„Women in Jazz“: Irene Schweizer und Günter „Baby“ Sommer gerieten zum Festivalglanzlicht

27. April 2016 | Rezensionen | Keine Kommentare
Schweizer und Günther „Baby“ Sommer. Foto: Jörg Wunderlich

Irene Schweizer und Günter „Baby“ Sommer. Foto: Jörg Wunderlich

Der Auftritt von Irène Schweizer und Günter „Baby“ Sommer in Halle geriet zu einem Glanzlicht der Festivalgeschichte von „Women in Jazz“. Festivalleiter Ulf Herden war sichtlich stolz, dieses Konzertereignis ansagen und dazu druckfrische Zeilen aus einer Hommage an Irène Schweitzer in der ZEIT verlesen zu dürfen. Denn ein Instrumentalkonzert zweier Pioniere des europäischen Free Jazz versprach einen neuen Akzent in dem sonst in der Wahrnehmung eher von weiblichen Gesangsstimmen dominierten Festivals zu setzen.

Die eigentliche Conférence zum Konzert hielt dann „Baby“ Sommer himself, der sich an seine erste Begegnung mit Irène Schweizer im Ostberlin des Jahres 1972 erinnerte. Die damals 31-jährige Pianistin gehörte in der Zeit der beginnenden Ost-West-Entspannung zu den ersten Neugierigen der Jazz-Szene, die sich nach Konzerten im Westen in den Osten wagten. Aus dieser langjährigen Beziehung, aus der eine fruchtbare Bühnenpartnerschaft wurde, können beide mittlerweile betagte Künstler noch heute hörbar schöpfen.

In ständigem Blickkontakt, auf jede kleinste spontan Nuance reagierend, ließen Schweizer und Sommer ihre Virtuosität in einer gemeinsamen Meta-Erzählung aus Themen und Motiven münden. Bestechend dabei die Balance aus überbordender Spielfreude und disziplinierter Präzision, in der sich die sonst eher gegensätzlichen Temperamente fanden. In ihren erregenden dialogischen Figuren fanden klassisch anmutende Bebop- und Ragtime-Wurzeln genauso mühelos ihren Platz wie atonale percussive Klangstrukturen. Minimalistische Momente und Solopassagen wechselten sich ab mit intensiven Repetetiva oder orchestral anmutenden Eruptionen. Bei Free Jazz dieser Couleur handelt es sich nicht um zielstrebige abstrakte Grenzüberschreitungen, sondern um einen permanenten Neugewinn von direkter Sinnlichkeit aus dem reinen Spiel.

Die Raumakustik in der Hallenser Georgenkirche kam dem künstlerischen Anliegen des Abends sehr entgegen, weil eine winterliche Deckenabhängung eine Intimität erlaubte, wie sie sonst in Kirchenräumen kaum möglich wäre. Vom ersten Akkord an fühlten sich die zweihundert Konzertbesucher in das Bühnengeschehen einbezogen und reagierten mit dankbarem bis euphorischem Applaus. Nach drei Zugaben und einem kurzen Gastspiel der 75-jährigen Irene Schweitzer am Schlagzeug ging dieser große Musikabend in Halle zu Ende, der nach weiterem ruft.
Vielleicht gelingt im Sommer ja die avisierte Wiederbelebung des traditionsreichen Moritzburg-Jazzfestivals.

Autor: Jörg Wunderlich

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