5. Nacht der Migranten: auf interkultureller Tour durch Halle

19. Oktober 2014 | Vermischtes | Keine Kommentare

Menschen aus 139 verschiedenen Nationen leben in Halle (Saale). Einige der Akteure konnte man am Samstagabend bei der mittlerweile 5. Nacht der Migrantenorganisationen kennenlernen.
migranten21
Auf einer Bustour durch die Stadt ging es zu verschiedenen Vereinen und Organisationen. Los ging es in der Armenischen Gemeinde in der Alfred-Reinhardt-Straße in Halle-Ammendorf. Dort hat die Armenische Kirche sogar eine eigene Kirche, die einzige in ganz Deutschland. 2009 wurde das von der katholischen Kirche aufgegebene Gotteshaus neu geweiht. Die Nacht der Migranten sei eine gute Gelegenheit, einander kennenzulernen, sagt Aristakes Abegha Aivazian. Nicht nur Deutsche die Migranten, sondern auch Migranten untereinander. So waren in der Kirche am Samstagabend nicht Menschen verschiedener Konfessionen wie Christen und Muslime zu Gast, aber auch Atheisten. Der Hallenser Alexander Seidel ist am MESROP Zentrum für Armenische Studien tätig und befasste sich mit dem Völkermord an den Armeniern. Hunderttausende von ihnen fielen in den Jahren 1915 und 1916 den Mördern aus dem Osmanischen Reich zum Opfer. Die damaligen Ereignisse belasten immer noch das Verhältnis zwischen der Türkei und Armenien. Seidel wies auch auf den Berliner Kongress 1878 hin, bei dem die Großmächte Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Frankreich, Vereinigtes Königreich, Italien und Russland zwar einen Schutz der Armenier durch das Osmanische Reich gefordert hatten. Aber keiner hat ernsthaft protestiert“, beschreibt Seidel, als es dann zum Völkermord kam. Seit 2009 haben Sachsen-Anhalt und Armenien enge Kontakte. Hallesche Schulen haben auch bereits Schüleraustausche durchgeführt. Und am 10. Mai nächsten Jahres soll in Halle ein Gedenkstein für die Opfer des Völkermords an den Armeniern aufgestellt werden, das hatte der Stadtrat beschlossen.
migranten15
Die zweite Station des Abends war „Am Treff“ in Halle-Neustadt. Hier hat die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland ihren Sitz. Die Mitglieder informierten über ihren Verein, aber auch über ihren Weg nach Deutschland. Als zehnjähriges Mädchen sei sie mit ihrer Familie hergekommen, meinte eine junge Frau, die derzeit Germanistik studiert. Mit dem Zug sei es damals bis St. Petersburg gegangen, dann mit dem Flugzeug nach Deutschland. Sie habe an einen Urlaub geglaubt, meinte sie. Weil sie in Kasachstan das deutsche Gymnasium besucht habe, sei es ihr in der Schule nicht so schwer gefallen. Die russische Kultur sei ihr inzwischen fremd geworden. Die 37-Jährige Anna ist seit 13 Jahren in Deutschland, arbeitet hier an der Waldorfschule. In Russland hat sie im Nordkaukasus gelebt. Und das ist auch etwas, war ihr fehlt: „Die Natur mit den hohen Bergen.“ Die sind dort nämlich 5.000 Meter hoch, da sei der Harz nichts dagegen. Zum Abschluss wurden den Besuchern russische Gaumenschmäuse gereicht. Neben Häppchen auch Wodka.
migranten9
1993 hat sich die Islamische Gemeinde in Halle gebildet. Dorthin führte die dritte Station des Abends. Am Meeresbrunnen hat das Islamische Kulturcenter seinen Sitz. Ein Gebäude, das die Gemeinde aus den Spenden ihrer Mitglieder erworben hat. Fördermittel bekomme man nicht, sagt der Vereinsvorsitzende Djamel Amelal. In den Räumlichkeiten finden die Gebete statt, außerdem Feste und der Religionsunterricht für die Kinder. 120 Mitglieder habe der Verein mittlerweile, zum Freitagsgebet kommen etwa 400 Menschen. Islam und die Gleichberechtigung der Frau ist in den Medien immer wieder ein Thema. In der halleschen Gemeinde sei das Realität, meint Amelal. „Die Frauen sind sogar viel engagierter.“ In wenigen Wochen stehe auch wieder die Wahl des Vorsitzenden an. Die erfolge ganz demokratisch, jeder könne sich mit seinem Konzept bewerben. „Auch Frauen.“ Und noch eine Besonderheit gibt es in Halle. Während in den meisten Städten jede islamische Volksgruppe unter sich bleibt, treffen sich in Halle alle beim Islamischen Kulturcenter, egal ob Kurden, Türken, Syrer, Algerier oder Nigerianer.

Am Niedersachsenplatz in Halle-Neustadt gibt es das Slavia-Kulturzentrum. Dort servierten die Vereinsmitglieder unter anderem Pelmeni, in Wasser gekochte Teigtaschen, die mit Fleisch gefüllt sind. Der Deutsch-Mongolische Verein „Gobi“ präsentierte auf der Wiese davor mongolisches Bogenschießen.
migranten1
Seinen Abschluss fand die Nacht der Migranten beim Deutsch-Vietnamesischen Kulturverein Sachsen-Anhalt. Der hat sich erst im Frühjahr gegründet und mittlerweile schon mehr als 400 Mitglieder. Demzufolge waren die Vietnamesen, die die stärkste Ausländergruppe in Halle stellen, erstmals bei der Nacht der Migranten dabei. Auch hier wurden den Gästen für das Land typische Gerichte gereicht. Obendrauf war die Kirchgemeinde „Christ Embassy“, die ihren Sitz in der Delitzscher Straße neben dem Post-Sportplatz hat, zu Gast, und präsentierte Live-Musik.

In Halle leben derzeit 11.500 Ausländer aus 139 Nationen. „Über 50 Sprachen werden hier gesprochen“, sagt die Migrationsbeauftragte der Stadt, Petra Schneutzer. 32 Migrantenvereine gibt es in Halle, 27 davon sind im Bündnis für Migrantenorganisationen Mitglied, das diese spezielle Nacht präsentiert hat.

Print Friendly

Kommentar schreiben