Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnt vor den Plänen der Bundesregierung, das Arbeitszeitgesetz zu reformieren und den bisherigen Acht-Stunden-Tag zugunsten einer stärkeren Orientierung an der Wochenarbeitszeit aufzuweichen. Nach Ansicht der Gewerkschaft würde dies insbesondere Familien und pflegende Angehörige vor erhebliche organisatorische Probleme stellen.
Nach Angaben der NGG stehen in Halle derzeit rund 2.920 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren zur Verfügung. Das entspreche einer Betreuungsquote von etwa 54 Prozent. Nach einer Studie des Deutsches Jugendinstitut (DJI) liege der tatsächliche Betreuungsbedarf in Sachsen-Anhalt jedoch bei 63 Prozent.
Christian Ullmann, Geschäftsführer der NGG-Region Leipzig-Halle-Dessau, kritisiert, dass längere tägliche Arbeitszeiten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erheblich erschweren würden. Kita- und Arbeitszeiten seien bereits heute eng aufeinander abgestimmt. Wenn Beschäftigte künftig regelmäßig zehn oder sogar zwölf Stunden am Stück arbeiten müssten, werde eine verlässliche Kinderbetreuung deutlich schwieriger.
Auch Menschen, die Angehörige pflegen, seien auf planbare Arbeitszeiten angewiesen. Die Abstimmung mit ambulanten Pflegediensten und familiären Betreuungsstrukturen lasse sich nur schwer mit deutlich verlängerten Arbeitstagen vereinbaren.
Die Gewerkschaft verweist zudem auf Ergebnisse der Beschäftigtenbefragung Index Gute Arbeit des Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB). Demnach kümmern sich 51 Prozent der befragten Frauen und 41 Prozent der Männer regelmäßig um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige. Bereits heute hätten mehr als 20 Prozent der Beschäftigten Schwierigkeiten, Familie und Beruf zeitlich miteinander zu vereinbaren; bei alleinerziehenden Frauen liege dieser Anteil bei 42 Prozent.
Nach den derzeit diskutierten Plänen könnte anstelle der bisherigen täglichen Höchstarbeitszeit stärker die europarechtlich zulässige Wochenarbeitszeit in den Mittelpunkt rücken. Die NGG befürchtet, dass dadurch deutlich längere tägliche Arbeitszeiten möglich würden und verweist auf mögliche gesundheitliche Folgen. Nach Angaben der Gewerkschaft steige das Unfallrisiko mit zunehmender Arbeitsdauer deutlich an; zudem nähmen Risiken für Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Burnout zu.
Aus Sicht der NGG lässt sich der Fachkräftemangel insbesondere im Gastgewerbe, im Lebensmittelhandwerk und in der Ernährungsindustrie nicht durch längere Arbeitstage lösen. Stattdessen seien bessere Arbeitsbedingungen sowie ein weiterer Ausbau der Kinderbetreuung erforderlich.
Quelle: Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Region Leipzig-Halle-Dessau; Deutsches Jugendinstitut (DJI); Deutscher Gewerkschaftsbund (Index Gute Arbeit).