Im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) ist am 6. Juli 2026 der Mitteldeutsche Archäologiepreis verliehen worden. Ausgezeichnet wurde die Archäologin Anne-Kathrin Kokles für ihre herausragende Dissertation über die rituelle Deponierung von Rindern und Rinderknochen im Zeitraum vom 5. bis zum 3. Jahrtausend vor Christus.
Der mit 5.000 Euro dotierte Preis wird von der Stiftung zur Förderung der Archäologie Sachsen-Anhalt vergeben. Die Stiftung wurde 2004 durch die MIBRAG GmbH gegründet und unterstützt wissenschaftliche Qualifizierungsarbeiten sowie Grabungs- und Forschungsprojekte. Geehrt werden Personen oder Forschungsgruppen, die sich in besonderer Weise um die Archäologie Mitteldeutschlands verdient gemacht haben.
Dissertation eröffnet neue Einblicke in steinzeitliche Rituale
Kokles erhielt die Auszeichnung für ihre mit „summa cum laude“ bewertete Dissertation „Das deponierte Rind: Multidisziplinäre Untersuchungen zum mitteleuropäischen Ritualgeschehen vom Ende des 5. bis zum Beginn des 3. vorchristlichen Jahrtausends. Eine Neuaufnahme der mittel- und norddeutschen Befunde“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Dr. François Bertemes und Prof. Norbert Benecke.
Grundlage der Untersuchung sind 124 archäologische Befunde von 69 Fundplätzen in sieben Bundesländern. Einen besonderen Schwerpunkt bilden 43 Fundplätze in Sachsen-Anhalt. Die Region mit ihren fruchtbaren Löss-Schwarzerden war bereits in der Jungsteinzeit (etwa 5500 bis 2200 vor Christus) dicht besiedelt. Zugleich ermöglichten die Böden eine vergleichsweise gute Erhaltung von Knochenmaterial.
Die Arbeit verbindet archäologische und archäozoologische Methoden und liefert neue Erkenntnisse über die Bedeutung von Rindern in den Ritualpraktiken neolithischer Gesellschaften.
Vom Knochenopfer zum vollständigen Rind
Die Untersuchungen zeigen, dass sich die Formen der Rinderdeponierung über einen Zeitraum von rund 2.000 Jahren deutlich veränderten. Während frühe Befunde von der Niederlegung verschiedener Rinderknochen in Schachtgruben geprägt sind – etwa in Karsdorf im Burgenlandkreis –, treten später vollständige Einzelrinder in den Mittelpunkt ritueller Handlungen, beispielsweise während der Zeit der Salzmünder Kultur (etwa 3400 bis 3000 vor Christus).
Dieser Wandel erlaubt Rückschlüsse auf gesellschaftliche Veränderungen, Kontakte zwischen archäologischen Kulturen und die Entwicklung religiöser beziehungsweise ritueller Vorstellungen im Neolithikum.
Besondere Bedeutung besitzt die Neubewertung des sogenannten „Rinderbarons von Westerhausen“ aus dem Landkreis Harz. Das im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle ausgestellte Ensemble besteht aus einer menschlichen Bestattung sowie der Deponierung von insgesamt sieben Rindern in zwei benachbarten Gruben. Der außergewöhnliche Befund gehört zur Kugelamphorenkultur (etwa 3100 bis 2800 vor Christus) und konnte durch die Forschungen von Kokles erstmals in den größeren Zusammenhang der Rinderdeponierungen eingeordnet werden.
Neue Methode der archäozoologischen Untersuchung
Eine besondere Leistung der Dissertation liegt in der Entwicklung einer neuen archäozoologischen Individualanalyse. Dabei wird nicht nur ein einzelner Knochen betrachtet, sondern jedes Tier anhand einer Vielzahl von Merkmalen untersucht – darunter Alter, Geschlecht, Krankheiten, Veränderungen durch menschliche Einwirkung und Körpermaße.
Zusätzlich wurden erstmals umfangreiche Radiokarbondaten zu den untersuchten Befunden zusammengetragen und neu erstellt. Dadurch konnte eine präzisere zeitliche Einordnung der Ritualpraktiken erfolgen.
Mit ihrer Arbeit erweitert Anne-Kathrin Kokles wesentlich das Verständnis der jungsteinzeitlichen Gesellschaften Mitteldeutschlands und zeigt, welche Bedeutung Rinder in den religiösen und sozialen Vorstellungen früher bäuerlicher Gemeinschaften hatten.
Zur Preisträgerin
Anne-Kathrin Kokles studierte Biologische Anthropologie, Prähistorische Archäologie und Kunstgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Leipzig.
Bereits während eines Praktikums am Landesmuseum für Vorgeschichte Halle wirkte sie an der Sonderausstellung „3300 BC – Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt“ mit. Von 2014 bis 2016 absolvierte sie ein Volontariat beim Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt und war unter anderem an der Ausstellung „Krieg – eine archäologische Spurensuche“ beteiligt.