In der Menschheitsgeschichte spielten rituelle Tänze eine
wichtige Rolle. Mit charakteristischen Tanzbewegungen werden
Geschichten wortlos, aber ausdrucksstark erzählt. Szenische
Darstellungen eines inneren und äußeren Geschehens dienen als
künstlerische Kommunikation zwischen Akteuren (Darstellern) und dem
Publikum. Wesentlicher Bestandteil der Kommunikation ist die Kunst
der Gestik. In Japan z.B. hat sie sich beim Kabuki- und No-Theater
bis heute erhalten. Wichtige Merkmale des Kabuki sind
charakteristische Posen der Darsteller, die farbenfrohen Kostüme
und die Schminkstile. Alle heutige Gebärden und Tanzbewegungen des
No sind Ergebnis eines langen Prozesses der Stilisierung, d. h.
eines allmählichen Weglassens nicht-wesentlicher Elemente in der
ursprünglichen Imitation realer Gesten und einer eleganten,
konzentrierten Formalisierung des Wesens solcher Aktionen wie
Weinen, Kämpfen, Geistererscheinungen usw.. Diese äußerst
stilisierten Gebärden sind in die verhältnismäßig wenigen
Grundschritte und Grundfiguren des Tanzes aufgenommen.
In Europa hat die Kunst der Gestik ihre Wurzeln in der Antike und
war ein wichtiger Bestandteil der Rhetorik, die zur Zeit des Barock
im Zentrum des Denkens und damit aller Künste stand. Als Kunstform
des Absolutismus und der Gegenreformation war der Barock durch
üppige Prachtentfaltung gekennzeichnet. Theater wurde zu einer
Multimediaerfahrung. Am absolutistischen Hofe wurde selbst das
Alltagsleben theatralisch arrangiert. Die entstandene
Körperästhetik und „Sprache der Hände“ unterstützt das gesprochene
und gesungene Wort, antizipiert und unterstreicht es,
versinnbildlicht unausgesprochenen Subtext und spiegelt über
Gesichtsausdrücke und Körperpositionen Emotionen nuancenreich
wider. Vieles von dem Formenreichtum der barocken Gestik geriet
jedoch in Vergessenheit. Barockopern werden heutzutage mit
historischem Instrumentarium und im Sinne eines Regietheaters
inszeniert. Das Leipziger Barockensemble „scenitas“ möchte die
barocke Gestiksprache in ihren Konzerten wiederbeleben. In
Verbindung mit dem Streben bzw. der Suche nach dem Originalklang,
barocken Kostümen und der szenischen Umsetzung mittels Gestik und
barocker Körpersprache lässt es musikalische und szenische
Gesamtkunstwerke entstehen, die faszinieren und berühren. Trotz
aller Regeln und ästhetischer Vorgaben des Barock handelt es sich
um eine improvisatorische Kunst, die dem Sänger viel Freiraum zu
Spontaneität lässt.
Die beiden Sängerinnen Julia Kirchner und Anne Schneider
begeisterten sich während der Händel-Akademie Karlsruhe 2011 für
die barocke Szenensprache und die tiefe Schönheit der barocken
Gesten. Diese Kunst auf der barocken Opernbühne erlebbar zu machen
ist den Sopranistinnen ebenso ein Anliegen, wie das Aufführen
wiederentdeckter Werke jener Epoche. Sie gründeten das
mitteldeutsche Barockensemble „scenitas“. Das umtriebige Ensemble
widmet sich höchst erfolgreich der historisch informierten
Aufführung – sowohl im musikalischen als auch im darstellerischen
Sinne – barocker Werke. Das Debüt-Projekt, die barockgestische
Inszenierung der der Schäferromanze „Aminta e Fillide“ von G.F.
Händel, wurde 2015 mit großem Erfolg realisiert.
Im Rahmen der Händel-Festspiele 2018 wird es die bemerkenswerte
Inszenierung einer Rarität geben: „Die glückseligen Zwillinge – The
blissful Twins“. In dem szenischen Konzert werden Georg Friedrich
Händels Vertonungen von Texten des im 18. Jahrhundert berühmten
Dichters John Milton erklingen: die Music for Comus HWV 44, Auszüge
aus Miltons arkadischer Dichtung L‘Allegro, il Penseroso ed il
Moderato sowie Sätze aus dem Concerto grosso op. 6 Nr. 1. Die Music
for Comus ist der musikalische Epilog zu einer Aufführung des
Schauspiels Comus verfasst von John Milton. Die Geschichte erzählt
von einem jungen Mädchen, welches im Wald verloren geht und den
Zauberer Comus, Sohn des Bacchus und der Circe, trifft. Comus und
sein Gefolge, die ausgelassenen Geister der Nacht, umschwärmen die
Jungfrau und versuchen, sie mit allen möglichen Formen des
sinnlichen Genusses zu verführen. Doch sie bleibt standhaft. Die
Musik schrieb Händel für eine private Aufführung von Comus 1745.
Sie wurde erst in den 60ern wiederentdeckt.
L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato (HWV 55) ist ein Oratorium
in drei Teilen von Georg Friedrich Händel. Der Oratoriumstext
basiert auf den beiden Dichtungen L’Allegro (Frohsinn) und Il
Penseroso (Schwermut), in denen John Milton 1632 allegorisch den
Gegensatz zwischen den beiden Stimmungen beschrieb. Diesen
Dichtungen wurde auf Vorschlag Händels ein dritter Teil Il Moderato
(Mäßigung) hinzugefügt. Das Werk entstand 1740.
Das junge mitteldeutsche Barockensemble „scenitas“ mit den
beiden Sopranistinnen Julia Kirchner und Anne Schneider sowie dem
Bassisten Andrey Akhmetov kombiniert Ausschnitte aus beiden Werken
in der Tradition des Pasticcios. Es entführt in den Salon eines
bürgerlichen Haushalts des 17. Jahrhunderts mit barocken Kostümen
von Niels Badenhop und mit historischer Gestik. Regie führt die
belgische Regisseurin, Tänzerin und Choreografin Sigrid T’Hooft,
eine international ausgewiesene Expertin für barocken Tanz und
Körpersprache des 17. und 18. Jahrhunderts. Premiere dieses für
Augen und Ohren überaus großen Genusses wird am Sonntag 3. Juni, 15
Uhr im Löwengebäude der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
sein. Dauer 75 Minuten (keine Pause); Ticket 30 EUR
(H.J. Ferenz)