Rache mit Beethoven

12. März 2017 | Kultur, Rezensionen | 3 Kommentare

So voll war das Puschkino lange nicht mehr wie am Freitagabend, als Josef Hader gekommen war, um „Wilde Maus“ vorzustellen, seinen ersten Spielfilm, in dem er nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern den er zugleich auch geschrieben und inszeniert hat. In Halle war er nicht zum ersten Mal:

Torsten Raab, Chef des Hauses, erinnerte daran, dass Hader bereits in den 90er Jahren einmal als Kabarettist bei den Kiebitzensteinern zu Gast war; zum zweiten Mal war er hier als Darsteller des Stefan Zweig in dem Film „Vor der Morgenröte“: „Halle war Hollywood“, sagt Hader, denn eine Szene, die in Hollywood spielte, war aus Kostengründen ins einstige Eichamt am Großen Berlin verlegt worden.

Neubeginn auf der Achterbahn: Georg (Josef Hader) bei einer Verschnaufpause auf der WILDEN MAUS (Copyright: Wega Film / Majestic)

Nun also auf PR-Tour mit „Wilde Maus“. Der Titel spielt an auf jene Achterbahn im Wiener Prater, in die der alternde Musikkritiker Georg zusammen mit seinem Kumpel Erich investiert: Sie hat so enge Windungen, dass man Angst kriegt, aus der Kurve zu fliegen. Und genau dies passiert im Leben des Protagonisten: Von seinem Redaktionsleiter gerade entlassen, traut er sich nicht, dies seiner jungen Ehefrau zu offenbaren, sondern nimmt still und heimlich Rache an seinem ehemaligen Chef. Eine Rache, die zunehmend eskaliert: vom Kratzer im Lack des Autos bis zum Mordversuch. Und die angeheizt wird von Vivaldi- und Beethoven-Musik.

Das gehört zur subtilen Komik des Films, die leise daherkommt und von Verzweiflung grundiert ist: wenn der Wind im Park das Lesen der Zeitung unmöglich macht, während im Hintergrund die kleine Parkeisenbahn vorbeidampft; wenn der Held sich flüchtet in die irreale Pappwelt des Wiener Praters oder vor der grandiosen Kulisse der österreichischen Berge fast nackt durch den Tiefschnee hechtet, um seinen Lebensrettern zu entkommen. Kein Kino zum Schenkelklopfen ist das, sondern eine Tragikomödie in der Tradition von Nestroy und Thomas Bernhard – ein Film, wie er so nur aus Österreich kommen kann. Dieser Georg ist nicht nur ein Kaputtmacher, ein feiger, kleiner, bürgerlicher Terrorist, sondern vor allem ein Loser. Kein Wunder also, dass wir Zuschauer ihn sofort ins Herz schließen. Und mit ihm die anderen Figuren: die Ehefrau (gespielt von Pia Hierzegger, auch im wirklichen Leben die Frau Haders), eine mäßig erfolgreiche Therapeutin, die besessen ist von ihrem Wunsch nach einem Kind und ihren Mann auch telefonisch herbeizitiert: Eisprung – kannst‘ kommen? Ihr schwuler, veganer Patient, der sich um ein Haar in sie verliebt. Erich, der Kumpel, der direkt einem Horvath-Stück entsprungen sein könnte. Und selbst Georgs Chef (gespielt von Jörg Hartmann) hat Hader eine Pointe ins Drehbuch geschrieben, die diese Figur noch einmal in eine ganz andere Richtung dreht.

Und wie war das nun, das erste Mal als Filmregisseur? wird Hader im Puschkino gefragt. „Wunderbar! Ein Drehbuch ist ja wie eine Partitur, die im Film zur Aufführung kommt.“ Regieanweisungen habe er den Schauspielern nicht gegeben, er sei vielmehr überrascht gewesen, was die aus der Tiefe des Drehbuchs zutage gefördert hätten.
In der Tat: Es lohnt sich.

Eva Scherf

„Wilde Maus“ (Österreich 2016) läuft noch bis zum 29. März im Puschkino.

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