Digitale Gewalt hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der häufigsten Formen geschlechtsspezifischer Gewalt in Deutschland entwickelt. Dennoch wird sie nach Einschätzung von Fachstellen weiterhin unterschätzt – sowohl gesellschaftlich als auch politisch. Darauf weist der Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt hin und fordert umfassendere Maßnahmen zum Schutz Betroffener.
Digitale Gewalt oft Teil komplexer Gewaltbeziehungen
Nach Angaben von Beratungsstellen tritt digitale Gewalt häufig nicht isoliert auf. Vielmehr ist sie oft Teil umfassender Gewaltstrukturen, insbesondere in (Ex-)Partnerschaften. Dazu zählen neben digitaler Überwachung auch psychische, körperliche, sexualisierte und wirtschaftliche Gewaltformen.
Frauenhäuser berichten, dass Täter selbst nach der Flucht in Schutzunterkünfte weiterhin Kontrolle ausüben können – etwa durch Ortungsdienste auf Smartphones, unbemerkte Zugriffe auf Geräte oder gemeinsam genutzte Cloud-Konten. Auch gefälschte Online-Profile, Identitätsmissbrauch und manipulierte intime Bilder, sogenannte Deepfakes, gehören laut Fachstellen zunehmend zum Problemfeld.
Hohe Dunkelziffer erschwert Einschätzung
Die tatsächliche Verbreitung digitaler Gewalt bleibt schwer zu erfassen. Die Studie „LeSuBiA“ zeigt, dass weniger als zehn Prozent aller Gewalterfahrungen überhaupt bei der Polizei angezeigt werden. Bei digitaler Gewalt liegt dieser Anteil mit rund 2,4 Prozent noch deutlich niedriger.
Diese Zahlen deuten auf ein großes Dunkelfeld hin und machen deutlich, dass viele Betroffene keine Anzeige erstatten – etwa aus Angst, Scham oder mangelndem Vertrauen in die Wirksamkeit rechtlicher Schritte.
Prominente Fälle erhöhen öffentliche Aufmerksamkeit
Der Fall der Schauspielerin Collien Fernandes hat das Thema zuletzt stärker in den Fokus gerückt. Berichtet wurde unter anderem über sexualisierte Deepfakes und Identitätsmissbrauch. Fachstellen sehen darin ein Beispiel für eine Entwicklung, die viele Betroffene betrifft – unabhängig von Bekanntheit oder sozialem Status.
Beratungsorganisationen wie HateAid sowie regionale Frauenberatungsstellen verzeichnen seit Jahren steigende Fallzahlen. Sie weisen darauf hin, dass digitale Gewalt häufig aus dem direkten sozialen Umfeld der Betroffenen ausgeht.
Gesetzesinitiativen und Kritik aus der Praxis
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig hat angekündigt, ein Gesetz zur Schließung bestehender Strafbarkeitslücken vorzulegen. Erstmals soll auch die Herstellung sexualisierter Deepfakes unter Strafe gestellt werden.
Der Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt begrüßt diese Initiative, hält sie jedoch für nicht ausreichend. Die Vorsitzende Annett Kannenberg-Bode fordert, digitale Gewalt in (Ex-)Partnerschaften ausdrücklich zu berücksichtigen und Plattformen stärker in die Verantwortung zu nehmen. Zudem seien effektive Löschmöglichkeiten für Betroffene sowie besser ausgestattete Ermittlungsbehörden notwendig.
Forderung nach strukturellen Verbesserungen
Neben gesetzlichen Anpassungen sieht der Landesfrauenrat weiteren Handlungsbedarf bei der Unterstützung von Betroffenen. Gefordert werden unter anderem:
- spezialisierte Beratungsstellen für digitale Gewalt
- feste Personalstellen in Frauenhäusern für digitale Gewaltschutzberatung
- stärkere Zusammenarbeit zwischen IT-Expertinnen, Polizei und Justiz
- bessere technische Ausstattung der Ermittlungsbehörden
Auch international bestehe Reformbedarf. Länder wie Irland und Spanien hätten bereits spezialisierte Strukturen und schnellere Verfahren etabliert, die als Vorbild dienen könnten.
Erste Ansätze in Sachsen-Anhalt
In Sachsen-Anhalt wurden mit dem Modellprojekt „Ein Team gegen digitale Gewalt“ erste Maßnahmen umgesetzt. Ziel ist es, Fachkräfte im Umgang mit Cyberstalking und digitaler Überwachung zu schulen.
Dennoch fehlt bislang eine zentrale spezialisierte Anlaufstelle für Betroffene digitaler Gewalt im Kontext von Partnerschaften. Der Landesfrauenrat fordert daher den Aufbau eines umfassenden Hilfesystems, das Prävention, Beratung und technische Unterstützung miteinander verbindet.
Gesellschaftliche Dimension des Problems
Fachleute sehen digitale Gewalt nicht nur als individuelles Problem, sondern als Ausdruck struktureller Ungleichheiten. Sie verweisen auf bestehende Machtverhältnisse und gesellschaftliche Normen, die Grenzüberschreitungen im digitalen Raum begünstigen können.
Digitale Gewalt betreffe nicht nur die persönliche Sicherheit, sondern auch die gesellschaftliche Teilhabe von Frauen – etwa durch Einschränkungen in der öffentlichen Kommunikation oder im beruflichen Umfeld.