Weiter so, Herr Lutz!

15. Mai 2017 | Kultur | 7 Kommentare

Das hatte man nicht erwartet: Volles Haus bei der Diskussion, zu der gestern Abend die Leitung der halleschen Oper eingeladen hatte, zum ungünstigsten Zeitpunkt: mildes Maiwetter, im TV „Polizeiruf“ und NRW-Wahl. Um die 400 Leute waren gekommen, um darüber zu diskutieren, welche Oper Halle braucht. Vertreten waren alle Gruppen, vom Opernfan, der seit Jahrzehnten die Aufführungen besucht, bis zur Studentin, die erst in den vergangenen Monaten die Oper für sich entdeckt hat. Ein großer Abend nicht nur für das Haus, sondern für das hallesche Theater insgesamt. Denn er hat gezeigt, wie klug, kunstsinnig, verständnisvoll und zugleich kritisch dieses Publikum ist, das klar formuliert hat, welche Oper es will: eine, die künstlerisch Neues wagt, ohne die große hallesche Operntradition zu verwerfen; eine, die Stellung bezieht zu den Fragen der Gegenwart; eine, die das Publikum entzündet und Diskussionen auslöst.

Im Podium unter anderem (von links) Michael v. zur Mühlen (Chefdramaturg und Mitglied d. Opernleitung) , Veit Güssow (stellvertretender Intendant und Mitglied d. Opernleitung) und Intendant Florian Lutz.

Alles brennt

Genau dies ist das Konzept, mit dem Intendant Florian Lutz und sein Team vor acht Monaten angetreten sind, mit dem Spielzeitmotto. „Alles brennt!“. Der Abend war groß, weil das Publikum bei aller Zustimmung auch das, was es sich darüber hinaus wünscht oder was nicht gefallen hat, freundlich, aber bestimmt und mit großem Sachverstand zur Sprache gebracht hat: Kritik an einzelnen Inszenierungen: „Mahagonny“ ist durchgefallen; Oper sollte nicht das Geschäft des nt übernehmen („Blaubart & Bremer Freiheit“);  in „Der fliegende Holländer“ fühlte sich mancher übergriffig als Darsteller vereinnahmt. Mangelnde Textverständlichkeit: Warum ist die sonst übliche Texteinblendung abgeschafft? Mehr Respekt vor der Musik und vor den Sängern. Mehr PR, vor allem bessere Plakate. Dass auch das traditionelle Opernpublikum nicht außen vorgelassen, sondern mitgenommen wird. Und immer wieder kritisiert: die Umwandlung des schönen Operncafés in Mitropa-Parzellen.

Jenseits von Krämergeist

Das am meisten kritisierte Operncafé

Das in der MZ angeprangerte finanzielle Defizit hingegen war schnell abgeräumt. Ein Minus von 1,5 Millionen könne in einer halben Spielzeit gar nicht auftreten, da müsse man tatsächlich genauer hinschauen, sagte der ins Podium geladene Weimarer Intendant Hasko Weber, zugleich Vorsitzender der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins. Lutz und sein Team haben das getan: Ja, man habe nicht nur Zuschauer gewonnen, sondern auch verloren. Allerdings seien bei der aufgemachten Rechnung auch nicht – wie in den vergangenen Jahren – alle Veranstaltungen mit berücksichtigt worden, etwa die Gastspiele. Und im Verlauf einer Spielzeit fließen die Einnahmen auch unterschiedlich, eine realistische Bilanz könne es erst am Ende der Spielzeit geben. Auch in diesem Punkte erwies sich das anwesende Publikum als verständig und jenseits von Kleinkrämergeist: Am Ende müsse die Bilanz stimmen, vor allem aber die künstlerische. Und dies traut es Florian Lutz und seinem Team zu.

Großer Beifall auf beiden Seiten und am Ende das Versprechen, solche Diskussionen regelmäßig zu führen.

Eva Scherf

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