Mit deutlichen politischen und wissenschaftlichen Botschaften ist am Donnerstagabend im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) die Sonderausstellung „Die Schamanin“ eröffnet worden. Neben der archäologischen Bedeutung des rund 9000 Jahre alten Fundes aus Bad Dürrenberg prägten insbesondere die Redebeiträge von Rainer Robra und Harald Meller den Abend. Das Publikum reagierte mit lautstarkem Beifall auf Mellers Appell zur Verteidigung von Demokratie und Wissenschaft.
Klare politische Signale zur Rolle von Wissenschaft und Demokratie
Der Staatsminister und Minister für Kultur, Rainer Robra Rainer, hob in seiner Ansprache die zentrale Rolle des Museums als wissenschaftliche Institution und kultureller Anker hervor. Das Haus habe mit seinen Ausstellungen und Forschungen internationale Aufmerksamkeit auf Sachsen-Anhalt und insbesondere auf Halle gelenkt und sei zu einem bedeutenden Besuchermagneten geworden.
Zugleich verband Robra diese Würdigung mit einem politischen Appell. Mit Blick auf die in 126 Tagen anstehenden Landtagswahlen sprach er von einer „Richtungsentscheidung“ für das Land. Ohne Parteien direkt zu nennen, warnte er vor antidemokratischen und völkischen Tendenzen. Die Archäologie, so Robra, bewahre nicht nationales, sondern universelles Kulturerbe. Diese Aussage war im Kontext als klare Absage an nationalistische Deutungen von Geschichte und entsprechenden rechtsextremen kulturpolitischen Tendenzen zu verstehen.
Meller warnt vor politischer Instrumentalisierung der Forschung
Museumsdirektor und Landesarchäologe Harald Meller griff diese Linie auf und vertiefte sie aus wissenschaftlicher Perspektive. In einem ausführlichen Vortrag schilderte er die wechselvolle Deutungsgeschichte des Fundes der Schamanin von Bad Dürrenberg.
Besonders kritisch ging er auf die Instrumentalisierung in der Zeit des Nationalsozialismus ein. Damals sei der weibliche Schädel bewusst zu einem „arischen Mann“ umgedeutet worden, obwohl die wissenschaftlichen Befunde bereits damals dagegensprachen. Ziel sei es gewesen, ideologische Narrative zu stützen.
Dem stellte Meller die Ergebnisse moderner archäogenetischer Forschung gegenüber. Diese zeigen, dass die Schamanin – wie andere Menschen der Mittelsteinzeit – vermutlich dunkle Haut, dunkle Haare und helle Augen hatte. Die heute in Europa verbreitete helle Hautfarbe entwickelte sich erst deutlich später im Zuge der jungsteinzeitlichen Bauernkulturen.
Meller betonte, dass solche Erkenntnisse rassistischen Weltbildern widersprechen könnten, Wissenschaft jedoch ausschließlich der Wahrheit verpflichtet sei. „Solange ich hier bin, werde ich mich gegen die bewusste Verfälschung der Wissenschaft wehren“, erklärte er. Die wissenschaftliche Objektivität sei ein Grundpfeiler der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Dass man heute diese Selbstverständlichkeit extzra betonen müsse, erschrecke ihn sehr. Das Publikum, das sich dicht auf den Emporen und den Sälen drängte, reagierte darauf mit lautem Beifall.
Ein außergewöhnlicher Fund im Mittelpunkt der Ausstellung
Im Zentrum der Ausstellung steht die bereits 1934 entdeckte Bestattung im Kurpark von Bad Dürrenberg. Das Grab datiert auf etwa 7000 v. Chr. und gehört zu den ältesten bekannten Bestattungen in Sachsen-Anhalt.
Beigesetzt wurde eine etwa 30- bis 40-jährige Frau gemeinsam mit einem Säugling. Die aufwendig gestaltete Grabgrube war mit Flechtwerk ausgekleidet, verputzt und mit rotem Ocker bestreut. Zahlreiche Beigaben, darunter Werkzeuge und Tierknochen, weisen auf eine besondere gesellschaftliche Stellung hin.
Archäologen interpretieren die Frau aufgrund verschiedener Indizien als Schamanin, also als religiöse Spezialistin ihrer Gemeinschaft. Neben der materiellen Ausstattung sprechen auch anatomische Besonderheiten für diese Deutung.
Neue Forschungsergebnisse erweitern das Bild
Aktuelle Untersuchungen haben das Verständnis des Grabes deutlich erweitert. So konnten insgesamt vier Individuen nachgewiesen werden: neben der Frau und dem Säugling zwei weitere Kinder, die jeweils nur durch einzelne Wirbelknochen belegt sind.
Genetische Analysen zeigen, dass alle miteinander verwandt waren. Besonders bemerkenswert ist der Nachweis eines Zwillings des Säuglings, der jedoch deutlich länger lebte. Diese Befunde werfen neue Fragen zum Ablauf der Bestattung auf, etwa ob das Grab mehrfach geöffnet wurde oder eine gleichzeitige Niederlegung stattfand.
Weitere naturwissenschaftliche Analysen liefern Hinweise auf rituelle Praktiken. Pollen deuten auf eine Bestattung im Sommer hin, wahrscheinlich im Juli. Spuren von Feuer sprechen für mögliche nächtliche Rituale. Zudem wurden Tierhaare und genetische Spuren von Rinderartigen im Grab festgestellt, die auf die Verwendung von Tierhäuten hinweisen könnten.
Internationale Ausstellung zur Mittelsteinzeit
Die Ausstellung umfasst rund 192 Exponate auf etwa 900 Quadratmetern. Leihgaben stammen von 39 Institutionen aus 14 Ländern. Neben dem Fund aus Bad Dürrenberg werden auch allgemeine Aspekte des Schamanismus sowie Lebenswelten der Mittelsteinzeit dargestellt.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Veränderungen nach der letzten Eiszeit, den Lebensweisen von Jäger- und Sammlergruppen sowie deren Anpassung an neue Umweltbedingungen. Auch Kunstobjekte und symbolische Darstellungen aus dieser Zeit sind Teil der Schau.
Eine zentrale Installation mit Schamanentrommel und historischen Gewändern veranschaulicht zudem rituelle Praktiken und religiöse Vorstellungen.
Brücke zur Gegenwart
Die Ausstellung zeigt nicht nur archäologische Funde, sondern verdeutlicht auch, wie eng Wissenschaft, gesellschaftliche Deutung und politische Verantwortung miteinander verknüpft sind. Die Eröffnungsreden machten deutlich, dass der Umgang mit Geschichte auch eine Frage der Gegenwart bleibt.
Die Sonderausstellung ist bis zum 1. November 2026 in Halle (Saale) zu sehen und wird von einem umfangreichen Begleitprogramm sowie einer wissenschaftlichen Publikation ergänzt.