Es war im Jahr 1960 in
Quedlinburg, als plötzlich unser Vater einen Schlaganfall erlitt
und kurze Zeit später verstarb. Unsere Mutter, selber kränkelnd,
beschloss mit ihren 3 Kindern – 14, 11 und 10 Jahre alt – zu ihren
Eltern nach Rathenow zu ziehen. Bei den Großeltern hatten wir immer
die Sommerferien verbracht. Sie hatten ein Schaf, zwei Ziegen,
Hühner, Katzen, Kaninchen und einen Wachhund. Im großen Garten
gediehen unter Omas Hand Obst und Gemüse prächtig. Kaum bei ihnen
angekommen, weihte mich Mutter in ihre wirklichen Pläne ein. Sie
wollte mit uns zu ihren Schwestern nach Dortmund weiterreisen, in
den Westen, über Westberlin mit uns flüchten. Für mich klang das
recht hoffnungsvoll, denn von den Tanten hatten wir öfter
Westpakete bekommen mit heißbegehrten Kaugummis und köstlicher
Schokolade.
Ich hatte verstanden, dass wir nur mit dem Nötigsten ausgestattet
nach Westdeutschland flüchten wollten. Schon am nächsten Morgen
ging es los. Wir fuhren mit der Eisenbahn bis Berlin-Staaken. Am
Grenzübergang in die Stadt Berlin beäugten uns misstrauisch die
Grenzsoldaten, kontrollierten die Papiere meine Mutter, ließen uns
aber dann passieren. Ich schleppte 2 Koffer; mein kleiner Bruder
und meine Schwester klammerten sich verängstigt an die Hände meiner
Mutter. Unsere Reise endete wenig später im Flüchtlingslager
Berlin-Marienfelde. Das war 4 Tage vor meinem 14.Geburtstag. Im
November wurden wir dann aus Westberlin ausgeflogen und in einem
westfälischen Notaufnahmelager für Flüchtlinge untergebracht.
Barackenzimmer, ca. 15 m², 2 Doppelstockbetten, ein Tisch und 4
Stühle. Tristes Lagerleben folgte. Nasskalt war der Dezember. Kälte
und Feuchtigkeit krochen durch die Barackenwände. Fast nichts
erinnerte daran, dass Weihnachten bevorstand. Mein Vater hatte
immer einen riesigen Weihnachtsbaum für unsere Altbauwohnung in
Quedlinburg organisiert. Ich durfte ihm beim Aufstellen helfen.
Unter den Baum passten viele Geschenke. Schöne Erinnerungen.
Diesmal würde es wohl nichts geben. Meine Mutter litt sehr
darunter. Ein paar Spiele und gebrauchte Kleidung hatte sie
bekommen. Mehr war nicht drin. Ein trauriges Weihnachtsfest schien
auf uns zu warten.
Aber dann kam alles ganz anders. Am 24.Dezember kam überraschend
ein gutgekleidetes Ehepaar ins Lager, lud uns in ihren nicht so
ganz neuen Volkswagen und fuhr mit uns durch die einsetzende
Dunkelheit und den nicht enden wollenden Regen. Nach gut 2 Stunden
Fahrt kamen wir an. Riesig und gelungen war dann die Überraschung.
Uns erwartete im warmen Wohnzimmer ein wundervoller geschmückter
Weihnachtsbaum wie ich es von daheim kannte. Und dann waren da auch
Geschenke für uns Kinder. Erst scheu aber dann von einem
unfassbaren Glücksgefühl erfüllt packten wir die Geschenke aus. Es
gab Bücher, neue Kleidung, Südfrüchte, Kekse und Süßigkeiten. Wir
hatten keine Geschenke für unsere Gastgeber. Aber für sie waren
unsere leuchtenden Kinderaugen, unsere Freude ihr Glück. 2 Tage
später kehrten wir vollgepackt mit den guten Gaben zurück ins nun
nicht mehr so trist wirkende Flüchtlingslager.
Leider verloren wir uns aus den Augen. Manches Detail ist aus der
Erinnerung entschwunden. Aber das Wissen darum, dass und wie man
Flüchtlingen Gutes tun kann ist geblieben, dank der „Engel“ von
1960.
(H.J. Ferenz)
Mein „Weihnachtswunder“
One comment on “Mein „Weihnachtswunder“”
Ein schönes Geschwisterbildnis und Rathenow ist auch malerisch gelegen.