Mitten in der halleschen Innenstadt erinnert heute die Anton-Wilhelm-Amo-Straße an eine außergewöhnliche Persönlichkeit der europäischen Geistesgeschichte: Anton Wilhelm Amo gilt als erster Afrikaner, der an einer europäischen Universität promovierte, lehrte und wissenschaftliche Schriften veröffentlichte. Nun erhält die Straße zusätzliche Erläuterungsschilder im Rahmen des Projekts „Bildung im Vorübergehen“ der Bürgerstiftung Halle.
Die neuen Schilder sollen Passanten künftig erklären, wer der Mann war, dessen Name bislang vielen zwar begegnete, dessen Geschichte jedoch oft unbekannt blieb. Die feierliche Vorstellung findet am 20. Mai an der Ecke Unterberg statt.
Von Ghana nach Deutschland
Geboren wurde Amo um das Jahr 1700 in der Region Axim im heutigen Ghana. Wie genau er als Kind nach Europa kam, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Historiker gehen davon aus, dass er im Zusammenhang mit den damaligen kolonialen Handelsbeziehungen nach Deutschland gelangte. Sicher belegt ist, dass er 1708 am Hof der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel aufgenommen und christlich getauft wurde.
Der junge Afrikaner erhielt dort eine für die Zeit außergewöhnlich umfassende Ausbildung. Während Menschen afrikanischer Herkunft in Europa damals meist exotisiert oder entrechtet wurden, förderte ihn der Hof gezielt. Später finanzierte die herzogliche Familie sein Studium.
Studium in Halle
1727 schrieb sich Amo an der damaligen Friedrichs-Universität in Halle ein, der heutigen Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bereits wenige Jahre später sorgte er mit einer juristischen Disputation für Aufmerksamkeit. Unter dem Titel „De iure Maurorum in Europa“ – „Über das Recht der Mohren in Europa“ – beschäftigte er sich mit der Rechtsstellung schwarzer Menschen in Europa.
Die eigentliche Schrift ist zwar verloren gegangen, doch zeitgenössische Berichte belegen den Inhalt. Amo argumentierte darin gegen die Versklavung von Afrikanern innerhalb Europas. Für das frühe 18. Jahrhundert war dies ein bemerkenswert moderner und mutiger Ansatz.
Philosoph gegen Descartes
Nach seinem Wechsel an die Universität Wittenberg promovierte Amo 1734 mit einer philosophischen Arbeit über die menschliche Seele. In seiner Dissertation widersprach er dem berühmten französischen Philosophen René Descartes in zentralen Punkten.
Amo vertrat die Auffassung, dass Sinneswahrnehmungen nicht von der Seele selbst, sondern vom lebendigen Körper ausgehen. Die Seele könne zwar denken, aber nicht fühlen. Damit leistete er einen eigenständigen Beitrag zur Philosophie der Aufklärung.
Sein wissenschaftliches Ansehen war damals erheblich. Bei einem königlichen Festakt in Wittenberg führte er sogar die Parade der Studenten an – eine seltene Ehrung.
Lehrer in Halle und Jena
Ab 1736 lehrte Amo wieder in Halle, später auch in Jena. Dort hielt er Vorlesungen über Philosophie, Logik und sogar Verschlüsselungstechniken. Sein 1738 erschienenes Werk „Tractatus de arte sobrie et accurate philosophandi“ galt als anspruchsvolle Einführung in wissenschaftliches Denken.
Doch die politische und gesellschaftliche Stimmung änderte sich. Während Amo zunächst Anerkennung erhielt, nahmen rassistische Anfeindungen im Laufe der Jahre zu. Besonders ein beleidigendes Spottgedicht aus dem Jahr 1747 zeigt, wie stark sich das Klima gewandelt hatte.
Rückkehr nach Afrika
1748 verließ Amo Deutschland und kehrte nach Westafrika zurück. Über die letzten Jahre seines Lebens ist wenig bekannt. Er lebte offenbar zunächst in Axim und später im Fort San Sebastian im heutigen Ghana. Dort verliert sich seine Spur nach 1753.
Erst im 20. Jahrhundert wurde Amo wiederentdeckt. Heute gilt er als wichtige Figur der europäischen Aufklärung und als Symbol für die Verflechtung afrikanischer und europäischer Geschichte.
Erinnerungskultur in Halle
Die Stadt Halle erinnert inzwischen an mehreren Stellen an den Philosophen. Die Martin-Luther-Universität verleiht seit den 1990er Jahren den Anton-Wilhelm-Amo-Preis für wissenschaftliche Arbeiten. Zudem wurde 2024 ein Hörsaal auf dem Steintor-Campus nach ihm benannt.
Mit den neuen Straßenschildern soll Amo nun auch im Alltag sichtbarer werden. Das Projekt „Bildung im Vorübergehen“ verfolgt seit 2008 das Ziel, historische Persönlichkeiten im öffentlichen Raum stärker zu erklären und Stadtgeschichte unmittelbar erfahrbar zu machen.
Gerade Amo eignet sich dafür in besonderer Weise: Seine Biografie erzählt von Aufstieg durch Bildung, von wissenschaftlicher Neugier, aber auch von den Widersprüchen der europäischen Aufklärung. Zwischen den Gassen Halles, den Hörsälen Mitteldeutschlands und den Küsten Westafrikas spannt sich ein Lebensweg, der bis heute außergewöhnlich wirkt.
Bild: Beginn des ersten Kapitels aus Amos Dissertation
2 comments on “Anton Wilhelm Amo: Ein Gelehrter zwischen Afrika und der Aufklärung”
Übrigens nicht unklug, was Amo damals schrieb. Letztlich hält er notgedrungen im Sinne der Aufklärung an irgendeinem „Geist“ fest, aber er hält die Wesentlichen den Menschen bestimmenden Regungen für diesseitig und körperlich:
Amos philosophische Argumentation in „De humanae mentis apatheia“:
In seiner Dissertation widmete sich Amo dem zentralen Rätsel der damaligen Philosophie: Wie können der unkörperliche Geist und der materielle Körper miteinander interagieren? Er löste dieses Problem durch einen radikalen Dualismus: [ Der menschliche Mensch ]
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Der Geist (Mens) Der Körper (Corpus)
– Rein immateriell – Materiell und organisch
– Kann nur aktiv denken – Passiv, leidet und empfindet
– Ist „unempfindlich“ – Ort aller Sinnesreize
(Apatheia) (Schmerz, Wärme, Kälte)
Amos Argumentation stützt sich im Kern auf zwei logische Beweise (Syllogismen):Erstes Argument: Der Geist leidet nichtPrämisse 1: Alles, was fühlt (Sinnesreize aufnimmt), ist passiv. Es wird von einem äußeren Objekt beeinflusst oder „durchdrungen“.
Prämisse 2: Der menschliche Geist (mens) ist eine rein aktive, immaterielle Substanz ohne Teile. Ein feinstoffliches Ding kann nicht von materiellen Dingen durchdrungen oder verändert werden.Schlussfolgerung: Daher kann der Geist selbst keinen Schmerz, keine Hitze und keine körperliche Leidenschaft fühlen. Er besitzt Apatheia (Leidenschaftslosigkeit/Unempfindlichkeit).Zweites Argument: Fühlen erfordert LebenAmo stellt die feste Regel auf: „Leben und Empfinden sind zwei untrennbare Prädikate“.Leben im biologischen Sinne ist jedoch eine Eigenschaft von organischen, teilbaren Körpern. Da der Geist unteilbar und immateriell ist, „lebt“ er nicht im biologischen Sinne – er existiert rein intellektuell. Das Fühlen (die Nozizeption) verbleibt somit vollständig im Nervensystem des Körpers.Warum war das revolutionär?Amo wandte sich damit direkt gegen René Descartes. Descartes behauptete, die Seele würde den körperlichen Schmerz in der Zirbeldrüse direkt miterleben. Amo konterte: Nein, der Körper leidet; der Geist nimmt dieses Leiden lediglich intellektuell wahr und reflektiert darüber. Moderne Kognitionswissenschaftler sehen in Amos Trennung zwischen rein physikalischer Reizverarbeitung (Körper) und bewusster Einordnung (Geist) eine verblüffend moderne Erkenntnistheorie.
Mit genau sowas habe ich mich in meiner Jugend beschäftigt, und mich daraufhin zum Atheismus durchgerungen.
Damit allein hätte er ein Straßenzusatzschild verdient. Leider war aber auch bei meinen linken Freunden die Hautfarbe offenbar wichtiger: „Erster Schwarzer“.