Die Diakonie Mitteldeutschland ist die Wohlfahrtsorganisation der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Sie umfasst die Bundesländer Thüringen, Sachsen-Anhalt und Teile Brandenburgs und Sachsens. Mit 30.000 Mitarbeitenden und mehr als 1700 Einrichtungen ist die Diakonie Mitteldeutschland einer der größten Arbeitgeber der Region und auch der größte Wohlfahrtsverband in den neuen Bundesländern. Ihre Meinung zur Thema Pflege, die Hallespektrum ungekürzt nachstehend veröffentlicht, dürfte wohl relevant sein:
Pflege ist systemrelevant. Dieser Satz ist in diesen Wochen
immer wieder zu hören. Vor elf Jahren waren es große Banken. Geld
und imposante Bankenhochhäuser waren schon immer sichtbarer als die
Pflege. Jetzt setzt die Corona-Krise die Pflege in einen neuen
Fokus. Obendrein wurde für alle Pflegeheime und Krankenhäuser ein
Besuchsverbot ausgesprochen. Ein am Anfang der Pandemie richtiger
Schritt, um alte Menschen und Menschen mit schweren Erkrankungen
vor einer Ansteckung zu schützen, der nun im Mai nach und nach
gelockert wird. Es waren plötzlich allein die Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter in der Pflege und Betreuung, die die alten Menschen mit
allem Notwendigen versorgen. Sie sind es, die Gespräche und
Gemeinschaft, Ermutigung und soziales Miteinander ermöglichen. Der
12. Mai ist der „Tag der Pflege“, der die Anerkennung für diesen
besonderen Dienst am Menschen fördern soll.
Es ist gut, dass die vielen Frauen und Männer, die in Pflege
und Betreuung arbeiten, derzeit verstärkt öffentliche Anerkennung
erfahren. Ihnen wird vom Balkon applaudiert. Politisch soll mit
einer Prämie gedankt werden. „Aber die grundlegenden Probleme der
Pflege sind seit Jahren gut bekannt. An erster Stelle ist es die
Arbeitsbelastung, da zu wenige Pflegekräfte zu viele Menschen
versorgen müssen.“, sagt Oberkirchenrat Christoph Stolte,
Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland.
Die immer neue Erfahrung, die Arbeit mit und für Patientinnen
und Bewohner nicht mit ausreichender Zeit, innere Ruhe, Empathie
und Zuwendung tun zu können, zermürbt viele Pflegekräfte. Denn die
Pflegeberufe sind nicht grundsätzlich unattraktiv. Sie bieten eine
interessante und sinnstiftende Tätigkeit. Viele junge Menschen
wollen mit anderen Menschen arbeiten. Wenn aber die eigenen
Qualitätsvorstellungen nicht umgesetzt werden können, wenn sich das
Gefühl einschleicht, dem anderen nicht gerecht geworden zu sein,
dann wächst die Demotivation. Zu viele Pflegekräfte kehren schon
nach wenigen Jahren ihrem Beruf den Rücken. Die Arbeitszeiten im
Schichtdienst sind eine Belastung. Häufig ist nur eine
Teilzeitanstellung möglich. Und die Bezahlung in der Pflege ist
oftmals nicht angemessen. Das gilt besonders dann, wenn keine
Tarifverträge und Arbeitsvertragsrichtlinien die Rahmenbedingungen
verlässlich regeln.
Christoph Stolte: „Das ist alles hinlänglich diskutiert worden.
Auch die Fehlkonstruktion der Pflegeversicherung, durch die den
Bewohnern der Pflegeheime, deren Angehörigen oder dem Sozialamt
steigende Kosten durch eigentlich angemessene Gehälter aufgebürdet
werden.“
Die Corona-Krise zeigt, warum Pflege gut aufgestellt sein muss.
„Jetzt besteht die Chance mit Mut und weitreichenden
Entscheidungen, die von vielen Menschen akzeptiert werden, die
Grundprobleme der Pflege in Deutschland zu lösen. Wir brauchen mehr
Geld im System, spürbar bessere Personalschlüssel, verlässlich
höhere Vergütungen und eine nachhaltig höhere gesellschaftliche
Anerkennung, besonders für die Altenpflege. Wenn damit die Zukunft
in der Pflege gestaltet wird, haben wir gemeinsam viel erreicht.“,
sagt Stolte.
In einem Gesundheits- oder Sozialberuf fachlich gut
qualifiziert arbeiten zu können, ist auch zukünftig für viele
Menschen attraktiv. Das gilt für junge Menschen aber auch für
lebenserfahrene Frauen und Männer, denen durch gut ausfinanzierte
berufsbegleitende Ausbildungsgänge ein späterer Einstieg in einen
Pflegeberuf ermöglicht werden sollte.
Stolte: „Systemrelevant? Ja, aber dann bitte auch die
entsprechenden politischen und gesellschaftlichen Anstrengungen
dafür. Der Tage der Pflege weist im Corona-Jahr 2020 mit großer
Dringlichkeit auf notwendiges Handeln hin.“