Friedrich Nietzsche war ein kritischer Geist und unbequemer Philosoph. Trotzdem war er in den Köpfen präsent wie kaum ein anderer Deutscher (sehen wir einmal von Goethe und Schiller ab). In der Neuerscheinung „Also sprach Sarah Tustra“ des Mitteldeutschen Verlages geht der Historiker Matthias Steinbach, seit 2007 Professor für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der TU Braunschweig, der Frage nach, welchen Platz Nietzsche im geistig-kulturellen Leben der DDR eingenommen hatte. Immerhin lag eine Vielzahl der Nietzsche-Stätten (Röcken, Naumburg, Tautenburg, Jena und Weimar) auf dem Gebiet des Arbeiter- und –Bauernstaates. Zunächst beleuchtet der Autor die ersten Jahrzehnte nach Nietzsches Tod (1900) – häufig geprägt von Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche – bis hin zum Missbrauch des Philosophen durch den Nationalsozialismus.
Nach 1945 stand Nietzsche daher in der Sowjetischen Besatzungszone unter Verdacht, „wenn nicht unter Anklage“. Seine Werke wurden verschmäht und teilw
eise aus Bibliotheken entfernt. Doch ein „unliebsamer Geist“ lässt sich nicht einfach töten. Er verlangt nach Auseinandersetzung – immerhin befand sich hier auch das Nietzsche-Archiv. Diese Auseinandersetzung setzte schließlich (bis weit in die 1950er Jahre) an den ostdeutschen Universitäten ein. Zentrale und gegensätzliche Figuren dieser Nietzsche-Rezeption waren Ernst Bloch und Wolfgang Harich. Auch Johannes R. Becher oder Otto Grotewohl meldeten sich in diesem Streit zu Wort. Schließlich wurde Nietzsche in der DDR „im Namen des Antifaschismus und Antimilitarismus“ verworfen. Der einflussreiche Kulturfunktionär Alexander Abusch nannte die einstige Nietzsche-Begeisterung „einen Irrweg der Nation“.
1976 hatte Stephan Hermlin schließlich dieses Nietzsche-Tabu gebrochen, indem er ein „Zarathustra“-Gedicht in sein „Deutsches Lesebuch“ aufnahm. Aber erst in den 1980er Jahren kam es zu einer „Entpolitisierung und Philologisierung“ Nietzsches und man erkannte die traditionell-humanistische Motivation seines Denkens., doch Partei und Staat blieben Nietzsche gegenüber weiter auf Distanz. Mit vielen Belegen und Interviews zeichnet Steinbach „Nietzsches sozialistische Irrfahrten“ nach.
Übrigens auch die Stadt Halle blieb von diesem Nietzsche-„Trubel“ nicht verschont. So wurden in den Stadtteilen Trotha und Frohe Zukunft zwei Straßen (sie sollten einmal verbunden werden) nach dem Krieg in Friedrich-Nietzsche-Straße umbenannt und erst einige Jahre später (Mitte der 1950er Jahre) erhielten sie einen neuen Namen (Helmut-Just).
Matthias Steinbach: „Also sprach Sarah Tustra“ – “, Mitteldeutscher Verlag Halle 2020, 20,00 €, 288 S., ISBN 978-3-96311-424-3