Kinderarmut: jedes dritte Kind in Halle ist betroffen

11. November 2012 | Soziales | 5 Kommentare

Kinderarmut bleibt in Halle (Saale) ein Problem. Das geht aus dem neuesten Bericht der Stadtverwaltung hervor, der am Samstag beim Landesarmutstag in Halle (Saale) präsentiert wurde. Demnach gelten 38 Prozent der halleschen Jungen und Mädchen als von Armut betroffen oder Armutsgefährdet, die Schere öffnet sich immer weiter.

Besondere Sorgen macht der Stadt die räumliche Konzentration von Armut, sprich: eine Ghettobildung. Das Armenhaus der Stadt ist dabei die Silberhöhe, 69,9 Prozent aller Kinder hier im Stadtteil leben von Hartz IV. Zwei von drei Kindern haben also keine arbeitenden Eltern oder ihre Eltern verdienen viel zu wenig. Gegenüber 2009 ist das ein Anstieg um 14 Prozentpunkte. Mit 59,1 Prozent (2009: 54,6%) folgt die Neustadt. Einen minimalen Rückgang gab es im Bereich Freiimfelde von 53,5 auf 52,8 Prozent. Umso drastischer fällt der Anstieg in der Südstadt (41,3 auf 56,7%) und Heide-Nord (37,6 auf 55,4%) aus. Die wenigsten Kinder in Bedarfsgemeinschaften gibt es im Heide-Süd (3,1 Prozent) und in Kröllwitz (5,3 Prozent). Stadtweit leben 33,8 Prozent der Kinder in Hartz-IV-Familien, 2009 waren es noch 30,9 Prozent.

Der DGB-Regionalvorsitzende Johannes Krause, zugleich SPD-Stadtrat, sieht darin unter anderem das Problem, dass die Kinder von ihren Eltern nicht mehr das frühe Aufstehen um zur Arbeit zu gehen lernen. Das Risiko generationsübergreifender Arbeitslosigkeit sei sehr hoch. Und was nicht verdient wurde, fehlt später bei der Rentenanwartschaft. Halles Sozialdezernent Tobias Kogge sieht noch ein anderes Problem: die ungesunde Ernährung. Entweder seien Kinder aus Hartz IV-Familien stark über- oder stark untergewichtig. Außerdem könne man bei den Schuleingangsuntersuchungen ablesen, was die Eltern verdienen. „Das ist erschreckend“, so Kogge.

Auch bei der Sprachentwicklung gebe es Auffälligkeiten, meinte Halles Sozialplaner Uwe Weiske. Bildung eben. 25 Prozent aller halleschen Kinder sind betroffen. Im Bundesprogramm Bildung und Teilhabe sehe man große Potentiale. Nur genutzt werden diese in Halle nicht für Bildung, stattdessen hauptsächlich für günstiges Mittagessen, Klassenfahrten und Vereinsmitgliedschaften. „Bildung hat nicht stattgefunden, nur Essen, Spiel und Spaß“, so Kogge.

Doch die Kommunen in Deutschland sind pleite, so auch Halle. Was also tun? „Wir kommen nicht weiter. Wir brauchen eine bessere Ausfinanzierung von Bund und Land“, meinte Kogge. Insbesondere der öffentliche Beschäftigungssektor wie Pfleger und Erzieher müssen besser bezahlt werden. Kogge sieht aber stattdessen die Gefahr weiterer Einsparungen. In dem Fall sieht der Sozialdezernent bereits eine massenhafte Vermehrung „holländischer Kindergartendiscounter“ voraus. „Wir sind mit dem Haushalt an der Kante“, meinte auch Johannes Krause. Dringender Handlungsbedarf von Bund und Land sei daher gegeben. Bei den anstehenden Bundestagswahlen werde der DGB darauf ein Auge haben. Wie Kogge sagte, sei es wichtig Erzieher gut zu bezahlen. Andernfalls drohe ein neuer Niedriglohnbereich. „Wenn wir jetzt nicht aufpassen wackeln alle Sozialsysteme. Meinte der Dezernent.

Das deutsche Bildungssystem sei zwar defacto offen, „trotzdem gelingt es vielen Kindern aus unteren sozialen Schichten nicht erfolgreich zu sein“, merkte Uwe Weise an. „Seit 30 Jahren ist es uns nicht gelungen den Hunger nach Bildung zu wecken.“ Sechs Prozent der halleschen Jugendlichen gehen derzeit ohne Abschluss von der Schule, 2007 waren es 4,2 Prozent. Allerdings gab es in Halle auch tatsächlich schon einmal richtig schlechte Zeiten. Im Jahr 2001 gingen 13,6 Prozent ohne Abschluss von der Schule.

Neben mehr Geld hat die Stadt sich aber auch einige Handlungsempfehlungen gegeben. So soll durch Kooperationen von Schulen und Unternehmen die Jugendarbeitslosigkeit gesenkt werden. Bei der Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit soll die Priorität auf die Beschäftigung von Eltern gelegt werden. Bei der frühkindlichen Bildung soll die Vernetzung und Elternarbeit weiter ausgebaut werden. Bei der schulbezogenen Bildung empfiehlt die Stadt Projekte zur frühen Erkennung und Behebung von Problemen. Die außerschulische Jugendbildung insbesondere durch Sponsoring soll gestärkt werden. Um die Gesundheitssituation zu verbessern sollen Kitas und Schulen besser mit dem Jugend- und Gesundheitsamt zusammenarbeiten. Auch eine stärkere Wertschätzung und Unterstützung des ehrenamtlichen Engagements will die Stadt.

Und auch mit Obdachlosigkeit bei Familien haben die Behörden der Stadt zu kämpfen. Offiziell haben 100 Personen in Halle keine eigene Wohnung, darunter sind zehn Kinder. Die Stadt hat für Notfälle 29 Übergangswohnungen, 30 Plätze im Notquartier und 115 Plätze im Haus der Wohnhilfe. Nicht erfasst aber ist die verdeckte Obdachlosigkeit, Menschen die beispielsweise bei Verwandten und Bekannten untergekommen sind.

Die Bekämpfung der Armut ist für Halle auch ein finanzieller Kraftakt. Allein für die Kosten der Unterkunft muss Halle 71,5 Millionen Euro jährlich ausgegeben, um Hartz IV-Empfängern die Wohnungen zu bezahlen. In die Hilfen zur Erziehung werden 32,3 Millionen Euro gesteckt. Sucht- und Beratungsstellen finanziert Halle mit 550.000 Euro jährlich. Hinzu kommen 60 Millionen Euro für die Kinderbetreuung, 5,3 Millionen Euro für die Beitragsbefreiung bei Kitas, 2,2 Millionen Euro für die Kinder- und Jugendarbeit sowie 1,3 Millionen Euro für das Bildungs- und Teilhabepaket. Eine enorme Summe für eine Stadt, die nicht einmal 40 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen hat und insbesondere auf Zahlungen aus dem Finanzausgleichsgesetz angewiesen ist.

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