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Halles Wahl der Gegensätze: AfD-Hochburgen, grüne Viertel und zwei Direktmandate für die Linke

Halle hat bei dieser Landtagswahl mehrere Gewinner. Die AfD wird mit 29,9 Prozent stärkste Zweitstimmenpartei, die Grünen folgen mit 20,7 Prozent. Die Linke erreicht zwar nur 11,4 Prozent der Zweitstimmen, gewinnt aber zwei der vier Direktmandate. Die beiden anderen gehen an die AfD. Die CDU erhält kein Direktmandat. Das geht aus dem vorläufigen Ergebnis der Stadt hervor. Quelle: Stadtergebnis

Wie unterschiedlich diese Wahl innerhalb Halles ausgefallen ist, zeigt der Vergleich von Silberhöhe und Paulusviertel. Auf der Silberhöhe erhält die AfD 1.909 der 3.305 gültigen Zweitstimmen an der Urne: 57,8 Prozent. Die Grünen kommen auf 159 Stimmen und 4,8 Prozent. Im Paulusviertel führen dagegen die Grünen mit 1.859 Stimmen und 39,3 Prozent. Die AfD erreicht dort 776 Stimmen und 16,4 Prozent. Quellen: Silberhöhe, Paulusviertel

Dabei ist eine Besonderheit wichtig: In den veröffentlichten Stadtteilergebnissen fehlen die Briefwahlstimmen. Die Stadt kann diese nur den Wahlkreisen und der Gesamtstadt zuordnen. Die genannten Parteianteile in den Vierteln beschreiben deshalb die Wahl an der Urne. Quelle: methodische Hinweise der Stadt

Auch benachbarte innerstädtische Gebiete zeigen die Stärke der Grünen: In Giebichenstein erreichen sie an der Urne 37,0 Prozent, in der Altstadt 35,8 Prozent und in der Nördlichen Innenstadt 35,0 Prozent. In der Westlichen Neustadt einschließlich Gewerbegebiet liegt dagegen die AfD mit 54,0 Prozent vorne, in Radewell/Osendorf mit 54,8 Prozent. Quellen: Giebichenstein, Altstadt, Nördliche Innenstadt, Westliche Neustadt, Radewell/Osendorf

Die auffällige Aufteilung von Erst- und Zweitstimmen hat einen politischen Hintergrund: Schon vor der Wahl wurde öffentlich darüber diskutiert, wie eine gezielte Stimmabgabe eine AfD-Mehrheit verhindern könnte. Medien behandelten dabei sowohl konkrete Wahlempfehlungen als auch die Chancen und Risiken dieser Strategie. Deutschlandfunk Nova ließ am 10. August den Politikwissenschaftler Janek Treiber erläutern, welche Bedeutung der Einzug kleinerer Parteien für die Sitzverteilung haben könnte. Er warnte zugleich davor, dass taktische Stimmenverschiebungen ihr Ziel verfehlen könnten. Quelle: Deutschlandfunk Nova, 10. August 2026

Auch der Vorwärts griff das Thema am 1. September in einem Interview mit der halleschen Politikwissenschaftlerin Petra Dobner auf. Sie hielt taktisches Wählen für legitim, bezweifelte aber, dass der konkrete Wahlaufruf die Wahl spürbar beeinflussen würde. Die Berichterstattung machte damit auch unterschiedliche Einschätzungen von Fachleuten sichtbar. Quelle: Vorwärts, Interview mit Petra Dobner

Ein Teil dieser öffentlichen Debatte war die organisierte Kampagne „Taktisch Wählen 2026“. Sie warb dafür, mit der Erststimme aussichtsreiche Gegenkandidaten zur AfD und mit der Zweitstimme SPD oder Grüne zu unterstützen. Deutschlandfunk Nova berichtete auch über Haustürgespräche mit dem Hallenser Mitinitiator Ole Horn. Das erklärte Ziel der Initiative war, eine AfD-Alleinregierung zu verhindern. Quelle: Deutschlandfunk Nova

Für Halle II ist die Empfehlung konkret nachlesbar: Die Kampagnenseite nennt Gitta Susann Hartenstein-Wiermann von der Linken als aussichtsreichste Erststimmenkandidatin gegen die AfD. Für die Zweitstimme heißt es: „Deine Zweitstimme ist bei der SPD oder den Grünen am besten eingesetzt.“ Quelle: Wahlempfehlung der Initiative für Halle II

Das Ergebnis in Halle II entspricht diesem empfohlenen Muster: Hartenstein-Wiermann erhält 10.716 Erststimmen, ihre Partei nur 4.416 Zweitstimmen. Die Grünen kommen dagegen auf 8.464 Zweitstimmen bei 2.495 Erststimmen, die SPD auf 5.009 Zweitstimmen bei 3.919 Erststimmen. Die Ergebnisse passen damit zur öffentlich diskutierten Strategie des taktischen Wählens. Welchen Anteil Medienberichte, die organisierte Kampagne, persönliche Vorlieben für Kandidaten oder eigene taktische Überlegungen daran hatten, lässt sich aus den Stimmenzahlen nicht bestimmen. Der Erfolg kann deshalb nicht einer einzelnen Aktion zugeschrieben werden. Quelle: Wahlergebnis Halle II

Besonders deutlich trennen viele Wähler ihre Entscheidung für eine Person von ihrer Entscheidung für eine Partei. In Halle III erhält der Linken-Kandidat Jannik-Loris Balint 16.086 Erststimmen. Für die Landesliste seiner Partei werden im selben Wahlkreis lediglich 5.581 Zweitstimmen abgegeben. Balint bekommt damit 10.505 Stimmen mehr als seine Partei. Mindestens ebenso viele seiner Wähler haben ihre Zweitstimme also nicht zugleich der Linken gegeben. Quelle: Halle III

Bei den Grünen zeigt sich dort das umgekehrte Bild: 13.585 Zweitstimmen stehen 4.905 Erststimmen für Wolfgang Aldag gegenüber. Auch dieses Ergebnis passt zu dem Prinzip, Erst- und Zweitstimme taktisch aufzuteilen. Ob dahinter persönliche Zustimmung zu Balint oder der Wunsch stand, einen anderen Kandidaten zu verhindern, lässt sich aus den Ergebnissen nicht ablesen. Ebenso wenig lässt sich feststellen, wie viele grüne Zweitstimmenwähler tatsächlich Balint gewählt haben. Quelle: Halle III

In Halle II ist die Briefwahl für den Ausgang des Direktmandats ausschlaggebend. Betrachtet man nur die Urnenstimmen, liegt AfD-Kandidat Benedikt Weiß mit 7.368 vor Gitta Susann Hartenstein-Wiermann von der Linken mit 6.255 Stimmen. Bei der Briefwahl erhält sie jedoch 4.461 Stimmen, Weiß lediglich 1.650. Zusammengerechnet gewinnt die Linken-Kandidatin mit 10.716 zu 9.018 Stimmen. Ihr Vorsprung beträgt 1.698 Stimmen. Die Urnenzahlen ergeben sich jeweils aus Gesamtergebnis minus Briefwahlergebnis. Quellen: Halle II, Briefwahl Halle II

Der Unterschied zwischen beiden Wahlarten reicht weit über diesen Wahlkreis hinaus. Stadtweit erreicht die AfD an der Urne 37,3 Prozent der Zweitstimmen, bei der Briefwahl 15,3 Prozent. Die Grünen kommen an der Urne auf 17,9 Prozent, per Brief auf 26,0 Prozent. Bei den Briefwählern liegen auch CDU und SPD vor der AfD. Die beiden Wählergruppen setzen damit deutlich andere politische Schwerpunkte. Warum jemand per Brief oder im Wahllokal abstimmt, verraten die Ergebnislisten nicht. Quelle: Diagramm „Vergleich Urnen-/Briefwahl – Zweitstimme“ im Stadtergebnis

Für die CDU ist die Briefwahl ebenfalls günstiger – sie reicht aber nicht zum Gewinn eines Wahlkreises. In Halle I liegt Christian Albrecht bei den Brief-Erststimmen mit 2.148 vor Alexander Raue von der AfD mit 1.599. Insgesamt gewinnt Raue jedoch mit 10.658 gegenüber 5.964 Stimmen. Die CDU liegt bei den Briefwählern vorne, verliert den Wahlkreis aber deutlich. Quellen: Briefwahl Halle I, Gesamtergebnis Halle I

Die CDU-Verluste beschränken sich nicht auf einzelne Viertel. Eine Auswertung aller 39 veröffentlichten Stadtgebietstabellen zeigt: Ihr Zweitstimmenanteil sinkt gegenüber dem dort ausgewiesenen Vergleich überall. AfD und Grüne legen hingegen in allen 39 Gebieten zu. Zwei Beispiele verdeutlichen die unterschiedlichen Größenordnungen: Auf der Silberhöhe gewinnt die AfD 25,8 Prozentpunkte hinzu, im Paulusviertel gewinnen die Grünen 12,3 Prozentpunkte. Die vollständigen Einzelvergleiche sind in der ergänzenden Tabelle „Stimmen“ dokumentiert. Quellen: Silberhöhe, Paulusviertel; alle Ergebnisgebiete

Daraus lässt sich allerdings nicht ablesen, wohin frühere CDU-Wähler gewechselt sind. An einer Wahl nehmen nicht jedes Mal dieselben Menschen teil. Ehemalige Nichtwähler, erstmals Wahlberechtigte und Zu- oder Fortgezogene können das Ergebnis ebenfalls verändern. Die veröffentlichten Summen erlauben keine Zuordnung einzelner Wähler zwischen zwei Wahlen.

Auch die Wahlbeteiligung unterscheidet sich erheblich. Für die Silberhöhe weist die Stadt 55,1 Prozent aus, für das Paulusviertel 88,9 Prozent. Diese Angaben sind Hochrechnungen, in die die Briefwahl einbezogen wird. Während im Paulusviertel demnach annähernd neun von zehn Wahlberechtigten abstimmen, sind es auf der Silberhöhe nur etwas mehr als die Hälfte. Quellen: Silberhöhe, Paulusviertel

Hohe AfD-Ergebnisse treten aber auch dort auf, wo besonders viele Menschen wählen. In Nietleben stehen 87,5 Prozent Beteiligung einem AfD-Anteil von 43,5 Prozent an der Urne gegenüber. In Dautzsch sind es 88,6 Prozent Beteiligung und 42,3 Prozent AfD. Niedrige Beteiligung allein erklärt die Stärke der Partei also nicht. Welche Rolle örtliche Themen oder die Zusammensetzung der Bevölkerung spielen, müssten zusätzliche Recherchen klären. Quellen: Nietleben, Dautzsch

Manche besonders ungewöhnlichen Ergebnisse werden erst beim Blick auf die absoluten Stimmen verständlich. Im Industriegebiet Nord kommt die SPD auf 14,9 Prozent – ihren höchsten Zweitstimmenanteil unter den 39 Stadtgebieten. Dafür genügen 15 Stimmen. Die CDU erhält dort drei, die AfD 56 Zweitstimmen. Insgesamt gibt es nur 101 gültige Zweitstimmen; eine einzelne Stimme entspricht damit fast einem Prozentpunkt. Quelle: Industriegebiet Nord

Eine weitere kleine Besonderheit findet sich in Tornau: FDP-Direktkandidat Andreas Silbersack erhält keine Erststimme, die FDP-Liste immerhin eine Zweitstimme. Die Grünen liegen mit 18 Zweitstimmen vor der CDU mit 16. Hinter den Prozentwerten stehen hier mitunter nur wenige Entscheidungen – in Tornau wurden insgesamt 125 gültige Zweitstimmen an der Urne abgegeben. Quelle: Tornau

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