Der Schriftsteller Manfred Jendryschik war am 18. Juni im Alter von 82 Jahren verstorben. Sein literarisches Werk umfasst Erzählungen, Lyrik und Essays. Das Erscheinen seines letzten Buches, das im Juli im Mitteldeutschen Verlag herausgebracht wurde, hat er leider nicht mehr erlebt. In „Deckweiß für alle! oder Eine plötzliche Liebe mit Hintergedanken“ hat Jendryschik Anekdoten und Verwandtes aus der DDR-Kulturwelt versammelt. Er erzählt kuriose, heitere, irrwitzige, mitunter makabre bis bitterböse Episoden aus dem DDR-Kulturbetrieb.
So hatte ein Schriftsteller nach reiflicher Überlegung seinem Lektor mitgeteilt, dass er ein Komma in ein Semikolon umwandeln möchte. Doch zwei Tage später nahm er das Semikolon wieder zurück. Das Zentralorgan „Neues Deutschland“ erschien einmal in zwei Fassungen. Am Grab von Hans Lorbeer, dem Verfasser einer Luther-Trilogie, traf Harald Korall zufällig Otto Gotsche und wurde von diesem Dogmatiker vereinnahmt. Ein anderer Autor bat seine Rentnermutter, ihm aus Westberlin diverse Bücher mitzubringen, doch am Zoll am Bahnhof Zoo flehte sie zu Gott. Christa Wolf wollte einmal Anna Seghers in einer dringenden Angelegenheit sprechen, die sie weinend vor dem Fernseher antraf.
Die Miniaturen zeigen u. a. die Engstirnigkeit von Funktionären oder die Beschränktheit der allgegenwärtigen Zensur. Jendryschik schaut hinter die Fassaden, hinter Planzahlen und unverkäufliche Machwerke; dabei hinterleuchtet er Phrasen oder wie „die Partei“ immer Recht hatte. Jendryschik hat das alles über die Jahre nicht vergessen, aber die Staatssicherheit auch nicht, die in dem Vorgang „Federkiel“ 1.500 Seiten über ihn gesammelt hatte.
Manfred Jendryschik: „Deckweiß für alle! oder Eine plötzliche Liebe mit Hintergedanken – Anekdoten und Verwandtes aus der DDR-Kulturwelt“, Mitteldeutscher Verlag Halle 2025, 24,00 €, 260 S., ISBN 978-3-68948-044-8
