Nach der Verpuffung, die sich unter Tage bei der Versatztätigkeit der Firma GTS Grube Teutschenthal Sicherungs GmbH & Co. KG (GTS) in Teutschenthal am Freitagvormittag, dem 8. November 2019, ereignete, konnten alle Bergleute gerettet werden (Hallespektrum berichtete). Das sei eine gute Nachricht, erklärt auch die „Bürgerinitiative gegen eine Giftmüllregion Halle(Saale) e.V.“ Die Initiative vertritt viele Anwohner der Grubenanlage, die sich wegen Geruchsbelästigung und Gesundheitsgefahren beschweren, die von Ausdünstungen der Grube ausgehen. Diese Ausdünstungen ruhen von eingelagertem „Versatz“ her, sprich Sonder- und Giftmüll, mit dem das ehemalige Kalibergwerk unter Tage verfüllt wird.
Die Initiative erklärt hierzu aber weiter: „Durch die für die
GTS profitable Versatztechnologie, bei der Giftmüll in die alten
Kali- und Steinsalzabbaue eingebracht wird, sind aber nach wie vor
die Menschen und die Umwelt der Region durch Ausgasungen und
Filterstäube belastet. Wir wissen bis heute nicht
vollumfänglich, welche Stoffe wieder an die Tagesoberfläche
gelangen. Unsere Bemühungen, belastbare und glaubwürdige Belege für
die Ungefährlichkeit der
Ausgasungen zu erhalten, scheiterten bisher. Das gegenwärtige
Problem wird lediglich auf die Geruchssituation reduziert. Nicht
die Gerüche sind das vordergründige Problem, sondern die vielen
Giftstoffe, die für sich und/oder durch neu entstandene chemische
Verbindungen bei den ablaufenden Reaktionen unter Tage so
gefährlich sind. GTS, LAGB (Landesamt für Geologie und Bergwesen)
und Wirtschaftsministerium erwecken den Eindruck des
Hinhaltens und Beschwichtigens. Die nun eingeleitete Rasterbegehung
nach GIRL wird ein weiteres Jahr dauern, ohne dass sich für die
Menschen und die Umwelt der Region etwas verändert.
Die Tatsache, dass auch viele überregionale Medien das
Teutschenthaler Unglück meldeten und vor Ort nachfragten, deutet
auf eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit bezüglich der
Unvernünftigkeit des Giftmüllversatzes in Salzbergwerken hin. Alte
Salzbergwerke eignen sich wegen der Gefahr von Wassereinbrüchen
nicht für die Einlagerung von Giftstoffen, da künftig die Biosphäre
kontaminiert werden kann. „Langzeitsicherheitsnachweise“ sind
daher
nur Langzeitsicherheitswünsche.
Den laut Langzeitsicherheitsnachweis ausgeschlossenen Kontakt mit
der Biosphäre belegen schon jetzt die nicht endenden Ausgasungen
und Feinstaubfreisetzungen sowie das „Verpuffun s“-Unglück
vom 08.11.2019 selbst, bei dem zum Unglückszeitpunkt von Anwohnern
„verbrannte Gerüche“ über Tage wahrgenommen wurden.
Schornstein dient nur der Beschwichtigung
Der geplante Bau eines Schornsteins, der die „Geruchsbelästigung
im Umfeld“ senken soll („Mitteldeutsche Zeitung“ vom 09.11.2019),
hat nach Auffassung der Bürgerinitiatve die Aufgabe, Proteste der
Angersdorfer Bürger zu verhindern. Die dann weiträumiger
verbreiteten und somit verdünnten Ausgasungen und Stäube, die damit
die Stadt Halle erreichen werden, sollen die Belastungen für die
Angersdorfer Anwohner minimieren – so haben das LAGB und
Wirtschaftsministerium es genehmigt. Dies steht in Widerspruch zur
Festlegung, dass Angersdorf das Frischlufteinzugsgebiet für die
Stadt Halle bildet, was
recherchiert werden kann. Aus Vorsorgegründen sind für die
Gesundheit der Anwohner, wie bei jeder industriellen Anlage, Filter
einzusetzen. Der Begründung, dass Vorsorgemaßnahmen bei einem
Bergwerksbetrieb nicht notwendig seien, widerspricht der
Versatztätigkeit und das Ablaufen
chemischer Reaktionen der giftigen Abfallstoffe. In diesem Bergwerk
erfolgt kein bergmännischer Abbau eines Rohstoffs, sondern die
Deponierung von giftigen Stoffen, die ohne spezielle Absicherung
nicht an der Oberfläche gelagert werden können, ohne eine
Umweltbelastung hervorzurufen. Offensichtlich wird der
Giftstoffversatz technologisch nicht beherrscht, weshalb es zu der
sogenannten „Verpuffung“ kam, bei der laut Pressekonferenz der
Polizei und der GTS ein Bergmann durch „herumfliegendes Gestein im
Gesicht“ verletzt wurde.
Notwendigkeit der Giftmülleinlagerung angeblich alternativlos
„Giftmülllager gegen Gebirgsschlag“ war eine Überschrift in der „Mitteldeutschen Zeitung“ vom Tag nach der „Verpuffung“ (09.11.2019). Die Diktion auch vieler Veröffentlichungen anderer Medien ist, dass der Versatz mit Giftmüll alternativlos sei: Nur mit den Stoffen, die die GTS derzeit einlagert, könne man einen Gebirgsschlag verhindern. Dem widerspricht die Bürgerinitiative und Anwohnerschaft nachdrücklich. Die Mitglieder der Bürgerinitiative fordern erstens einen sofortigen Stopp des Giftmüllversatzes, auch weil eine benannte Ungefährlichkeit der Ausgasungen bis heute von unabhängigen Gutachtern nicht nachgewiesen wurde!
Initiative fordert: Einklagerung ungefährlichen Mülls statt problematischer Abfälle
Die zweite Forderung lautet deshalb, die umgehende Entwicklung
einer Technologie für den Versatz mit ungefährlichen Stoffen
(Haldenmaterial, Bauschutt) zu beginnen! Es stimmt auch nicht, dass
der Versatz mit ungefährlichen Stoffen Arbeitsplätze vernichte, wie
die GTS behauptet. Er ist nur bei weitem nicht so profitabel. Noch
schlimmer scheint es zu werden, wenn die GTS künftig
„freigemessene“ Abfälle als Bergversatz einbringt, ebenso
sogenannte „ASSE- Abwässer“ aus den alten Salzstöcken der ASSE aus
Niedersachsen, wo eingelagerter Atommüll das Grundwasser im
angeblich trockenen Bergwerk kontaminiert hat. „Freigemessene“
Abfälle sind „Rückbaumassen kerntechnischer Anlagen“, also
radioaktive Abfälle von AKW- und KKW-Abrissmaßnahmen,
die solange konditioniert (verdünnt) werden, bis sie einen
sogenannten Schwellenwert von höchstens 10 Mikrosievert pro Jahr
als „zulässigen“ Grenzwert ausweisen. „Freigemessen“ bedeutet aber
nicht, frei von Radioaktivität. Diese verschwindet nicht, indem man
sie per Gesetz unkenntlich macht. Wissenschaftlicher Konsens ist
inzwischen, dass es keine für den menschlichen Organismus
unschädliche Radioaktivität unterhalb eines Schwellenwertes
gibt.
Angst vor radioaktiven Abfällen
Die GTS plant den Versatz „freigemessener“ Abfälle. Dazu hat sie
aktiv an der Gesetzesänderung der Strahlenschutzverordnung
(StrlSchV) mitgewirkt. Die Anwaltskanzlei Versteyl (avr) hat im
Auftrag der GTS eine Stellungnahme zum Referentenentwurf und einen
Vorschlag zur Formulierung für eine Novelle der
Strahlenschutzverordnung „Entsorgung von spezifisch freigegebenen
Rückbaumassen kerntechnischer Anlagen-Verwertung im Versatzbergwerk
als langzeitsichere, gleichwertige Alternative zur Deponierung“
erarbeitet und Formulierungsvorschläge zur Novelle der
Strahlenschutzverordnung erarbeitet.
Das Umweltbundesamt hat die Strahlenschutzverordnung mit Wirkung
zum 31.12.2018 neu gefasst. Demnach ist nun eine Freigabe von
radioaktiv kontaminierten Stoffen im Einzelfall auch für den
Einsatz in Grubenbauen nach der Versatzverordnung möglich.
Wir fordern somit drittens den sofortigen Stopp des Versatzes mit
„freigemessenen“ Abfällen und „ASSE-Abwässern“!
„Gesundheit nicht verhandelbar“
Die genannten drei Forderungen richten die Mitglieder der
Bürgerinitiative an die verantwortlichen Entscheidungsträger im
Land Sachsen-Anhalt, die für die Genehmigung zuständig sind. Die
Gesundheit der Menschen ist nicht verhandelbar. Das müssen die
Verantwortlichen endlich akzeptieren.
Der 8. November 2019 sollte nicht nur Anstoß zur Verhinderung
weiterer Unglücksereignisse sein, bei denen Menschen unmittelbar zu
Schaden kommen. Über die Sicherheit der Einlagerungstechnologie ist
vielmehr ernsthaft nachzudenken. Leider wurde der Versatzbetrieb
bereits am 11.11.2019 mit Genehmigung des LAGB wieder aufgenommen,
obwohl die Ermittlungen zum Unglück noch laufen. Die
Unglücksursache ist daher viertens lückenlos aufzuklären und es
sind sofortige Konsequenzen bezüglich der Genehmigungen zu
ziehen.“
(Text: Erklärung der BI, Zwischenüberschrift und Einleitung Red.)
8 comments on “Nach Grubenunglück in Teutschenthal: Bürgerinitiative wehrt sich gegen weitere Einlagerung von Gefahrstoffen”
Toller Artikel.
Die Bürgerinitiative zeigt hier mehr als deutlich, warum die Gifthalde geschlossen werden sollte.
Und eben auch, warum sie weiter betrieben wird, wobei die Gesundheit hier völlig in den Hintergrund tritt und sie nie in Betrieb hätte gehen dürfen.
Und von Arbeitsplätzen zu sprechen seitens der Betreiber ist blanker Hohn, da vorwiegend Ausländer vor Ort eingesetzt werden.
Bin da etwas gespalten. Es muss natürlich geklärt werden, was da ausgast und was da explodiert ist. Und wenn das Verkippen von Sondermüll so lukrativ ist, muss eben auch in die Sicherheit investiert werden. Aber: wir können nicht einfach die Entsorgung von Sondermüll, wozu vor allem auch die Asche aus Müllverbrennungsanlagen gehört, stoppen. Wer seinen Müll in die Tonne wirft, muss auch dulden, dass die Asche dann irgendwann wieder im Bergwerk vor der Haustür landet.
#hei-wu
Den Müll könnte und muss man dort versenken, wo niemand wohnt, wo kein Schaden entstehen kann.
Es handelt sich hierbei nicht nur um den üblichen „deutschen“ Haushaltsmüll, der wird von überall her angefahren.
Insbesondere radioaktiver Müll, der sich über die Menge und die Jahre akumuliert.
Wobei es lediglich Richtwerte sind, die die Konzentration vorgeben.
Im Sinne der Gesundheit von Mensch und Natur sowie der Werte die sich dort ansässigen Menschen geschaffen haben, ist das nicht strittig.
@Cerberus: „dort versenken, wo niemand wohnt“: Wo in Deutschland soll das sein?
@hei-wu
Berechtigte Frage, da darf jeder einmal darüber nachdenken, wie wir leben und worin die Ursachen für das Anfallen solches Material liegen, um sie zu vermeiden.
Jedenfalls nicht dort, wo Menschen heran wachsen. Ich denke nicht, das nur ein Einwohner, der umliegenden Dörfer, zu gestimmt hätte, atomaren Abraum und giftige Aschen nebenan zu entsorgen. Der dort gelagerte Müll ist nicht nur aus der BRD. Da sollte doch er dir Frage lauten, warum dieser Müll bei uns um die Ecke entsorgt wird ?
Haben Sie ausdrucksstarke Argumente, warum die Anwohner ihre Umwelt und damit ihre Gesundheit gefährden sollten?
In der Grube wird kein Atommüll entsorgt.
Mein Nachbar arbeitet dort unten vor Ort, und ist kein Ausländer. Er war einer von 34.
In unmittelbarer Nähe der Einfahrt zur Grube gibt es einen Bäcker, etwas weiter weg eine Gaststätte, hundert Meter weiter Schrebergärten. Dann gibt es da noch eine Wohnungsgesellschaft. Viele private(?) Mehrfamilienhäuser …. also ganz normales Leben.
Bis auf – ich vermisste im Mai diesen Jahres das jährliche ultimative heavy metal Konzert. (traurig guck)
@teu
Bitte einmal auf die Website des Arbeitgebers gehen und nachlesen, was für Endprodukte verklappt werden. Im Übrigen auch im Artikel deutlich hervorgehoben.
Mir ist es schleierhaft, wie man dafür Partei ergreifen kann.
Und zu letzt, „ein Nachbar“, also sie nicht selbst, hätte dieses und jenes gesagt, dann ist das zweifelhaft. Und ein Bäcker in der Nähe ist keine Referenz.
Es bleibt dabei, der Artikel ist Klasse und echte Gegenargumente bleiben aus.
@cerberus: Die Webseite der GTS ist mir bekannt.
Das ist nicht mein „Arbeitgeber“.
War es auch nie.
Atommüll wird dort nicht eingelagert: https://www.grube-teutschenthal.de/web/gts.nsf/id/pa_deklarationsanalyse.html
Die Bürgerinitiative wurde vor Jahren vom ehemaligen, abgesetzten und abgewählten Bürgermeister Teutschenthals, Wunschinski, damals noch MdL, gemeinsam mit Haseloff, konstruiert.
Ich war dabei. Bilder davon habe ich.
Zudem: Ich war fünf Jahre lang, fast täglich, sonntags nicht, in Angersdorf und Holleben unterwegs. In diesen Jahren habe ich nicht ein einziges Mal seltsame Gerüche wahrgenommen.
Dazu: Bergarbeiter müssen atmen. Die Luft wird in das Bergwerk hineingepumpt, und kommt natürlich als Abluft wieder zutage. Dies zu lösen ist einfach.
Ursprünglich war ja Angersdorf als Einbringungsort geplant. Weil, in unmittelbarer Nähe der Autobahn und in einem Gewerbegebiet gelegen.
Haseloff befuhr damals die noch nicht freigegebene Anschlussstelle der Autobahn, Verkehrsschilder gelten auch heute nicht bei dicken Tatoren, und manchmal sitzen diese in trauter Gemeinsamkeit in einer, ich sage mal, Gaststätte, in Angersdorf.
Aber zum Thema: Es ist wohl so, dass die GTS labortechnisch unterversorgt ist.
Das muss man ändern, aber geschwind!