Wolfsland

11. April 2017 | Rezensionen | Keine Kommentare

Diese Rezension widmet Paula der CDU-Sachsen-Anhalt

Eure Paula hat ausgerechnet für einen Kaminabend im Wald einen Roman über Werwölfe mitgenommen. Ich muss schon sagen, das Austreten auf dem Trockenklo vor dem Haus wurde zu einer spannenden Angelegenheit. Zum Glück hielten sich die Huskies unten im Tal bei den „Indianern“ einigermaßen zurück. Aber schon beim Ruf des Käuzchen zuckte Eure Paula heftig zusammen.

Der Roman „Wolfsland“ des Spaniers David Monteagudo entführt uns in die galicischen Berge im Nordwesten der Halbinsel in ein Land, in dem die Wölfe im Gegensatz zu Deutschland nie verschwunden sind. Im spanischen Original heißt der Roman Brañaganda nach dem Ort und dem Tal, in dem Handlung spielt. Geschrieben ist er in der Ich-Erzähler-Perspektive des Jungen Orlando, dem ersten Sohn der Dorfschullehrerin und Don Enrique, dem Waldhüter der Señora de Freire. Orlando wird sein Leben lang seiner Kindheit in Brañaganda nachtrauern, einer Kindheit, die durch zwei Geschehnisse zerstört wird: Den bestialischen Frauenmorden, die das Dorf einem Werwolf zuschreibt und der geheimen Leidenschaft seines Vater Enrique. Orlandos Kindheit endet an dem Tag, als der Werwolf das erste Mal zuschlug.

All die Rückständigkeit und Hoffnungslosigkeit der ehemaligen Bergbauregion, die auf kümmerliche Land- und Forstwirtschaft zurückgeworfen wurde, vermittelt den Eindruck, der Roman würde irgendwann im Spätmittelalter oder der frühen Neuzeit spielen. Aber es ist das Nachbürgerkriegsspanien, in dem sich auf Befehl „von höchsten Stellen“ selbst die berüchtigte Landpolizei Guardia Civil weigert, den Frauenmorden in Brañaganda nachzugehen. Paula ist natürlich sofort auf ihren höchst persönlichen Spanier losgegangen, ob dem tatsächlich so war. Aber der murmelte etwas von „kann schon sein“, um sich dem Schlaf des Gerechten zu widmen.

Wölfische Spannung bis zum Ende

Orlando sieht eines Tages selbst den Werwolf, als er mit Mutter und Bruder nachts unterwegs ist. Dieser schlägt inzwischen jeden Vollmond zu, die Verwalterin Delfina überlebt als einzige, weil sie und ihre Schwägerin sofort das Feuer auf das Biest eröffnet haben. Das bringt nun den Besitzer des Gutes, den Herrn Besteiro, auf den Plan, der eine gute Idee, wie dem Täter beizukommen ist. Wird er das Untier endlich mit Tatkraft zur Strecke bringen? Oder ist es Don Enrique, der seine Vernunft der im Dorf umgehenden Angst und dem Irrationalismus entgegenstellt, bis er sich selbst dem Werwolf entgegen werfen muss. Da hat sich Eure Paula aber schon fast in die Strumpfhose gemacht.

Spannend ist der Roman, das muss ich zugeben, obwohl er stellenweise ruhig dahinplätschert und sich nicht entscheiden kann zwischen galicischem Heimatroman und Massenmord. Oder ist er beides? Bei all dem Lesevergnügen hat das Buch doch zwei große Schwächen, aber nur eine ist dem Autor selbst anzulasten: Zuerst müssen Übersetzer und Verlag die Prügel einstecken. Natürlich weiß jeder Spanier, was Chorizo, Orujo und Guardia Civil sind, aber ein deutscher Leser braucht es nicht zu wissen, hat diese Begriffe nicht mit der Muttermilch aufgesogen. Aber in Zeiten von Suchmaschinen sind die guten alten Glossars in Büchern anscheinend aus der Mode gekommen. Bedauerlich und eine Schande! Außerdem: Wenn ihr wollt, Verlagsleute bei Rowohlt, dass jemand einen Spannungsroman liest, müsst ihr nicht die ganze Handlung im Klappentext verraten. Seid ihr denn vom Werwolf gebissen worden!

Die zweite Prügel erhält der Autor, der mit „David Monteagudos Spezialität: seinen Lesern jede beruhigende Gewissheit zu verweigern“ angepriesen wird. Wie 247 ausgezeichnet geschriebene und spannende Seiten mit einem albernen Ausflug in die Phantastik vernichtet werden können, lesen Sie ab Seite 248. Was beunruhigend hätte bleiben können, lässt den Leser verärgert und ratlos zurück, weil die angebotene Auflösung allzu kindisch ist. Auch Don Enrique nützt es nichts, den Werwolf überlebt zu haben, denn ihm bleibt am Ende nichts, weder Ehefrau mit Familie, noch die Geliebte.
Selbst der Werwolf taucht nie wieder auf…
Paula schlief ruhig ein, erst am Morgen zärtlich vom höchst persönlichen Spanier mit Wolfsküssen geweckt.

Monteagudo, David: Wolfsland, Roman. Übersetzung: Strobel, Matthias. Originaltitel: Brañaganda,
Verlag: Rowohlt TB. (2016), Aus der Reihe: rororo Taschenbücher – Bd. 26950, 272 S., 978-3-499-26950-9, 9,99 Eur

Paula Poppinga

Print Friendly

Kommentar schreiben