Ein Jahr nach Veröffentlichung des Diskussionspapiers „Mehr Freiheit – weniger Regulierung“ der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften hat die Wissenschaftscommunity in Berlin eine Zwischenbilanz gezogen. Vertreterinnen und Vertreter aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Politik und Verwaltung diskutierten am 24. Februar 2026 im silent green Kulturquartier über Fortschritte, Herausforderungen und den Zusammenhang zwischen Entbürokratisierung, Wissenschaftsfreiheit und Demokratie.
Zu Beginn hob Leopoldina-Präsidentin Bettina Rockenbach hervor, dass Bürokratie im Wissenschaftssystem eine notwendige Schutzfunktion erfülle – als Garant gegen Willkür und ungleiche Behandlung. Entscheidend sei jedoch eine maßvolle, verhältnismäßige Ausgestaltung. Anschließend warb Oliver Fromm für einen „neuen Spirit“: weniger Kontrolle um der Kontrolle willen und mehr Vertrauen in die Abläufe innerhalb der Wissenschaft. Der Bundestagsabgeordnete Joachim Ebmeyer forderte in diesem Zusammenhang einen Kulturwandel – weg von Absicherung, hin zu mehr Mut, Gestaltungsfreiheit und Verantwortungsbewusstsein.
Im zweiten Panel diskutierten unter anderem Christoph M. Schmidt, Susanne Bowen, Michael Hoch und Marietta Auer über die Frage, wie weit Hochschulen und Forschungseinrichtungen bereits bei der Entlastung von Verwaltungsstrukturen gekommen sind. Ein besonders diskutierter Punkt betraf die im Diskussionspapier vorgeschlagene Fokussierung auf Kernaufgaben – und damit verbunden eine kritische Prüfung zahlreicher gesetzlich vorgeschriebener Beauftragter. Auer betonte, dass immer umfassendere Zusatzauflagen der Wissenschaft schaden könnten. Bowen ergänzte, dass jede Regelung daraufhin geprüft werden müsse, welche Funktion sie für Wissenschaft und Demokratie erfüllt.
Die Verbindung beider Bereiche wurde im Verlauf des Workshops immer deutlicher. Walter Rosenthal wies darauf hin, dass Angriffe auf die Demokratie stets auch Angriffe auf die Wissenschaft seien – und umgekehrt. Wissenschaftliche Institutionen müssten daher widerstandsfähiger gegenüber politischen Veränderungen werden. Dazu gehörten eine verlässliche Grundfinanzierung, eine Stärkung des öffentlichen Verständnisses für wissenschaftliche Prozesse sowie klare, funktionale und zugleich möglichst schlanke Regeln.
Im Abschluss-Panel betonte Rolf-Dieter Jungk, dass weniger, dafür aber verbindlichere Regeln notwendig seien. Jörg Niewöhner warnte zudem vor möglichen politischen Verwerfungen und sprach sich für eine „Re-Formalisierung“ von Verfahren aus, um Manipulation und Missbrauch vorzubeugen.
Zum Ende des Workshops zog Leopoldina-Präsidentin Rockenbach eine gemischte Bilanz: Das Erkenntnisproblem sei weitgehend gelöst – das Umsetzungsproblem bestehe jedoch fort. Zugleich verwies sie auf Erkenntnisse aus der Kooperationsforschung: Kooperation werde stärker, wenn der äußere Druck zunimmt. Diese Dynamik war in den intensiven Debatten im silent green Kulturquartier sichtbar: das Bewusstsein, dass Wissenschaftsfreiheit und Demokratie untrennbar miteinander verbunden sind und eine schlanke, funktionale Verwaltung beide stärkt.