Der Riebeckplatz in Halle steht seit Wochen wieder verstärkt im Fokus der öffentlichen Debatte. Bis voraussichtlich 2032 entsteht dort das „Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation“. Im Zuge dessen ist der Abriss der über den Platz führenden Hochstraße geplant. Zudem soll der derzeit stark frequentierte Verkehrsknotenpunkt in ein grünes, urbanes Stadtquartier umgewandelt werden.
Diese Vorhaben wecken auch historisches Interesse: Wer war eigentlich Carl Adolph Riebeck, der Namensgeber des Platzes? In der „Mitteldeutschen kulturhistorischen Reihe“ beleuchtet Simone Trieder die außergewöhnliche Lebensgeschichte Riebecks – vom Bergjungen zum bedeutenden Industriellen.
Riebeck wurde am 27.9.1821 in dem Harzer Bergwerksort Clausthal geboren. Nach der Schule musste der zehnjährige Junge schon Erz ausschlagen. Mit 18 Jahren ging er in die Fremde. Er blieb der Kohle treu und war bald als Steiger und Bohrmeister tätig. Trotz fehlender Bildung, aber mit enormem Fleiß wurde er Berginspektor der Sächsisch-Thüringischen Aktiengesellschaft. Früh erkannte er den Wert der teerreichen Braunkohle und entwickelte in rasantem Tempo immer neue Veredlungsmöglichkeiten: Briketts, Kerze, Mineralöle usw. In wenigen Jahren hatte er die Gegend zwischen Weißenfels und Zeitz mit den Schornsteinen seiner Fabriken, Kesselhäusern und Gruben übersät. Vor allem die Zuckerraffinerien der Region hatten einen gewaltigen Energiebedarf.
1866 verlegte Riebeck seinen Wohn- und Geschäftssitz nach Halle. Bald besaß er 15 Bergwerke, zahlreiche Fabriken, Rittergüter, Ziegeleien und eine Brauerei. Von 1868 bis 1881 war er Stadtverordneter in Halle und Mitglied der Industrie- und Handelskammer. Als Großkapitalist der damaligen Zeit war er aber auch ein Vorreiter in Fragen des sozialen Engagements. Legendär war sein Verhältnis zu seinen Arbeitern, was auf seine Herkunft aus einer mittellosen Bergarbeiterfamilie zurückging. Riebeck starb am 28. Januar 1883; sein Grab befindet sich auf dem halleschen Stadtgottesacker.
In einem weiteren Mitteldeutschen Kulturhistorischen Heft befasst sich Simone Trieder mit den beiden ungleichen Söhnen Emil und Paul Riebeck. Der Vater setzte große Hoffnungen in seinen Sohn Emil Riebeck (1853–1885), damit dieser das weitverzweigte Familienunternehmen fortführe. Doch es kam anders: Mit dem „Vaters Kohle“ finanzierte Emil Riebeck ausgedehnte Forschungsreisen nach Nordafrika, Arabien und Ostasien. Er kehrte von diesen Expeditionen mit umfangreichen Sammlungen zurück, die heute unter anderem im Kunstmuseum Moritzburg sowie in den Meckelschen Sammlungen der Universität Halle aufbewahrt und wissenschaftlich erschlossen werden.
Paul Riebeck (1859-1889) dagegen verwaltete die Güter des Vaters und war als Unternehmer tätig. Als letzter männlicher Nachkomme der Industriellenfamilie Riebeck legte er mit seinem Testament den Grundstein für die heutige Paul-Riebeck-Stiftung in Halle. Trieder zeichnet in ihrem Werk detailliert die wechselvolle Geschichte der 1894 gegründeten Stiftung nach, die ursprünglich bedürftigen Senioren Unterstützung bot. Mittlerweile umfasst das Angebot der Stiftung ein breites Spektrum in der Alten- und Behindertenhilfe sowie beim seniorengerechten Wohnen..
Simone Trieder gelingt es, die fesselnden Biografien der Familie Riebeck fundiert mit der industriellen Entwicklung Mitteldeutschlands im 19. Jahrhundert zu verknüpfen.
Simone Trieder: „Carl Adolph Riebeck – Vom Bergjungen zum Industriellen“, Hasenverlag Halle/Saale 2019, Heft 5 der „Mitteldeutschen kulturhistorischen Hefte“, 2. überarb. Aufl., 15,00 €, 96 S., ISBN 978-3-945377-61-1
Simone Trieder: „Emil und Paul Riebeck – Söhne des Großindustriellen Carl Adolph Riebeck“, Hasenverlag Halle/Saale 2019, Heft 12 der „Mitteldeutschen kulturhistorischen Hefte“, 10,00 €, 96 S., ISBN 978-3-939468-14-1