Als Landeshauptmann der Provinz Sachsen entwickelte der promovierte Verwaltungsfachmann Erhard Hübener in der Zwischenkriegszeit ein Konzept zur Neugliederung Mitteldeutschlands, welches nach dem 2. Weltkrieg als Basis zur Gründung des Landes Sachsen-Anhalt verwendet wurde. Hübener wurde der erste Ministerpräsident dieses Landes. An der halleschen Universität lehrte er als Professor für Verwaltungskunde.
Für seine Verdienste verlieh ihm die Stadt Halle das
Ehrenbürgerrecht. Nun erhält die Erhard-Hübener-Straße in der
Silberhöhe Zusatzschilder, die über den Namensgeber
informieren. Aus diesem Anlass lädt die Bürgerstiftung Halle zu
einem Presse- und Fototermin ein, der am Montag, 17. Februar 2020,
um 10:30 Uhr in der Erhard-Hübener-Straße / Ecke
Friedrich-Hesekiel-Straße stattfinden wird. Es spricht Ralf Jacob,
M.A., Leiter des Stadtarchivs Halle (Saale). Die Schilder wurden
von der Halleschen Wohnungsgesellschaft mbH gespendet.
Wer war Friedrich Julius Erhard Hübener ?
Am 4. August 1881 wurde Erhard Hübener als ältester Sohn des
Pfarrers Ulrich Hübener und seiner Frau Emmy, Tochter des
oberschlesischen Justizrates Langer, in Tacken (Prignitz) geboren.
Nach dem Besuch des Gymnasiums in Seehausen (Altmark) und
anschließend der Landesschule Pforta bei Naumburg studierte Hübener
Staatswissenschaften, Geschichte und Philosophie in Kiel und
Berlin.
1905 promovierte er mit einer Arbeit zur Nationalökonomie. Im
Anschluss arbeitete er als volkswirtschaftlicher Sekretär und
Syndikus der Handelskammer Berlin.
Im 1. Weltkrieg leistete Hübener seinen Dienst als Reserveoffizier
in einem Feld-Artillerie-Regiment ab. Nach dem Krieg trat er der
Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei. Ab November 1919 wurde
er Beamter im preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe. Im
November 1922 ernannte ihn der Landtag der Provinz Sachsen in
Merseburg zum 1. Landrat. Zwei Jahre später wurde er zum
Landeshauptmann der preußischen Provinz Sachsen gewählt. Hübener
bestimmte die Neugliederungsdebatte in der Provinz maßgeblich mit.
Er warb für die Überwindung der territorialen Zersplitterung im
Raum Halle-Leipzig, Anhalt und Teilen Thüringens. Im November 1929
schuf er ein Modell zur Dreiteilung Mitteldeutschlands in die
Länder Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen.
Zudem sprach er sich für eine Verlegung des Hauptstadtsitzes von
Merseburg in eine der beiden Städte Magdeburg oder Halle aus (er
bevorzugte dabei Halle), um von zentraler Stelle aus wirken zu
können. Wegen der Weltwirtschaftskrise und aufgrund der
Naziherrschaft wurde Hübeners Konzept einer Bildung des Landes
Sachsen-Anhalt noch nicht verwirklicht. Auch seine Überlegungen zum
Hauptstadtsitz wurden zu diesem Zeitpunkt abgelehnt.
Nachdem die NSDAP im Provinziallandtag von Merseburg im April 1933
die Mehrheit erzielt hatte, wurde Hübener zunächst beurlaubt und im
August des Jahres zwangspensioniert. Die erzwungene Freizeit nutzte
er in Jena, Berlin und Wernigerode zu wissenschaftlicher und
literarischer Betätigung. Er veröffentlichte kleine Schriften unter
dem Pseudonym F. J. Erhard. Das Theaterstück „Richter und Korsar“
wurde nach dem Krieg 1946 in Halle uraufgeführt. Im 2. Weltkrieg
diente Hübener als Offizier, wurde jedoch schon 1942 aus
Altersgründen als Major der Reserve entlassen.
Er machte Halle zur Landeshauptstadt
Nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes gehörte Erhard Hübener
zu den Mitbegründern der Liberaldemokratischen Partei in
Wernigerode und in Halle, und er bemühte sich um die Neugestaltung
der Provinzialverwaltung. Wenige Tage vor dem Abzug der
amerikanischen Besatzungsmacht beriefen ihn die Amerikaner in sein
altes Amt als Landeshauptmann der Provinz Sachsen zurück.
Unmittelbar nachdem er die Geschäfte wieder aufgenommen hatte,
erfolgte der Besatzungswechsel. Die Sowjetische
Militäradministration (SMAD) übergab dem Liberaldemokraten Hübener
Mitte Juli 1945 das Amt des Präsidenten der Provinz Sachsen. Wegen
der geringeren Kriegszerstörung, der guten verkehrspolitischen Lage
der Stadt und mit der Universität als geistigkulturellem Zentrum
erhielt die Provinzialverwaltung ihren Sitz in Halle. Auf der
Grundlage von
Hübeners Überlegungen in den 1920er Jahren wurde das Land
Sachsen-Anhalt neu gegründet. Am 18. November 1946 trat erstmals
der neu gewählte Landtag von Sachsen-Anhalt im
Stadtschützenhaus in Halle zusammen.
Am 3. Dezember 1946 wurde Erhard Hübener zum ersten Ministerpräsidenten des Landes gewählt (die Bezeichnung Land Sachsen-Anhalt war seit dem 21.7.1947 offiziell). Hübener war der einzige nicht der SED angehörige Ministerpräsident in der Sowjetischen Besatzungszone. Er setzte sich für die Einheit Deutschlands ein, für die Überwindung der wirtschaftlichen und sozialen Not und für den Wiederaufbau in Sachsen-Anhalt. Zeitweilig übte er zusätzlich das Amt des Finanzministers von Sachsen-Anhalt aus. Hübener trat zwischen den Parteien und der SED-Führung vermittelnd auf, erkannte aber immer mehr die Vergeblichkeit seiner Bemühungen um einen demokratischen und föderalen Neubeginn. Nach mehreren Anläufen trat er schließlich zum 1. Oktober 1949 von seinem Amt des Ministerpräsidenten zurück.
Bereits in seiner Zeit als Mitarbeiter im Handelsministerium in Berlin hielt Hübener nebenamtlich Vorlesungen an der dortigen Handelsschule. 1930 wurde er zum Ehrensenator der Universität Halle ernannt. Im August 1946 erhielt Hübener die Professur für Verwaltungslehre und Verwaltungswissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Erst nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident konnte er sich der Lehrtätigkeit an der Universität widmen. Am 6. November 1948 wurde „dem hervorragenden Leiter des jungen Staatswesens, des Landes Sachsen-Anhalt, dem Verwaltungsmann, Volkswirtschaftler, Schriftsteller und Künstler Ministerpräsident Geheimrat Prof. Dr. h. c. Erhard Hübener“ der Ehrenbürgerbrief der Stadt Halle verliehen in „Anerkennung der überragenden Verdienste, die er sich in den Jahren 1918-1933 im Staatsdienst und in der Provinzialverwaltung Sachsen und in bis jetzt 3-jähriger Tätigkeit in schwerer Nachkriegszeit an der Spitze der Selbstverwaltung des Landes Sachsen-Anhalt erworben hat“.
Zugleich wurde er von der Kommunalsteuer befreit und erhielt unentgeltliches Wohnrecht im städtischen Grundstück Heinrich-Heine-Straße 2. Seit Mai 1951 lebte Erhard Hübener wieder in Wernigerode. Er starb am 3. Juni 1958 in Gadderbaum (gehört heute zu Bielefeld). Neben der Ehrenbürgerschaft erhielt Hübener noch weitere Ehrungen: Im Juli 1993 wurde in den Franckeschen Stiftungen die Erhard-Hübener-Stiftung gegründet. Am 03. Dezember 1996 wurde eine Gedenktafel am Regierungspräsidium Halle enthüllt. Seit 1990 trägt die Straße auf der Silberhöhe den Namen Erhard Hübeners.
(Text: Bürgerstiftung Halle)