Mehr Pflanzenarten auf einer Fläche bedeuten nicht automatisch mehr biologische Vielfalt. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Studie unter Leitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die jetzt in der Fachzeitschrift Nature Communications erschienen ist.
Für die bislang größte europaweite Untersuchung dieser Art werteten Forschende mehr als 57.000 Vegetations-Zeitreihen aus den vergangenen 100 Jahren aus. Zwar stieg die Zahl der Pflanzenarten auf einzelnen Flächen im Durchschnitt leicht an. Nach Einschätzung des Forschungsteams ist dies jedoch kein Zeichen für gesündere Ökosysteme. Vielmehr breiten sich zunehmend weit verbreitete, anpassungsfähige Pflanzenarten sowie gebietsfremde Arten aus, während seltene und spezialisierte heimische Arten unter Druck geraten.
Besonders deutliche Veränderungen wurden in Feuchtgebieten und Mooren festgestellt, insbesondere dort, wo Lebensräume durch menschliche Eingriffe verändert wurden oder zunehmend verbuschen. In Grünlandbereichen verliefen die Veränderungen deutlich langsamer.
Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Gesamtzahl der Pflanzenarten in Europa trotz der lokalen Zunahmen nicht gestiegen ist. Artenverdrängung und Aussterbeprozesse verliefen oft über Jahrzehnte und würden sich daher erst langfristig in den Beständen bemerkbar machen.
Nach Ansicht des Forschungsteams unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung eines kontinuierlichen Monitorings der Pflanzenwelt. Nur langfristige Beobachtungen könnten Veränderungen der biologischen Vielfalt zuverlässig erfassen und eine Grundlage für wirksame Naturschutzmaßnahmen schaffen.
Foto: Milan Chytrý: Für die Studie wurde die Artenvielfalt in vielen Regionen Europas untersucht. Hier ist eine Untersuchung im Bjelasica-Gebirge in Montenegro zu sehen.