Es gibt Werke, die altern nicht, sondern gewinnen mit den Jahrzehnten an Schärfe. Jacques Offenbachs Orpheus in der Unterwelt gehört zu ihnen – ein musikalischer Spottgesang auf Ehe, Macht und Moral, der seit seiner Uraufführung 1858 nichts von seiner Sprengkraft verloren hat. Nun bringt die Oper Halle dieses Urbild der Operette in einer ebenso respektlosen wie zeitbewussten Fassung auf die Bühne. Premiere ist am 31. Januar 2026.
Offenbachs Parodie auf den antiken Mythos war von Beginn an ein Affront gegen die guten Sitten. Wo Gluck einst das Leid der liebenden Gatten vertonte, zeigt Offenbach eine Ehe als Pflichtübung ohne Glanz: Orpheus und Eurydike, einander überdrüssig, gefangen in Konvention und Rollenspiel. In Halle wird diese Ausgangslage mit einem gegenwärtigen Bild zugespitzt – nach einer Bruchlandung stranden die beiden auf dem Olymp, und mit ihnen gleich die Illusion von Harmonie.
Regisseur Patric Seibert und Dirigent Andreas Wolf greifen dabei auf Musik aus beiden Fassungen des Werkes zurück, der ursprünglichen von 1858 und der erweiterten von 1874. Gemeinsam mit Ausstatter Kaspar Glarner entsteht ein bildstarker Zugriff auf Offenbachs grelle Welt, in der sich das Absurde und das Bitterernste die Hand reichen. Der Olymp erscheint als kalter Machtapparat, in dem private Verfehlungen zu Staatsaffären anwachsen; der Hades dagegen als schillernder Sehnsuchts- und Vergnügungsraum, in dem alles erlaubt scheint – bis die Ordnung im lustvollen Chaos zerfällt.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die „Öffentliche Meinung“, verkörpert von Barbara Dussler: mal Chor, mal Kommentatorin, mal treibende Kraft. Sie ist das mahnende Gewissen und zugleich Manipulatorin, ein Spiegel unserer eigenen Zeit, in der Beobachtung und Urteil allgegenwärtig sind. So wird aus Offenbachs Satire ein Resonanzraum für heutige Fragen nach Freiheit, Anpassung und Selbstinszenierung.
Musikalisch getragen wird der Abend vom Opernchor und einem prominent besetzten Ensemble, darunter Robert Sellier als Orpheus, Vanessa Waldhart als Eurydike und Gerd Vogel als Jupiter. Wenn schließlich der berühmte Höllen-Cancan losbricht, wird klar: Diese Operette will nicht trösten, sondern entlarven – mit Witz, Tempo und jener Leichtigkeit, die seit jeher die schwersten Wahrheiten tanzen lässt.