Hiobsbote und Welterklärer

29. Mai 2017 | Kultur, Rezensionen | 13 Kommentare

Unser aller Maaz hat ein neues Buch geschrieben. Die erste Hälfte variiert seine alte Hiobs-Botschaft: Wir alle sind krank: der Konsument – eine Art Drogensüchtiger; der Erfolgreiche, der seine unglückliche Kindheit durch Macht- und Führungsposition kompensiert; der Helfer, der sein schwaches Selbstwertgefühl im Gebrauchtwerden kompensiert; das Vereinsmitglied, ein nie aufgeblühtes und verwelktes Selbst (S. 99), das  im Verein endlich Zuwendung erfährt; der Protestler, der die eigene Entfremdung verteidigt…Allesamt falsche Leben, behauptet er, und die Ursache dafür liegt – das ist inzwischen wohl jedem klar – in den Beziehungsstörungen, die wir als Kinder erfahren haben.

Dass Maaz nicht nur menschliche Schwächen, sondern auch Stärken sogleich als Symptome des Gestörtseins interpretiert, liegt nicht nur an seinen apodiktischen Formulierungen, sondern auch an seinem psychotherapeutisch verzerrten Blick. So werden die vielen Varianten menschlichen Daseins auf die Gegenübersetzung von „falschem“ und „wahren“ Leben geschrumpft. Wobei das „wahre Leben“, das muss er dann doch zugeben, eine Illusion ist. Eigentlich meint er damit die seltenen Momente von Zufriedenheit, Glückseligkeit, Weisheit und „Erleuchtung“. Gibt es die nicht im Leben eines jeden Menschen? Wenn das „wahre Leben“ sowieso nicht existiert – warum dann überhaupt dieser Begriff?

Die Crux des Buches (wie auch der vorausgehenden) liegt darin, dass Maaz seine psychopathologischen Beobachtungen, ohne mit der Wimper zu zucken, auf die Gesellschaft  überträgt, immerfort eine kranke Gesellschaft diagnostiziert und aus der frühen Kindheit sogar Geschichte erklärt: die NS-Zeit als Konsequenz von mehrheitlich bedrohten und ungeliebten Selbst; das Wirtschaftswunder als Leistung des ungeliebten und gekränkten Selbst; die 68er Bewegung als Angriff auf die Väter und Identifikation mit geborgten Autoritäten; die DDR als Fortsetzung der vorausgegangenen Gestörtheit  unter anderer Fassade; die Nachwendezeit als Wechsel von einem falschen Selbst in ein anderes.

Erschienen ist das Buch 2017.

So simpel wird nicht nur die deutsche Geschichte erklärt, sondern auch die Gegenwart, genauer: die Flüchtlingswelle 2015/2016, die mit der irrationalen Grenzöffnung durch Merkel ausgelöst worden sei und nach dem ostdeutschen Untertanen („Der Gefühlsstau“) und dem Narzissten („Die narzisstische Gesellschaft“) einen dritten massenhaft verbreiteten Krankheitstypus offenbart: den Normopathen, den Überangepassten mit einem übersteigerten Bedürfnis nach Konformität. Recht besehen also sowas wie die aktuelle gesamtdeutsche Ausgabe der Untertanenseele. Und dann liest Maaz der Kanzlerin und ihren normopathischen Helfershelfern die Leviten: „Wir schaffen das!“ entspricht einer phrasenhaften Selbstüberschätzung, wie es für das narzisstische Selbst typisch ist. Mit dem Willkommensjubel werden Schuldgefühle („ungeliebtes Selbst“) beruhigt, und mit einem angestrengten Bemühen um Integration („abhängiges Selbst“) werden die grundsätzlichen Fragen unserer Normopathie verdrängt.

Nur die Ostdeutschen kommen – dieses Mal – besser weg, genauer: Pegida & Co. An der neuen Krankheit leiden natürlich auch sie, aber immerhin sei die ostdeutsche Protestbewegung ein Symptom für die Überwindung der ehemaligen Anpassungsnormopathie, eine Reaktion auf die Arroganznormopathie des Westens.

Gibt es denn gar keine Heilung? Nein, sagt der gestrenge Herr Maaz, es bleibe nur die lebenslange schmerzhafte Selbsterkenntnis, die das Leiden ein wenig abmildern könne. Zum Beispiel durch Psychotherapie.

Angesichts ihres vollen Terminkalenders wird die Kanzlerin wohl dafür nicht genug Zeit haben.

Eva Scherf

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