Skip to content
HalleSpektrum.de – Onlinemagazin aus Halle (Saale) Logo

„Fête de la Musique“: Stell dir vor, es wummert – und keiner geht hin.


Notizen aus der Provinz- ein Bullshit-Tag in Halle zur Sommersonnwende

Was als musikalische Kulturveranstaltung gehypt war, geriet in weiten Teilen der Stadt zur Lärmbelästigung ohne Gegenliebe. Im Rahmen der „internationalen“ Fête de la Musique verwandelte sich die Peißnitzinsel und das angrenzende Stadtgebiet am Samstag in ein pulsierendes Areal wummernder und dröhnender Lautsprecher – und das bei auffällig geringer Publikumsresonanz.

Bereits ab dem frühen Nachmittag waberten dumpfe Bässe von zahlreichen Bühnen über die Ziegelwiese. Dort hatten die Veranstalter großflächig Bühnen aufgebaut, die mit Hochleistungstechnik auf Lkw-Grundgerüsten den Klang in alle Himmelsrichtungen schleuderten. Doch statt tanzender Menschen oder fröhlicher Picknickgruppen präsentierte sich die große Freifläche menschenleer, die Sonne spiegelte sich auf der ausgetrockneten, leeren Wiese, während aus den Boxen ohrenbetäubender Bass rollte.

Anwohnerinnen und Anwohner am Saaleufer berichteten von durchdringendem Lärm – ein monotoner Wumms, der sich über Stunden in die Häuser und Köpfe fraß. Besonders betroffen war das Naherholungsgebiet Ziegelwiese. „Es war wie ein Festival ohne Gäste – nur der Krach war da“, sagten betroffene Anwohner der umliegenden Wohngebiete.

Die musikalischen Darbietungen waren dabei keineswegs gering an Zahl oder Vielfalt: Von House, Reggae und Hip-Hop bis zu Techno, Dub und Trance – das offizielle Programm listete über 100 Acts an über 30 Standorten auf, darunter Digiti Stage, Neongrey’s, Unerhört Soundsystem, Tanz um die Waffel, und viele mehr. Doch selbst das Herzstück des Samstags, das Konzert von Iggy Pop auf der Freilichtbühne der Peißnitzinsel, wurde in seiner Akustik erheblich gestört.

Auf der anderen Seite des Saaleufers, auf der Peißnitzbühne: war indessen der „Godfather of Punk“ 19:30 Uhr auf die Bühne gegangen, begleitet von donnerndem Applaus und hoher Erwartung. Doch die Zuschauer, die auf den Moment der Live-Musik hin gefiebert hatten, sahen sich mit einer merkwürdigen Geräuschkulisse konfrontiert: Aus der Ferne drangen weiterhin Bässe und Beats von der Ziegelwiese herüber, mischten sich kakophonisch mit dem Klang der Band und störten die Konzentration auf das eigentliche Geschehen.

Mehrere Besucher sprachen am Rande des Konzerts von „verpasster Abstimmung“ und „Lärmunfall“. Auf beiden Uferseiten der Saale wurde zur gleichen Zeit beschallt – eine Planung, die kaum Rücksicht auf das Nebeneinander von Konzertbühne und Open-Air-Chaos auf der anderen Fluss-Seite nahm.

Die Stadt Halle steht nun vor Fragen: Wie verträgt sich ein dezentrales Musikfestival mit sensiblen Naherholungsräumen und abendlichen Hauptkonzerten? Warum wurden Bühnen in Reichweite der Ziegelwiese bis Mitternacht betrieben, obwohl dort kaum Menschen verweilten, während tausende Iggy-Pop-Fans auf der anderen Seite des Flusses störende Überlagerungen ertragen mussten? Und warum wird auf Einwohner, die keinerlei derartige Lärmveranstaltungen bestellt haben, keine Rücksicht genommen?

6 comments on “„Fête de la Musique“: Stell dir vor, es wummert – und keiner geht hin.”

  1. Musik wird störend oft empfunden weil stets sie mit Geräusch verbunden. Nix gelernt aus den letzten Jahren. Schall und vor allem Bässe haben eine enorme Reichweite. Einfach nichts parallel veranstalten.
    Ich dachte es gäbe eine Immissionsverordnung ? Vergessen anscheinend.

  2. Die Immisonsverordnung wird von der Stadt Halle gerne ignoriert. Es wird offenbar auch nicht gemessen, statt dessen wird auf die freiwillige Selbstkontrolle des Veranstalters gesetzt. Das ist etwa so, wenn man den Drogenhändlern überlässt, ihren Stoff selbst zu kontrollieren. Will man Akten einsehen (also die Protokolle des Veranstalters), werden für die Akteneinsicht Gebühren fällig.

  3. Im Innenraum beim Iggy-Pop-Konzert hat man von den Bässen auf der Ziegelwiese nix gehört. Klar, wenn man „vor dem Zaun“ außerhalb sitzt, hört man beides. Muss man eben bezahlen. Komisch ist nur, dass Iggy Pop punkt 21:55 zu ende war und auf der Ziegelwiese noch die Beats dröhnten…

  4. Die MZ schreibt von Party-Meile und Superstimmung – was jetzt ?

Schreibe einen Kommentar