Möglicher MMZ-Umzug: Mieter zeigen sich entsetzt und kritisieren OB Wiegand

23. Januar 2014 | Wirtschaft | 1 Kommentar

Die Ideen von Oberbürgermeister Bernd Wiegand zu einer Verlagerung des Mitteldeutschen Multimediazentrums (MMZ) an einen anderen Standort stoßen bei den Mietern auf heftige Kritik. „Die Mieter des Mitteldeutschen Multimediazentrums (MMZ) sind verunsichert und entsetzt“, so Steffen Melzer, der die Mietergemeinschaft vertritt, in einem offenen Brief an die Stadtverwaltung.

Melzer verweist auf Aussagen der Stadt aus dem vergangenen Jahr, wonach am MMZ und dessen Standort sowie an der Sanierung festhalten werde, auch wenn es wegen der Hochwasserfolgen in veränderter Struktur wiederaufgebaut werden müsste. „Dieses klare Bekenntnis PRO MMZ war und ist für die Mieter des Hauses ein bindendes Statement“, macht Melzer klar.

Zwischenzeitlich erklärte die Stadt, die komplette Sanierung werde 20 Millionen Euro kosten, der Bau selbst hat damals 35 Millionen Euro gekostet. Doch auch vier Monate nach Wiederinbetriebnahme herrsche weiterhin „Unkenntnis darüber, wann die Sanierung des MMZ und in welcher Form fortgesetzt wird. Es gab seitens der Stadt Halle bis heute keine weiteren offiziellen und verlässlichen Informationen über die Zukunft des MMZ“, beklagt Melzer. Sauer sind er und die Mieter vor allem darauf, dass Oberbürgermeister Bernd Wiegand seine Überlegungen in Beigeordnetenkonferenzen und gegenüber der Presse bekannt gibt, aber nicht mit den betroffenen Mietern spricht. Diese seien auch nicht in den Prozess des Wiederaufbaus eingebunden.

Ein weiterer Umzug der Unternehmen und Institutionen sei sowohl unter zeitlichen Aspekten, aber mehr noch mit dem Blick auf damit einhergehende erneute Infrastrukturkosten alles andere als vorstellbar. „Die Unkenntnis über die weitere Entwicklung des MMZ, eine unsichere Perspektive für die Mieter und damit verbunden für die strategische Entwicklung der individuellen Unternehmensplanung der ansässigen Unternehmen und Institutionen tragen dazu bei, einer in den letzten 15 Jahren mühsam aufgebauten Kultur- und Kreativwirtschaftsszene mit dem Nukleus MMZ den Todesstoß zu versetzten“, beklagt Melzer. „Um es ganz klar herauszustellen: Die aktuelle Situation ist für die Unternehmen und Institutionen als Mieter des MMZ existenzbedrohend!“

Aktuell sind 52 Unternehmen im MMZ ansässig. „Alle Mieter leisten in unterschiedlichster Weise einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung der Kultur-, Medien- und Kreativwirtschaft in der Saalestadt. Sie transportieren die Botschaft eines attraktiven Medienstandortes Sachsen-Anhalt in die Welt“, betont Melzer. „Auch die Informationspolitik der Stadt Halle trägt dazu bei, dass Spekulationen und Halbwahrheiten entstehen und verbreitet werden. Dies ist weder zielführend noch konstruktiv und muss geändert werden. Um auf einen einheitlichen Kenntnisstand zu gelangen und endlich in allen kritischen Punkten Klarheit zu haben, fordern die Mieter des MMZ die verantwortlichen Personen und Organe der Stadtverwaltung auf, die Fragen, die an dieses Schreiben angeschlossen sind, umgehend und umfassend zu beantworten.“

Obendrauf haben die Mieter einen umfassenden Fragenkatalog aufgestellt:

Hochwasserschutz
1. Warum wurde der geplante Hochwasserschutz beim Neubau des Gebäudes nie umgesetzt?
– Neubau 2002 bis 2007
– Erstes Hochwasser 2002, Volllaufen der Baugrube, Baustopp, Mehrkosten: 50.000 €
– Zweites Hochwasser 2011, hier konnte mit Hilfe des THW und der Feuerwehr ein Eindringen des Wassers verhindert werden: Mehrkosten 40.000 €
– 2012 Anschaffung mobiler Spundwand und Türschotten: Kosten 90.000 €,
– Drittes Hochwasser 2013, Schaden am Gebäude 20 Millionen Euro
2. Warum wurde nach den Fluten 2002 und 2011 kein umfassender Hochwasserschutz umgesetzt? Wer ist dafür verantwortlich? Gibt es hier den juristischen Tatbestand der Fahrlässigkeit durch Verletzung einer objektiven Sorgfaltspflicht und deren Erkennbarkeit?
3. Herr Neumann sprach im September 2013 davon, dass der Hochwasserschutz verbessert werden muss. Heute, 5 Monate später, scheint der Hochwasserschutz kein Thema mehr zu sein, warum?
4. Warum kann (laut OB Wiegand ) für das MMZ dauerhaft kein umfassender Hochwasserschutz gewährleistet werden? Welche Gutachten gibt es dazu?
5. Ist etwa mit dem Umverlagern des geplanten Gimmritzer Dammes mit höheren Pegelständen in der Altstadt zu rechnen?
6. Was bedeutet das für die Gebäude und Anwohner in der Klausvorstadt?
7. Laut Pressemeldungen stehen die Mittel vom Bund für den Bau eines Hochwasserschutzes bereit? Warum werden diese nicht abgerufen?
8. Wann wird mit dem Bau des Hochwasserschutzes begonnen?

Das Gebäude und der Standort des MMZ
1. Im Juli hat sich Herr Neumann öffentlich zum Standort Mansfelder Straße 56 und zur Sanierung des Gebäudes bekannt. Die Mieter haben mehrfach angeboten, sich in diese Planungen einzubringen. Warum wurden wir nicht zu diesem Konzept befragt?
2. Wie sieht dieses Konzept aus? Welche Planungen gibt es?
3. Das sich ergänzende Leistungsangebot der Postproduktionsunternehmen im MMZ und die MMZ-Produktionsräume waren die Grundlage einer erfolgreichen Postproduktionsallianz und haben im wesentlich dazu beigetragen, dass sich das MMZ zum Postproduktionsstandort mit internationalem Renommee entwickeln konnte. Die Zerstörung dieser Produktionsräume hat ein erfolgreiches und sehr wettbewerbsfähiges Dienstleistungsangebot abrupt zunichte gemacht. Bestehende und zukünftige Postproduktionsaufträge können seitdem nicht in Halle realisiert werden. Welche Pläne gibt es zu diesem Herzstück des MMZ?
4. Sollte es laut Überlegung von OB Wiegand wirklich zu einem Neubau an einem anderen Standort kommen, welche Pläne zur weiteren Nutzung des Gebäudes in der Mansfelder Straße gibt es?
5. Welche weiteren Kosten kommen auf die Stadt zu, sollte es wirklich einen Umzug geben? Werden Umzugskosten, Ausfallzeiten der Mieter übernommen?
6. Kann es dabei eventuell zu einer Abwanderung der Mieter kommen?
7. Eine Untersuchung zur Medien-, Kultur- und Kreativwirtschaft in der Region Halle (Saale) aus dem Jahr 2012 besagt, dass die bestehenden Zentren wie das MMZ eine gute Wahrnehmung in der Branche erreicht haben und als Leuchttürme der Stadt Halle dienen können. Welche Standortanalysen gibt es zu den alternativen Vorschlägen?
8. Bieten die genannten Alternativen den Unternehmen die gleiche Wirtschaftsförderung hinsichtlich Zweckbestimmung laut EU und die „gründerfreundlichen“ Mieten?

Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und der Umgang mit der Branche
1. Durch die Presse wurde in der Vergangenheit ständig eine Negativberichterstattung geleistet. In der Öffentlichkeit ist dadurch ein desaströses Image einstanden. Dies betrifft nicht nur die Berichterstattung zum Thema „MMZ“, sondern es betrifft vor allem die Branche und die Firmen, die im MMZ arbeiten. Warum wird der Medienstandort Halle derzeit so in Frage gestellt?
2. Warum schaltet sich der Oberbürgermeister erst jetzt in die Konzeption des MMZ ein? Laut Pressebericht ist das MMZ das Gebäude mit dem teuersten Hochwasserschaden (20 Millionen Euro).
3. Warum führt der OB, Dr. Wiegand, nur einen Monolog mit der Mitteldeutschen Zeitung und sucht nicht den direkten Dialog mit den Mietern?
4. Wie steht der Aufsichtsrat zu diesem Thema? Warum werden wir nicht in die Besprechungen und Planungen des Aufsichtsrates eingebunden?

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