„Ernst Vollbehr. Maler zwischen Hölle und Paradies“

5. Juli 2017 | Rezensionen | Keine Kommentare

Im Mitteldeutschen Verlag ist eine umfangreiche und reich illustrierte Dokumentation zu einem umstrittenen Künstler des 20. Jahrhunderts erschienen: Ernst Vollbehr (1876-1960), der alle Epochen der deutschen Geschichte – vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, das Dritte Reich bis zum Nachkriegsdeutschland – selbst mit Skizzenblock und Staffelei dokumentiert hat.

Zunächst findet Vollbehr im exotischen Kolonialthema seine künstlerische Nische. Er bereist die deutschen Kolonien in Afrika, hält dort die Landschaften und die für Europäer exotischen Menschen in stimmungsvollen Bildern fest, die in Zeitschriften veröffentlicht werden. Vollbehr ist Nationalist kein Rassist, er beschränkt sich ganz aufs Malen. Auch als er mit Beginn des Ersten Weltkrieges als offizieller Kriegsmaler an die Westfront geht, ist er ganz Chronist. Dabei ist er in vorderster Kriegslinie tätig, selbst aus der Luft verfolgt er das Kriegsgeschehen. Er gilt daher als erster Luftmaler. Vollbehr blendet jedoch die Gräuel des Krieges aus. Neben Kriegsszenen porträtiert er auch Kriegsteilnehmer. Diese Weltkriegsbilder finden zur damaligen Zeit große Verbreitung.

Nach Kriegsende muss sich Vollbehr neue Themen suchen: er widmet sich der Industriemalerei. Jetzt sind Luftschiffe, Wasserflugzeuge oder Binnenschiffe seine Bildmotive. Zur Weimarer Republik allgemein findet er kaum Zugang. Zu den neuen Machthabern des Dritten Reiches dagegen baut er schnell Kontakte auf. Mit Pinsel und Feder hält er die NSDAP-Parteitage, die Olympischen Spiele 1936 oder den Bau der Reichsautobahnen fest. Auch im Zweiten Weltkrieg ist er rastlos unterwegs, Frontreisen führen ihn vom Nordkap bis nach Kreta. Seine Bilder dagegen reisen als Wanderausstellung durch viele deutsche Städte.

Nach einem weiteren Kriegsende sucht Vollbehr wieder den Kontakt zu den Mächtigen, dieses Mal in Westdeutschland. Er wird entnazifiziert, aber Ausstellungsmöglichkeiten ergeben sich nur wenige. Er kümmert sich um sein Lebenswerk, doch die Verhandlungen – von Kiel bis zum Vatikan – um sein umfangreiches Oeuvre verlaufen langwierig. Immer wieder gibt es Rückschläge – da geschieht ein Wunder: das Deutsche Institut für Länderkunde in Leipzig kauft für 56.000 DM das verbliebene Vollbehr-Gesamtwerk an. Harte D-Mark aus der DDR für einen Dokumentaristen des „Dritten Reiches“. Politische Widerstände regen sich erst nach dem Ankauf und so werden seine Bilder weder in Ausstellungen gezeigt noch publizistisch verwertet. Insgesamt umfassen die Leipziger Bestände heute 881 Bilder. Ernst Vollbehr selbst stirbt am 13. Mai 1960.

Konrad Schuberth (Jg. 1960) – eigentlich Geologe, von dem es aber auch zahlreiche Veröffentlichungen zu Themen der deutschen Kunst- und Kolonialgeschichte gibt – hat Leben und Werk von Ernst Vollbehr ausführlich recherchiert (u.a. Nachlass, Manuskripte oder Kontakte mit Verwandten und Bekannten), um dem Leser ein umfassendes Bild zu vermitteln. Auch Wirkungsstätten und Museen hat der Autor aufgesucht. Entstanden ist eine einzigartige Dokumentation (mit einem umfangreichen Anhang), die nicht nur mit einem Chronisten der deutschen Geschichte sondern teilweise mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts selbst bekannt macht.

Konrad Schuberth: „Ernst Vollbehr. Maler zwischen Hölle und Paradies – Eine illustrierte Biografie“, Mitteldeutscher Verlag Halle 2017, 39,95 €, 864 S., ISBN 978-3-95462-722-6

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