Die Hemmschwelle für abwertende und diskriminierende Äußerungen in der Öffentlichkeit sinkt – diese Beobachtung spiegelt sich zunehmend in den Beratungsfällen der Antidiskriminierungsstellen in Sachsen-Anhalt wider. Im Jahr 2024 konnten die regionalen Beratungsangebote rund 270 Menschen unterstützen, die Diskriminierung im Alltag erfahren haben. Die Fälle reichen von rassistischer Ausgrenzung über antisemitische Vorfälle bis hin zu Benachteiligungen wegen Behinderung, Geschlecht oder sexueller Identität.
Anlass für die Bilanz war der kürzlich veröffentlichte Jahresbericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Auch in Sachsen-Anhalt nutzten die Träger – darunter die Antidiskriminierungsstelle Sachsen-Anhalt (getragen von der Halleschen Jugendwerkstatt gGmbH), das Landesnetzwerk der Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt e.V. (LAMSA), OFEK Sachsen-Anhalt und weitere Projekte – den Moment, um ihre Arbeit öffentlich zu reflektieren.
Mehr Fälle, mehr Standorte, mehr Druck
Die Antidiskriminierungsstelle Sachsen-Anhalt registrierte 133 Fälle. Besonders häufig ging es um Diskriminierung aufgrund rassistischer Zuschreibung oder ethnischer Herkunft (27 %), gefolgt von Benachteiligungen wegen Behinderung oder intersektionalen Überschneidungen. Die Beratungsarbeit wurde 2024 auch auf ländliche Regionen ausgeweitet – mit festen Anlaufstellen in Magdeburg, Halle und Stendal sowie mobiler Beratung im Burgenlandkreis.
Projektleiterin Janine Weidanz fasst zusammen: „Diskriminierung wird sichtbarer, aber auch gesellschaftlich verharmlost. Die Arbeit in ländlichen Regionen zeigt, wie notwendig Beratung, Schutz und Sichtbarkeit gerade dort sind.“
Antisemitismus: Kein Einzelfall, sondern Alltag
OFEK Sachsen-Anhalt, mit Sitz in Halle (Saale), betreute im vergangenen Jahr 35 komplexe Fälle antisemitischer Gewalt und Diskriminierung. Nahezu die Hälfte betraf den öffentlichen Raum, gefolgt von Vorfällen in Bildungseinrichtungen. Seit dem 7. Oktober 2023 verzeichnete die Beratungsstelle einen spürbaren Anstieg antisemitischer Vorfälle, darunter gezielte Sachbeschädigung und Bedrohung.
„Hinter jeder Zahl steht ein Mensch mit Sorgen, Ängsten und Strategien zur Bewältigung“, sagt OFEK-Beraterin Elitsa Kirova. Antisemitische Vorfälle seien keine isolierten Ereignisse, sondern prägten den Alltag der Betroffenen nachhaltig.
Mut zur Beschwerde – auch im ländlichen Raum
In Halle, Dessau und Magdeburg berät das Projekt ENTKNOTEN Menschen, die rassistische Diskriminierung erleben. 60 Fälle wurden 2024 dokumentiert. Besonders häufig wurde über Vorfälle im öffentlichen Raum und im Umgang mit Behörden berichtet.
Auch die Antidiskriminierungsberatung Anhalt war aktiv: In Anhalt-Bitterfeld, Wittenberg und Dessau-Roßlau wurden über 40 Fälle begleitet. Mika Kaiyama vom Träger LAMSA e.V. unterstreicht die gesamtgesellschaftliche Relevanz: „Diskriminierung ist ein massiver Eingriff in die Lebensqualität. Sie betrifft nicht nur den Einzelnen, sondern stellt demokratische Grundwerte wie Selbstbestimmung und Teilhabe infrage.“
Recht auf Unterstützung – Wege und Wirkung
Die Beratungsstellen bieten nicht nur psychosoziale Unterstützung, sondern auch vorjuristische Hilfe: Gemeinsam mit den Betroffenen werden Beschwerden formuliert, Gespräche moderiert und Strukturen hinterfragt. Ziel ist es, Diskriminierung nicht nur sichtbar zu machen, sondern ihr wirksam entgegenzutreten.
Staatssekretärin Susi Möbbeck, Integrationsbeauftragte der Landesregierung, betont die Bedeutung dieser Arbeit: „Es braucht Mut, sich gegen Diskriminierung zu wehren. Die Beratungsangebote geben Rückhalt und helfen, Rechte geltend zu machen. Gleichzeitig wirken sie aufklärend – für ein demokratisches Miteinander in Sachsen-Anhalt.“