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200. Geburtstag von Viktor von Scheffel

Das gründerzeitliche Paulusviertel im Norden der Stadt Halle, das zwischen 1900 und 1910 um die namensgebende Pauluskirche errichtet wurde, wird von den Einheimischen auch „Dichterviertel“ genannt, da die Straßen nach bekannten deutschen Dichtern und Denkern benannt sind. Neben dem Weimarer Viergestirn Goethe, Schiller, Herder und Wieland geben sich hier auch Kleist, Uhland, Hebbel, Herwegh, Schleiermacher oder Humboldt ein straßenmäßiges Stelldichein. Und mittendrin die Victor-von-Scheffel-Straße … und dazu noch mit vollständigem Namen, während die anderen sich mit schlichten Straßennamen wie Goethestraße oder Schillerstraße zufriedengeben müssen.

Wer war Victor von Scheffel, dem eine solche Ehre zuteil wurde? Die Mehrheit der Hallenser wird sicher mit den Schultern zucken. Selbst nach hilfreichen Stichworten wie „Trompeter von Säckingen“ oder „Gaudeamus“ sowie dem Zitat „Behüt’ dich Gott, es wär’ zu schön gewesen, behüt’ dich Gott, es hat nicht sollen sein!ist die Verwirrung sicher nicht geringer. Wer war also dieser Victor von Scheffel?

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Zu seinen Lebzeiten gehörte Victor von Scheffel zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Dichtern seiner Zeit. Seine Werke, die eine enorme Auflage erreichten und kaum in einem bürgerlichen Haushalt fehlten, trafen den Nerv des Bildungsbürgertums. Sie entsprachen dem Lebensgefühl des spießigen Spätbiedermeiers. Die gescheiterte Revolution von 1848 führte zu einer tiefen Enttäuschung und Resignation. Viele wandten sich von der aktiven politischen Mitgestaltung ab und neoromantische Motive wurden häufig zu einem Rückzugsort vor der unruhigen politischen Gegenwart. Mit seinen historischen Romanen bediente Scheffel wie viele Autoren seiner Zeit aber auch eine volkstümliche Form des Nationalismus. Trotz seiner Befürwortung der Reichsgründung 1871/72 war er ein kritischer Chronist, der die Veränderungen seiner Zeit aufmerksam und skeptisch reflektierte.

Scheffel war schon zu seinen Lebzeiten in vielen Städten zum Ehrenbürger ernannt worden. Nach seinem Tod entwickelte sich ein beispielloser Kult um seine Person („Scheffelkult“). Man benannte Straßen, Plätze und Schulen nach ihm, insbesondere in Süddeutschland, oder errichtete zahlreiche Denkmale. Ab den 1920er Jahren wurde der literarische Wert seiner Werke nur noch gering eingeschätzt. Häufig wurde Scheffel auf das Klischee des gemütsvollen Heimatdichters reduziert. Neuere literaturhistorische Studien, die sich mit dieser Diskrepanz beschäftigen, heben dagegen den Unterhaltungswert und die sprachliche Ausgestaltung seiner Werke hervor. Sie verweisen auch auf die zahlreichen Nachahmer und die Vermarktung durch sentimental illustrierte Ausgaben sowie kitschige Sammelbilder und Postkarten, die dem volkstümlichen Werk Scheffels nachträglich geschadet haben.

Obwohl eine Straße seit mehr als 100 Jahren nach Victor von Scheffel benannt ist, wird in Halle nicht an seinen 200. Geburtstag gedacht werden. Im Schwarzwald und insbesondere in Bad Säckingen („Trompeterstadt“) wird das Jubiläum jedoch mit zahlreichen Events, Ausstellungen und literarischen Touren zu seinen Wirkungsstätten bzw. den Schauplätzen seiner Werke gefeiert.

Die ausführlichere Biografie unter:

https://literaturkritik.de/einst-ein-literarischer-popstar-heute-fast-vergessen,31832.html

One comment on “200. Geburtstag von Viktor von Scheffel”

  1. Klasse Artikel. Und ich weiß jetzt, nach wem die Straße benannt ist, wo ich neulich ein Knöllchen bekommen habe.

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