Nach der Flut: Protestwelle der Kulturschaffenden geht weiter

17. Juni 2013 | Kultur | 3 Kommentare

Die Proteste der Kulturschaffenden gegen die Absage der Händelfestspiele und drohende Kürzungen in der Kultur gehen weiter. Nun meldet sich nt-Intendant Matthias Brenner mit einem saftigen Brief zu Wort.

„Die Theater- und Orchesterlandschaft Sachsen-Anhalts ist akut in ihrer Existenz bedroht“, schreibt er darin. „Dies ist nicht nur den Kürzungsplänen der Landesregierung zuzuschreiben, sondern auch und gerade dem Umstand, wie Politiker mit Kunst und Kultur meinen, umgehen zu dürfen.“ Die Sparpläne der Landesregierung nennt Brenner „konzeptlos“. Politiker hätten „ein zutiefst irritierendes (Miss-)Verständnis“ über Aufgabe und Sinn von Kultur. „Sie wird betrachtet und somit auch behandelt als etwas, was als „Sahnehäubchen“ in guten Zeiten zwar toleriert wird, letztendlich aber nicht mehr ist, als eine verzichtbare Volksbelustigung.“

Die Absage der Händelfestspiele nennt Brenner eine „übereilt getroffene und unbegründete Fehlentscheidung nach Rücksprache mit dem Ministerpräsidenten, die der Stadt Halle de facto sowohl wirtschaftlich als auch ideell irreparable Schäden zugefügt hat.“ Brenner will sich nicht „ohnmächtig und kampflos ergeben“, sondern wehren gegen die „Kultur-Absage-Politik“.

Hier können Sie den kompletten Brief lesen:

Die letzten Wochen haben uns Kulturschaffende diesbezüglich sehr betroffen gemacht. Wir sehen uns konfrontiert mit regierungsverantwortlichen Politikern, die aktiv daran arbeiten, dieses Land seiner Kulturvielfalt zu berauben. Die konzeptlosen Sparpläne der Landesregierung, die für den Bühnen-Etat Kürzungen von 20 Prozent vorsehen, werden die Schließung ganzer Häuser und einzelner Sparten zur Folge haben. Zugrunde liegt diesen Entscheidungen – das haben uns gerade die Ereignisse hier in Halle während der jüngsten Hochwasserkatastrophe gezeigt – ein zutiefst irritierendes (Miss-)Verständnis von Politikern über Aufgabe und Sinn von Kultur. Sie wird betrachtet und somit auch behandelt als etwas, was als „Sahnehäubchen“ in guten Zeiten zwar toleriert wird, letztendlich aber nicht mehr ist, als eine verzichtbare Volksbelustigung.
Die Absage der kompletten Händelfestspiele hier in Halle mit der Begründung, „man könne nicht feiern, wenn gleichzeitig Menschen um ihr Leben kämpfen“, war eine von Oberbürgermeister und Festspielintendant in der Hochwassereinsatzzentrale übereilt getroffene und unbegründete Fehlentscheidung nach Rücksprache mit dem Ministerpräsidenten, die der Stadt Halle de facto sowohl wirtschaftlich als auch ideell irreparable Schäden zugefügt hat, vielleicht aber noch als Kurzschlussreaktion angesichts der Flutkatastrophe zu werten sein mag. Festspielintendant Clemens Birnbaum verlangte daraufhin auch die Einstellung des Spielbetriebs der Oper, des Puppentheaters und der Schauspielensembles von Thalia Theater und neuem theater. Dass Oberbürgermeister Bernd Wiegand dann, trotz bereits sinkender Pegel der Saale und der Tatsache, dass die Bühnen der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle vom Hochwasser in keiner Weise betroffen waren, im Alleingang, den Aufsichtsrat und die Stadträte übergehend, ein Aufführungsverbot für alle Theater und Orchester für insgesamt 12 Tage verfügt, dass er spontan von Künstlern vorgeschlagene Benefizveranstaltungen zugunsten der Flutopfer und Helfer bei Androhung von Konsequenzen untersagt, dass er diese Entscheidungen, Kunst und Kultur zum Schweigen zu zwingen, nach wie vor vehement als alternativlos rechtfertigt und jede Diskussion darüber konsequent ablehnt – das alles macht deutlich, wie düster es um das Kultur- und Demokratieverständnis in diesem Land steht. Das macht uns wütend. Es verlangt, dass wir uns dem nicht ohnmächtig und kampflos ergeben, sondern uns dagegen wehren!
Wohin treibt uns diese Kultur-Absage-Politik? Wohin treiben uns Politiker, die eine Naturkatastrophe wie das Hochwasser instrumentalisieren, um zeitgleich ihre zerstörerischen Sparkonzepte zu rechtfertigen? Wohin treibt uns dieser Bürgermeister, wenn er unseren Kultur- und Kunstauftrag meint, im Alleingang und undemokratisch aushebeln zu dürfen, wenn er Künstler und Publikum ohne sachlichen Grund zwangsweise und willkürlich voneinander trennt und so dafür sorgt, dass sinnlos Gräben entstehen und Künstler plötzlich gar mit populistischen Parolen aufs übelste beschimpft und bedroht werden?
Ich fordere Sie auf, sich mit uns diese Fragen zu stellen und mit uns gemeinsam eine öffentliche Diskussion darüber zu führen, ob 0,1% des Haushalts, die Theater hier im Land ausmacht, zur Konsilidierung eines Haushalts verwendet werden sollen und gleichzeitig hunderte Millionen in desaströse Projekte wie z.B. den Eurohawk versenkt werden.

Wir brauchen dringend überregionale Proteste, prominente Meinungsäußerungen und Berichte in Presse und TV, Internet und Radio über unsere notwendige künstlerische Arbeit und unseren Kampf gegen Kultur- und Bildungsabbau. Kultur in Sachsen-Anhalt darf nicht nur aus „Leuchttürmen“ und Festivals bestehen, sie ist Voraussetzung für die Entscheidung, hier leben, studieren und bleiben zu wollen.
Für den Erhalt der Theaterstandorte in Dessau, Eisleben, Halle und Magdeburg müssen wir gemeinsam kämpfen!

Matthias Brenner
Intendant
neues theater halle / Thalia Theater

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