Stendal – Ein Lehrer aus Sachsen-Anhalt steht im Mittelpunkt einer bundesweiten Debatte über politische Bildung, Neutralitätspflicht und den Umgang mit der AfD an Schulen. Der Deutsch- und Techniklehrer Max Heckel von der Comenius-Sekundarschule in Stendal wurde vom Landesschulamt Sachsen-Anhalt abgemahnt, weil er nach Ansicht der Behörde im Unterricht gegen das Gebot parteipolitischer Zurückhaltung verstoßen habe. Heckel weist den Vorwurf zurück und klagt gegen die Maßnahme. Der Fall soll im November vor Gericht verhandelt werden.
Der Streit begann mit einem Gespräch im März 2025 während einer Technikstunde. Die Schülerinnen und Schüler einer sechsten Klasse waren bereits mit Aufräumarbeiten beschäftigt, als das Gespräch auf die U18-Wahl an der Schule kam. Ein Schüler fragte Heckel, ob er bei der Bundestagswahl die AfD gewählt habe.
„Nein, habe ich nicht“, antwortete der Lehrer nach eigener Darstellung. Auf die Nachfrage nach dem Warum habe er seine persönliche Einschätzung zu politischen Positionen der Partei erläutert.
Heckel erklärte im Interview mit dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, er habe zunächst über Steuerpolitik gesprochen. Mithilfe einer Grafik des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung habe er den Schülern gezeigt, wie sich Steuerprogramme verschiedener Parteien auf unterschiedliche Einkommensgruppen auswirken könnten. Dabei habe er erklärt, dass sich eine Wahl der AfD aus wirtschaftlicher Sicht für ihn persönlich nicht lohne, da er nicht mehr als 120.000 Euro im Jahr verdiene.
Anschließend habe er weitere politische Themen angesprochen – unter anderem die Positionen der AfD zur Inklusion und zum Begriff „Remigration“. Dabei habe er nach eigener Aussage versucht, den Schülerinnen und Schülern politische Zusammenhänge zu erklären.
„Meine Schüler konnten mit dem Begriff Inklusion erst mal nichts anfangen“, sagte Heckel. Er habe deshalb anhand seiner eigenen Klasse erläutert, was gemeinsames Lernen bedeute. Viele Schülerinnen und Schüler erhielten Nachteilsausgleiche, etwa wegen Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie, ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen oder fehlender deutscher Sprachkenntnisse.
Heckel verwies zudem auf Aussagen des Thüringer AfD-Politikers Björn Höcke zur Inklusion. Die Partei wolle nach seiner Darstellung die bisherige Form des gemeinsamen Unterrichts verändern. Seine Botschaft an die Klasse sei gewesen: „Für mich sind alle Schüler gleich viel wert.“
Auch das Thema „Remigration“ habe er angesprochen. Dabei habe er auf das Konzept des österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner verwiesen, der eine massenhafte Rückführung von Menschen mit Migrationsgeschichte fordert. Heckel kritisierte, dass sich Teile der AfD davon nicht ausreichend distanziert hätten.
Vorwurf der politischen Beeinflussung
Das Landesschulamt Sachsen-Anhalt bewertet den Vorgang anders. Nach Darstellung Heckels wird ihm vorgeworfen, sich in ein Gespräch über die AfD eingemischt und die Partei einseitig kritisiert zu haben. Der Lehrer widerspricht dieser Darstellung.
Er betont, er habe verschiedene politische Argumente dargestellt und ausdrücklich gesagt, dass Schülerinnen und Schüler die AfD weiterhin wählen dürften.
„Ihr könnt die AfD trotzdem wählen“, habe er am Ende des Gesprächs gesagt. Rückblickend räumt Heckel ein, dass diese Formulierung möglicherweise nicht notwendig gewesen sei.
Die Abmahnung folgte wenige Tage später. Heckel reagierte zunächst mit Unverständnis: „Fuck, was für ein lächerlicher Scheiß und mega bürokratischer Aufwand wieder“, beschreibt er seine damalige Reaktion.
Nach Ansicht des Lehrers geht es in dem Verfahren um eine grundsätzliche Frage: Was bedeutet politische Neutralität von Lehrkräften?
„Es gibt für Lehrer kein Neutralitätsgebot, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie die AfD es wieder und wieder bewusst falsch darstellt“, sagte Heckel. Lehrkräfte müssten seiner Auffassung nach nicht jede politische Position als gleichwertig darstellen, insbesondere dann nicht, wenn es um menschenfeindliche oder verfassungsfeindliche Aussagen gehe.
Bildungsministerium verweist auf Beutelsbacher Konsens
Sachsen-Anhalts Bildungsminister Jan Riedel (CDU) äußerte sich am 28. Juli 2026 zu dem Fall und mahnte eine sachliche Diskussion an. Er erklärte, das Verfahren sei vor seiner Amtszeit eingeleitet worden. Nach Prüfung der vorliegenden Informationen halte er die Entscheidung des Landesschulamtes jedoch für nachvollziehbar.
Riedel betonte zugleich, Lehrkräfte seien „nicht zu einer allgemeinen politischen Neutralität verpflichtet“. Sie hätten vielmehr den Auftrag, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu vermitteln und demokratische Werte zu stärken.
Gleichzeitig müssten Lehrerinnen und Lehrer parteipolitisch neutral bleiben. Der sogenannte Beutelsbacher Konsens bilde hierfür weiterhin eine wichtige Orientierung. Dieser fordert unter anderem, dass Schülerinnen und Schüler nicht im Sinne einer bestimmten politischen Meinung überwältigt werden dürfen und kontroverse Themen ausgewogen behandelt werden.
„Es geht deshalb aus meiner Sicht nicht um die Frage, ob Lehrkräfte Haltung für unsere Demokratie zeigen dürfen oder sollen. Das müssen sie sogar“, erklärte Riedel. Entscheidend sei vielmehr, ob im konkreten Unterricht die Grenzen eingehalten wurden.
Die juristische Klärung müsse nun abgewartet werden.
Streit um AfD-Nähe im Kollegium
Zusätzliche Brisanz erhielt der Fall durch Heckels Hinweis auf sein Kollegium. Dort arbeitet nach seinen Angaben die Ehefrau des AfD-Spitzenkandidaten für Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund.
Siegmund hatte im Landtag von Sachsen-Anhalt bereits über den „Fall in Stendal“ berichtet und erklärt, Eltern hätten sich an ihn gewandt. Nach seinen Angaben sei eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht worden.
Heckel stellt die Frage, wie der Fall so schnell in politische Kreise gelangt sei. Das Bildungsministerium erklärte dazu, entsprechende Gerüchte seien bekannt, derzeit gebe es jedoch keine gesicherten Erkenntnisse. Sollten sich Hinweise bestätigen, werde man diesen nach den geltenden rechtlichen Vorgaben nachgehen.
Drohungen und öffentliche Angriffe
Seit Bekanntwerden des Falls sieht sich Heckel nach eigenen Angaben massiven Angriffen ausgesetzt. Er berichtet von Drohungen im Internet und davon, dass ihm Informationen über den Aufenthaltsort seiner Kinder mitgeteilt worden seien.
„Mir wird gedroht, ich soll eingeschüchtert werden“, sagte der Lehrer. Auch eine Morddrohung habe er erhalten.
Aus seinem Kollegium erfahre er zwar Unterstützung, doch diese bleibe seiner Wahrnehmung nach häufig zurückhaltend. Er verglich die Situation mit einer antiken Phalanx: Entscheidend sei nicht nur, hinter jemandem zu stehen, sondern tatsächlich schützend zusammenzuhalten.
Schüler zwischen TikTok und politischer Bildung
Heckel sieht seinen Fall auch als Beispiel für die Herausforderungen politischer Bildung an Schulen. Viele Jugendliche bezögen politische Informationen über soziale Medien. Dort dominierten nach seiner Einschätzung häufig zugespitzte Inhalte.
„Für sie steht Wahrheit in Abhängigkeit von Likes und Reichweite“, sagte er.
Gerade deshalb müsse Schule ein Ort sein, an dem junge Menschen lernen, Informationen kritisch zu hinterfragen. Im Deutschunterricht beschäftige er sich deshalb unter anderem mit Werken wie „Die Welle“ oder „Herr der Fliegen“, die Fragen von Gruppendruck, Manipulation und Totalitarismus behandeln.
Die Schule sei „der letzte Ort, an dem es eine realistische Chance gibt, die Omnipräsenz von TikTok zu brechen“, sagte Heckel.
Klage als Grundsatzfrage
Heckel hat gegen die Abmahnung geklagt. Eine Güteverhandlung blieb ohne Einigung. Der Lehrer lehnte einen möglichen Kompromiss ab, bei dem die Abmahnung nach einiger Zeit aus der Personalakte entfernt worden wäre.
Am 26. November soll das Gericht entscheiden.
Für Heckel geht es dabei um mehr als den eigenen Fall. Er sieht darin eine grundsätzliche Auseinandersetzung um den Umgang mit der AfD und politische Bildung an Schulen.
„Ich werde jetzt einen Präzedenzfall dafür schaffen, dass wir endlich mit diesem Neutralitätsnarrativ aufräumen“, sagte er.
Gleichzeitig blickt er mit Sorge auf die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt. Besonders in strukturschwachen Regionen wie der Altmark fürchtet er gesellschaftliche Folgen eines weiteren Erstarkens der AfD.
„Wenn die Qualifizierten jetzt noch weggehen, wer bleibt dann noch hier?“, fragte Heckel mit Blick auf mögliche Abwanderung von Familien mit Migrationsgeschichte.
Auch kulturelle Projekte sieht er gefährdet. Als Beispiel nennt er die Entscheidung der Stadt Salzwedel, künftig nicht mehr am Bundesprogramm „Demokratie leben!“ teilzunehmen.
Trotz aller Sorgen bleibt Heckel nach eigener Aussage zuversichtlich: „Wir sind einfach mehr.“
Quelle: Interview von Silke Fokken mit Max Heckel, DER SPIEGEL, veröffentlicht am 26.07.2026 („Lehrer Max Heckel kämpft gegen die AfD – nun landet der Fall vor Gericht“); Stellungnahme von Bildungsminister Jan Riedel zur medialen Berichterstattung über den Fall Max Heckel, Bildungsministerium Sachsen-Anhalt, 28.07.2026.