse, dass eine Corona-Infektion einer
natürlichen Entbindung entgegensteht. Ich persönlich – aber das ist
keine wissenschaftlich begründete Meinung – würde bei einer
Corona-Infektion im Interesse des Infektionsschutzes und des
Betreuungspersonals lediglich von einer Wassergeburt abraten.
Gibt es
Einschränkungen bei der Schmerztherapie unter der
Geburt?
Die Verwendung von
Lachgas kann die Aerosolisierung und Ausbreitung des Virus erhöhen
– davon wird bei Infektionsverdacht oder bekannter Corona-Infektion
ausdrücklich abgeraten. Eine Periduralanästhesie (PDA) ist nach
derzeitigem Kenntnisstand uneingeschränkt möglich, sofern gewünscht
oder medizinisch notwendig.
Kann der
werdende Kindsvater auch in Corona -Zeiten mit im Kreißsaal bei der
Geburt dabei sein? Gibt es nach der Geburt eingeschränkte
Besucherregelungen?
Nach derzeitiger Festlegung ist
eine Geburtsbegleitung durch den werdenden Kindsvater oder die
Lebenspartnerin unverändert möglich und ausdrücklich erwünscht.
Andere Begleitpersonen wie Verwandte oder die beste Freundin dürfen
aktuell leider nicht mit in den Kreißsaal. Über diese
Einschränkungen haben sich beide Geburtskliniken der Stadt Halle
(Saale) gemeinsam verständigt.
Ist auch bei
nachgewiesener Corona-Infektion eine gemeinsame Unterbringung von
Mutter und Kind, das sogenannte „Rooming in“
möglich?
Ein gesundes Kind
gehört zu seiner Mutter! Sicher bedarf es aber einer gemeinsamen
und individuellen Entscheidung. Auch kann sich die Meinung dazu
ändern, wenn wir mehr über das Virus wissen.
Wie lange
bleibe ich nach der Geburt des Kindes in der Klinik?
Auch hier gibt es
derzeit noch keine Änderungen. Eine gesunde Mitter mit einem
gesunden, reifen Neugeborenen entscheidet im Wesentlichen selbst,
wann Sie nach Hause geht. Wir orientieren nach natürlicher Geburt
auf 2 Tage, nach Kaiserschnitt auf 4 Tage Aufenthalt. Sollte die
Corona-Krise unsere Krankenhäuser und Geburtskliniken demnächst
übermäßig beanspruchen, so verkürzen wir möglicherweise die
Aufenthaltsdauer nach Geburt. Dafür erarbeiten wir gerade zusammen
mit den Kinderärzten Konzepte, um die während des stationären
Aufenthaltes nichterfolgten Vorsorgeuntersuchungen des Kindes
(U2,Stoffwechselsrceening, Hörtest, Pulsoxymetrie-Test)
vollumfänglich ambulant durchzuführen.
Kann ich bei
nachgewiesener Corona-Infektion mein Baby stillen?
Hier zitiere ich noch
einmal aus der Stellungnahme des German Board and College of
Obstetrics and Gynecology (2020): „Antwort: Ja. Derzeit gibt
es keine Hinweise darauf, dass das Virus über die Muttermilch
übertragen werden kann. Daher wird davon ausgegangen, dass die
anerkannten Vorteile des Stillens die potenziellen Risiken einer
Übertragung des Coronavirus überwiegen. Infizierte Mütter oder
Verdachtsfälle sollten beim Stillen durch Hygienemaßnahmen wie
gründliches Händewaschen vor und nach dem Kontakt mit dem Kind und
durch das Tragen eines Mundschutzes eine Übertragung des Virus
durch Tröpfcheninfektion verhindern. Diese Empfehlung kann sich
ändern, wenn sich das Wissen über das neue Virus
weiterentwickelt.“
Sicher gibt es darüber
hinaus noch weitere Sie interessierende Fragen oder ganz
individuelle Schwangerschaftsprobleme. Bitte wenden Sie sich
vertrauensvoll an Ihre Frauenärzte und Hebammen. Gerade hier – in
und um Halle an der Saale – sind Sie in ein er sehr komfortablen
und sicheren Situation. Es gibt nahezu 40 Frauenarztpraxen und
gleich zwei sehr erfahrene, maximal ausgestattete Perinatalzentren:
Das Universitätsklinikum und das Krankenhaus St. Elisabeth und St.
Barbara. Sie können sicher sein, immer eine geburtsmedizinische
Versorgung und eine Umsorgung durch Hebammen und Schwestern zu
erhalten.
Mehr Informationen
unter www.geburtshilfe-halle.de.
Dr. Sven Seeger Chefarzt Klinik für
Geburtshilfe, Perinatalzentrum Mauerstr. 5, 06110 Halle (Saale),
leicht gekürzt ToK